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Leipziger Buchmesse und der Bücherfrühling 2026
Von Zeitgeschenken und Gärten der Kooperation

Leipziger Buchmesse 2026
© Goethe-Institut

Die Juryvorsitzende des Preises der Leipziger Buchmesse 2026, Katrin Schumacher, ist in die Bücher des Frühjahrs eingetaucht und teilt mit uns die literarischen Schätze, die sie gehoben hat.

„Ich glaube nicht, dass wir isoliert und als Einzelne arbeiten sollten. Sondern dass wir unsere Eigenständigkeit, also auch unsere Widerspruchsfähigkeit, unseren Eigensinn am besten verwirklichen, wenn wir im Dialog sind. Dialog hat nicht zur Folge, dass ich meine eigenen Ansichten verflache, sondern dass sie überhaupt erst hervorgerufen werden.“ Alexander Kluge, Pluriversum, S. 61

Wenn Bücher beginnen, miteinander zu korrespondieren. Wenn die eine Lektüre der anderen beispringt, die Welt an manchen Stellen ein Gerüst bekommt und sie an Stabilität gewinnt. Vielleicht sind wir dann in den wunderbaren „Gärten der Kooperation“ gelandet, die der Ende März 2026 verstorbene und so inklusiv wie rhizomatisch denkende Alexander Kluge sie genannt hat, die Gärten der Kooperation, in denen blüht, was im Verbund gesetzt und gepflegt wird.

Die Buchmesse in Leipzig war solch ein Garten für vier Tage. Vom 19. bis 22. März 2026 zog sie Besucher*innen in Rekordhöhe an (in Zahlen: 313.000 Menschen) und war Schauplatz für 2.044 Aussteller*innen aus 54 Ländern. „Wo Geschichten uns verbinden“ war das Motto.

Auch der Preis der Leipziger Buchmesse ist verbindend, nicht zuletzt, weil er in gleich drei Kategorien vergeben wird: der Belletristik, der Essayistik/Sachbuch und der Übersetzung. Die Jury besteht, im Gegensatz etwa zu der des Deutschen Buchpreises, ausschließlich aus Kritiker*innen. Im Vertrauen, für Entdeckung zu stehen, für Haltung und Lesevergnügen, waren in diesem Jahr neben der Autorin (MDR Kultur, 3sat) dabei: Zita Bereuter (ORF), Kais Harrabi (DLF Kultur), Katharina Herrmann (Blog „Kulturgeschwätz“), Thomas Hummitzsch (freier Kritiker, intellectures.de), Judith von Sternburg (Frankfurter Rundschau) und Tilman Spreckelsen (Frankfurter Allgemeine Zeitung). 485 Einreichungen sind in diesem Jahr auf uns sieben Juror*innen zugekommen.
 

Calic, Geipel, Jekal, Lust, Pfister © C.H. Beck, © S. Fischer, © Matthes & Seitz, © Reprodukt, © Galiani



Die Gegenwärtigkeit der Geschichte

Bücher können uns an andere Orte und in andere Zeiten bringen – und es dabei schaffen, Resonanzen herzustellen zwischen jetzt und damals. Man könnte mit dem Blick auf die von uns nominierten Bücher behaupten, dass wir ein ziemlich geschichtsinteressierter Juryjahrgang gewesen sind – doch im Gegenteil, uns interessierte die Gegenwart, die miterzählt wurde. Diese Gegenwart spiegelt sich in den Büchern, die auf der Messe viel diskutiert wurden: etwa „Die Wut ist ein heller Stern“ (Hanser) von Anja Kampmann. Schauplatz ist das Hamburger Varieté Alcazar, in dem Hedda in den 1930er Jahren als Artistin arbeitet, und es sind schleichende Verschiebungen, durch die ein rotes Hamburg braun wird. In herausragender sprachlicher Genauigkeit und atmosphärischer Dichte erzählt Anja Kampmann von der prekären Existenz einer Varieté-Tänzerin in den frühen Jahren des nationalsozialistischen Deutschlands und schwindenden Schutzräumen für alle, die in diesem Deutschland keinen Platz haben sollten.

