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Als Terézia Moras erster Roman Alle Tage im Herbst 2004 erschien, gerieten die Rezensenten aller großen deutschen Zeitungen in schieres Entzücken. Beim Luchterhand Verlag sammeln sich die vielen Besprechungen inzwischen in zwei dicken Leitzordnern, und der Roman erhielt im Frühjahr 2005 den erstmalig verliehenen Preis der Leipziger Buchmesse. Mit dem traditionsreichen Bachmann-Preis war die Jungautorin schon 1999 für ihr erzählerisches Debüt Seltsame Materie ausgezeichnet worden, im Jahr 2000 mit dem Chamisso-Preis für ihre grenzüberschreitende Sprachleistung als Ungarin, die auf deutsch schreibt. Ein vierter Preis, der Jayne-Scatchered-Übersetzerpreis (2002) für die Übertragung von Péter Esterházys Großroman Harmonia Celestis, sei hier noch erwähnt, denn in all diesen Auszeichnungen spiegelt sich der sprachliche und literarische Hintergrund dieser bikulturellen Autorin wieder, der auch in den Roman Alle Tage eingeflossen ist.
Sein merkwürdiger Held Abel Nema wächst wie die Autorin in einem Land Osteuropas auf, er emigriert wie sie in eine westeuropäische Metropole B. (bei Mora ist das Berlin), er studiert wie besessen zehn Sprachen im Sprachlabor, die er sehr schnell perfekt beherrscht, und arbeitet als Sprachlehrer und Übersetzer. Terézia Mora hat (noch) nicht so viele Sprachen gelernt, praktiziert jedoch ebenfalls das Metier des Übersetzens, aber zum Glück hing sie wahrscheinlich noch nie derart hoffnungslos kopfunter in den Seilen, wie ihr Protagonist es gleich zu Beginn des Romans tut. Dennoch, gewisse kulturelle Affinitäten dürften beiden gemeinsam sein. So sagt die Autorin in einem Interview: "Ich komme aus einer depressiv-pessimistischen Kultur, aus einer leidenden Kultur."
Auch Abel Nema kommt aus einer pessimistischen Kultur, aber er leidet eher an einer subjektiven, existentiellen Not. Ihr Grund ist erotischer Natur – er liebt seinen Schulfreund Ilia, der Abel Nema allerdings nach dessen Liebesgeständnis verstößt. Auf dieser traumatischen Stufe, im Status des Verachteten, bleiben Abel Nemas Selbstbild und Entwicklung stehen. Er verweigert sich. Es mag schon stimmen, dass er einer der "vielen aus dem Welttransitstrom der Gegenwart, eine Displaced Person der Globalisierung" ist, wie ein Rezensent ihn charakterisiert hat. Er ist aber vielmehr noch ein Leidender an sich selbst, der es nicht schafft, sein sexuelles Dilemma zu überwinden. Das heimliche Begehren schöner Knaben ist der einzige Kitzel in diesem Schattendasein; soziale und erotische Erfüllung werden bei ihm durch anderes ersetzt: "Die Welt als Vokabel! Das ist mein Trost! Warum kann man das nicht verstehen?" fragt er einmal.
Man könnte vermuten, solch eine Leidensfigur führe direkt zu einem "depressiv-pessimistischen" Entwicklungsroman mit tragischem Ende, in dem sich dann auch die Leidenserfahrung der Autorin selbst spiegeln würde. Dem ist aber nicht so. Die Autorin unterscheidet sich elementar von ihrer Hauptfigur, indem sie deren Passivität ein ganz anderes Temperament entgegensetzt: "Ich habe mir gesagt: Don't worry, work!", und als Romanautorin hat sie – neben der Tragödie des verhinderten Subjekts Abel Nema (= Stummer Hauch) – noch ein sehr viel weiteres Spektrum im Blick: "Ich hatte am Anfang eine Kerngeschichte: Ihn, seine Scheinehefrau, seinen Stiefsohn, seinen Jugendfreund, seine Eltern ... Und dann sind mir noch eine Menge Menschen eingefallen..."
Und genau diese Menschen retten den Roman. Zu Abel Nemas existentieller Tragödie heisst es einmal im Text, er sei "ein Mensch ohne Menschheit". Für die Figur innerhalb der im Roman erzählten Geschichte gilt das Gegenteil: Abel Nema existiert nur durch die Menschen um sich herum, durch die Stimmen der Anderen, durch ihre Erinnerungen und zweifelhaften Dialoge, durch ihre brutale Gegenwart und ihre dilettantische Existenz, durch ihr Begehren, dessen er sich, als Objekt der Begierde, jedoch gar nicht bewußt ist. Er existiert durch die Delirien und Turbulenzen einer sozialen Sprache, die seinem Monolog und seiner sterilen Sprachvirtuosität in jeder Hinsicht entgegengesetzt sind.
Zu diesem Sprachtaumel des literarischen Personals, der dennoch plastisch heraustretenden Szenerie mit klar konturierten Personen und einem permanent wechselnden Setting – vom Balkandorf bis zur Bürgervilla – tritt das von keiner Genre-Norm gehemmte, doch aufmerksam kontrollierte Sprachexperiment von Terézia Mora. "Man kann in der Prosa alles machen...", sagt die ehemalige Drehbuchautorin, und zum Glück hat sie den Mut dazu. Die zehn Sprachen aus dem Linguistiklabor haben ihrem Helden dagegen wenig gebracht. In einer jener flüchtigen Zitatpassagen des Romans blitzt ein Nachrichtenfragment auf: "... ein Achtzehnjähriger schnitt sich im Engelstrompetenrausch Penis und Zunge ab..." Das ist im übertragenen Sinne auch das Schicksal des traurigen Helden Abel Nema. Ein treffenderes Wort, aus Terézia Moras eigenem Literaturlabor, lässt sich für diesen Roman kaum finden: Engelstrompetenrausch, nüchtern geläutert.
Martin Zähringer
Oktober 2005
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