Ebenso wie in dem schließlich preisgekrönten Buch „Goldstrand“ (S. Fischer) von Katerina Poladjan wird eine Welt in Erosion beschrieben - mit deutlichen Linien in die Gegenwart. In Poladjans Roman geht es um Eli, einen Regisseur bildgewaltiger Filme, der in einer bröckelnden römischen Villa lebt und einer um ihn herum wachsenden Einsamkeit zusieht. Sein Dasein im Erzählen gibt dem Buch eine fantastische Struktur, bis hin zur mythischen Reise ans Schwarze Meer. Ein Roman, der meisterlich in die europäische Geschichte und ihre Wirrnisse führt. Wohin gehöre ich? Diese Frage stellt sich Eli – und die findet sich nochmal anders und dringlicher gestellt in den beiden nominierten Sachbüchern von Marie-Janine Calic, „Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C.H. Beck), und Jan Jekal, „Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten. 1941–1953“ (Matthes & Seitz Berlin). Beide Bücher beleuchten fast spiegelbildlich die Flucht nach Ost und West. Die einen gingen nach Hollywood, die anderen verschlug es nach Südosteuropa. Gerade der Balkan ist bislang in der Exilforschung kaum beachtet – Marie-Janine Calic schließt eine Lücke mit diesem eindrucksvollen Werk. Jan Jekals Buch, das in die Gegenrichtung führt, hat das Zeug zu einem echten Blockbuster. In den Hauptrollen Stars wie Thomas Mann, Marlene Dietrich oder Bertolt Brecht; eine Handlung voller tragischer Wendungen und großer Gefühle. Ganz nebenbei legt Jan Jekal auch erstaunliche Parallelen zur Gegenwart frei: Geflüchtete wurden selten mit offenen Armen empfangen – selbst Stars nicht.
 

Häffner, Hensel, Hermann, Quent, Bartmann © dtv, © Aufbau, © S. Fischer, © Piper, © Hanser



Rechtsruck und Nationalismus

„Wo Geschichten uns verbinden“. Interessanterweise hatte man sich in Leipzig 2026 nicht für ein Gastland entschieden, sondern für ein Fokusthema, das gleich mehrere Länder, von Deutschland bis zur Ukraine, miteinander verband: die Donau. Eine tatsächlich sehr gegenwärtige Idee, nicht eine Nation in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Verbindung zwischen europäischen Ländern in den Blick zu nehmen. Passend dazu die Rede des diesjährigen Trägers des Preises zur europäischen Verständigung, die auf die Gastfreundschaft und das Übersetzen zielte. Miljenko Jergović wurde für seine Erzählungen „Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered“ (Suhrkamp, aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert) ausgezeichnet. Die Belagerung Sarajevos, wo der Autor 1966 geboren wurde, steht im Mittelpunkt dieses Erzählungsbandes, der ästhetischen Widerstand gegen die großen Vereinfachungen und die Gefahren des Nationalismus leistet. Eines der beeindruckendsten Bücher des Frühjahrs, das sich in diesen Glauben an den Widerstand einreiht, stammt von Michal Hvorecký, der bis vor kurzem im Goethe-Institut Bratislava gearbeitet hat. „Dissident“ (Klett-Cotta) heißt es und beschreibt auf sehr persönliche Weise, wie er in seinem Heimatland Slowakei, mittlerweile ein Ungarn 2.0, in das Visier der Kulturministerin gerät, wie er durchs ganze Land reist zu Demonstrationen, dort spricht, Verbindungen knüpft. „Dissident“ steht zwar in der Einzahl im Titel, aber Hvorecký plädiert dafür, sich zusammenzuschließen, gemeinsam stark zu werden, eine Macht gegen die Macht zu bilden.

Es ist eine tägliche Erfahrung, dass es weniger denn je einen belastbaren Blick auf die Gegenwart gibt. Die Realität ist elastisch, je nach Feed, unsere Aufmerksamkeit wird mit Ungewissheit in ständiger Aktualisierung gefüttert, und dieses Füttern ist natürlich mit jedem Blick in die Timeline ein aktiver Prozess. Vielleicht liegt das Glück darin, diesen Prozess immerhin steuern zu können, denn wir können wählen und uns entscheiden für die Literatur, die Gegenspielerin des affektgesteuerten Feeds. Viele Bücher in diesem Frühjahr geben eine Idee dazu, in welchen Kontexten wir uns gerade befinden und dass es lohnt, sich zusammenzuschließen. Der vielgefragte Autor Ronen Steinke schreibt vom Status Quo in „Meinungsfreiheit. Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen.“ (Piper). Eine Lektüre, die gerade mit Blick auf den Rechtsruck im europäischen Ausmaß interessant wird. Den Horizont dafür öffnen möchte auch Sally Lisa Starken in „Wenn der rechte Rand regiert“ (Penguin). Die Autorin ist in erodierende Demokratien gereist und warnt vor dem, was hierzulande im Moment schon passiert. Während die AfD in Umfragen führt und die Demokratie ins Rutschen zu geraten droht, stellt sich die entscheidende Frage: Inwieweit können wir jetzt noch gegensteuern? Dieses Buch gibt Antworten und zieht Lehren aus Entwicklungen anderer Länder. In dieser Hinsicht warnende Zeilen sind bei Angelique Geray in „Undercover unter Nazis“ (Hoffmann und Campe) zu lesen, einer investigativen Recherche im rechten Milieu. Matthias Quents „Keine Macht der Ohnmacht“ (Piper) und Christoph Bartmanns „Attacke von rechts. Der neue Kampf um die Kultur“ (Hanser) machen indes Mut, indem sie aufzeigen, welchen Strategien der Einzelne in seinem politischen Handeln noch folgen kann.
 

Jergović, Hvorecký, Steinke, Starken, Geray © Suhrkamp, © Klett-Cotta, © Piper, © Penguin, © Hoffmann und Campe


Intensive Zeitrecherchen

Bücher können so vieles leisten: Fluchthelfer sein und Fragestellerinnen, sie können Kunstwerke sein – wie Rückspiegel und Glaskugel in einem, vielleicht sogar Feuerlöscher, im letzten Moment. Auffällig viele Titel in diesem Frühjahr lassen sich auf eine intensive Zeitrecherche ein. Das mit Spannung erwartete neue Buch von Judith Hermann „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ (S. Fischer) ist so eine. Hier durchmisst sie die Leerstellen in der eigenen Familiengeschichte und bricht dabei mit allen Erwartungen an ein historisches Sachbuch. Sie hat den Mut, über das Nicht-Wissen zu schreiben, das uns alle einholt, der Nebel angesichts der versterbenden Zeitzeug*innen und der Zeit, die sich über Gewissheiten legt. Ein im wahrsten Sinne unheimlich stimmiges Buch im Umkreisen der Leere, eine literarische Geisterbeschwörung, die genau so, in dieser Dichte, wohl nur Judith Hermann schreiben konnte. Erinnerung und Erinnerungskultur stehen auch im Zentrum von Ines Geipels „Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung“ (S. Fischer), in dem sie sich der Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald widmet. Ihr Blick geht sehr persönlich auf einen bislang wenig beleuchteten Zeitraum: die Tage der Befreiung im Frühjahr 1945. Geipel untersucht, was in diesem historischen Übergangsmoment tatsächlich geschah und welche Narrative sich im Nachhinein darübergelegt haben. Weitaus umstrittener, aber durchaus ein vielgelesenes Sachbuch dieses Frühjahrs ist Jana Hensels „Es war einmal ein Land“ (Aufbau), in dem sie mit Blick auf die Historie versucht zu erklären, weshalb sich der Osten von der Demokratie abwendet. Viel weiter zurück in der Zeit gehen die zwei Großformate unter den Sachbuch-Nominierten 2026: „Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen“ (Reprodukt) von Ulli Lust und Manfred Pfisters „Englische Renaissance“ (Galiani Berlin). Beide Bücher geben auf akribisch recherchierte Art und Weise von ihren Themen bestimmt (Feminismus bzw. Renaissance) Einblicke in weit zurückliegende Lebenswelten. Wunderschöne Zeitfallen sind beide.
 

Rietzschel, Nawrat, Sumburane, Dinev, Schröder © dtv, © Rowohlt, © Edition Nautilus, © Kein & Aber, © dtv



Der Osten und darüber hinaus

Sucht man nach den großen Romanen, den hinreißenden Erzählungen, den literarischen Panoramen, dann stehen auch die im Licht der Zeitreisen. Eine neue Stimme hier ist Helene Bukowski, deren dritter Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ (Ullstein) tief in die DDR-Geschichte zurückgeht und eine Künstlerin portraitiert. Christinas Leben ist kurz und intensiv. Als hochbegabte junge Frau wurde sie an Musikkonservatorien in Berlin und Moskau ausgebildet und gedrillt, 1985 kehrte sie zurück und nahm sich wenig später das Leben. Anspielungsreich und eindringlich spürt Helene Bukowski einer Pianistin nach, die von der Erzählerin aus der verblüffenden Perspektive eines Geistes umschwebt wird. Ebenso fantastisch beginnt Lukas Rietzschel seinen neuen Roman „Sanditz“ (dtv), in dem er multiperspektivisch die Erzählung einer Familie und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher Geschichten verwebt – vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart. In die Wendezeit führt auch der Kriminalroman „Keine besonderen Auffälligkeiten“ (Edition Nautilus) von Sophie Sumburane, die sich anhand eines wahren Falles auf die Spur des letzten Serienmörders der DDR macht – und dabei beweist, dass jeder gute Krimi auch ein guter Gesellschaftsroman ist.

Große Romane, die über den Osten hinausführen, legen Norbert Gstrein mit „Im ersten Licht“ (Hanser) und Dimitré Dinev mit „Zeit der Mutigen“ (Kein & Aber) vor. Beide erzählen vom Krieg, in den ihre Protagonist*innen nicht ziehen, aber dennoch heillos davon bestimmt sind. Eine große Entdeckung ist Elli Unruh mit „Fische im Trüben“ (TRANSIT). Sie erzählt klug, ergreifend und ohne jede Romantik von der besonderen Kultur der Mennoniten in Kasachstan. Damit erschließt sie uns eine Welt, die fremd und mittlerweile versunken ist. Ein anderes Panorama erschafft Matthias Nawrat in „Das glückliche Schicksal“ (Rowohlt), der die junge polnische Psychologin Wanda Karłowska im Jahr 1983 nach Venedig reisen lässt, um den dort im Exil lebenden Henryk Mrugalski zu seiner Forschung zu befragen. Oder ist es vielleicht doch ein Verhör? Spannung und familiäre Fallstricke – wer sich in die Welt von Alena Schröders Figuren begibt, ist vom dritten Teil ihrer Trilogie wieder fasziniert: „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ (dtv) war in diesem Frühjahr von jetzt auf gleich Bestseller. Ebenso wie der Geheimtipp aller Buchhändler*innen: Hannah Häffners „Die Riesinnen“ (dtv). Dieser seitenstarke Roman ist der Überraschungserfolg der Saison, eine Geschichte von drei Generationen von Frauen, die einfach zu groß sind für ein „normales“ Leben.
 

List, Liebl, Böhm © Wasser Publishing, © Harper Collins, © Rowohlt



Frauen, die sich wehren

Letztendlich wurde die Buchmesse in diesem Jahr auch vom Thema digitale Gewalt, Misogynie und Vergewaltigung durch Internetpornografie bestimmt. Die Schauspielerin Collien Fernandes hatte es mutig in die Medien gebracht, die Bücher dazu gibt es schon: etwa Nicole Lists „Angst vor Männern“ (Wasser Publishing), die darin vehement das angstfreie Leben für alle fordert – und zeigt, was dafür notwendig ist. Sowie Andrea Böhms schillernde Geschichte von boxenden, ringenden, kämpfenden Frauen durch die Jahrhunderte „Fighting like a woman“ (Rowohlt). Auch von männlicher Seite gibt es lesenswerte Lektüre zum Thema, so wie Ole Liebls Nachdenken über eine neue Männlichkeit in „Brutal fragile Typen. Männer und Gefühle“ (Harper Collins).

Der Blick auf die Gegenwartsliteratur in all ihren Facetten lässt noch einen Gedanken zu, der mit unser aller schnellen Entzündlichkeit am Tagesgeschehen zu tun hat. Denn wir setzen uns einer grundsätzlich anderen Form der Erzählung aus, wenn wir uns in ein Buch versenken, in eine Erzählung, die ihre Entstehungszeit mitträgt, die langen Wochen des Erfahrens, Denkens, Schreibens, Umschreibens, Zweifelns, des Gelebthabens, der Lebenszeit, die in jedem Buch stecken, und die jedes Buch auratisch umgeben. Literatur nimmt sich Zeit, darum ist sie so wertvoll. Sie ist ein Zeitgeschenk jedes Schreibenden an uns Lesende. Viel Freude beim Beschenktwerden in diesem Frühjahr.


Dr. Katrin Schumacher ist Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Redakteurin beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie war die Juryvorsitzende des Preises der Leipziger Buchmesse 2026.