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 Image Bernd Schroeder

Hau

Carl Hanser Verlag
München 2006
ISBN 3-446-20756-2
365 Seiten


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 Buchbesprechung

Einer der spektakulärsten und bis heute nicht eindeutig geklärten Mordfälle in der deutschen Justizgeschichte des letzten Jahrhunderts geht so: Der Jurastudent Karl Hau (neunzehnjährig, ehrgeizig) macht im Mai 1901 bei einem Urlaub in Ajaccio auf Korsika die Bekanntschaft der wohlsituierten Witwe Molitor aus Baden-Baden und ihrer beiden Töchter Olga und Lina (neunzehn und fünfundzwanzig, unverheiratet). Die schwärmerische Olga ist, wie ihre Mutter, sofort für Karl entflammt und hält diese und andere Gefühle in sentimantalen Gedichten fest, die sie auch gern öffentlich zu Gehör bringt. Doch trotz einer gewissen Attraktion ist es nicht die extrovertierte, hübsche Olga, die Karls Interesse weckt, sondern ihre ernstere und sechs Jahre ältere Schwester. Auch sie erliegt dem Charme des jungen Hochstaplers im Nu.

Denn der aus einfachen Verhältnissen stammende Karl erfindet fortwährend die tollsten Geschichten über seine Familie und seine berufliche Zukunft, und dank seiner weltgewandten und selbstsicheren Art verkörpert er glaubwürdig, wovon er erzählt. Als er die drei Damen daheim in Baden-Baden besucht, kommen er und Lina sich näher, und sie läßt sich dazu überreden, gegen alle Vernunft mit ihm zu fliehen. Als Karls wirkliche Verhältnisse bekannt werden, stimmt selbst die Mutter einer Legalisierung des Verhältnisses zu, um einen noch größeren Skandal zu verhindern.

Das junge Ehepaar geht in die USA, wo Karl dank der großzügigen Förderung durch seine Schwiegermutter das Jurastudium mit Auszeichnung beenden und eine vielversprechende akademische Laufbahn als Assistenzprofessor einschlagen kann. Doch er, der inzwischen auch stolzer Vater einer Tochter ist, strebt nach Höherem; und so versucht er sein Glück mit internationalen Spekulationsgeschäften, bei denen er nicht nur die Mitgift seiner Frau, sondern auch das Geld diverser Mitbürger durchbringt.

Finanziell ruiniert, aber immer noch den schönen Schein aufrechterhaltend, kehrt er 1906 mit Frau und Tochter nach Europa zurück, wo alsbald auch sein nie ganz geklärtes Verhältnis zur schönen Olga wieder aufflammt. Als er von London aus verkleidet nach Baden-Baden reist, um sich heimlich mit ihr zu treffen, wird die Witwe Molitor auf offener Straße durch einen Pistolenschuß getötet. Zeugen glauben, in einem dunkel gekleideten Mann am Tatort Karl Hau erkannt zu haben, der tags darauf verhaftet wird. 1907 wird er, am Ende eines aufsehenerregenden Indizienprozesses, wegen Mordes aus Habgier zum Tode verurteilt; eindeutige Beweise seiner Täterschaft liegen nicht vor.

Später wird das Todesurteil zu lebenslanger Haft abgemildert, 1925 wird Hau auf Bewährung entlassen. Er schreibt zwei Bücher über den Prozeß und seine Zeit im Gefängnis, die schnell zu Bestsellern werden. Als man ihn aufgrund dieser Enthüllungen wieder einsperren will, flieht er. 1926 findet ein Schäfer den Sterbenden in den Ruinen der Villa Adriana in Tivoli. Mit Karl Haus Selbstmord, der die lebenslang perfekte Selbstinszenierung bis in den Tod hinein aufrechterhält, endet die Geschichte dieser gleichermaßen faszinierenden wie beunruhigenden Gestalt.

Das literarische Potential dieser Geschichte um Liebe, Leidenschaften und Verderben nutzt Bernd Schröder gekonnt aus. Er macht aus der Skandlageschichte einen spannenden, kunstvoll komponierten Dokumentar-Roman. Geschickt werden hier reale Dokumente wie Prozeßakten, Zeitungsberichte, Briefe und Zeugenaussagen mit fiktiven Passagen verflochten, die sich allesamt genau so zugetragen haben könnten, und so entsteht ein schillerndes und moralisch höchst ambivalentes Bild des Protagonisten. Hochbegabt und skrupellos, liebevoll und sexuell ausschweifend, von hitziger Leidenschaft und berechnender Kälte: so erscheint diese unglücklich scheiternde, dämonische Variante Felix Krulls in Bernd Schröders Roman.

Die besondere Qualität des Textes liegt darin, daß es ihm an keiner Stelle um eine Klärung der Schuldfrage und infolgedessen um Parteinahme geht. Vielmehr enthält er sich aller Bewertungen der erzählten Figuren und Ereignisse und erhebt den Verzicht auf Chronologie und Kausalität zum Erzählprinzip: Immer wieder läßt er die drei Erzählstränge von Vorgeschichte, Prozeß und Inhaftierung einander unterbrechen und durchdringen, und bis zum Schluß bleiben die Sichtweisen und Bewertungen der verschiedenen Figuren in ihrer Widersprüchlichkeit gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Die sprunghafte und fragmentarische Form des Erzählens bildet damit das Erzählte ab und macht es zur Leseerfahrung: den vergeblichen Versuch einer Aufklärung des Ungeheuerlichen, der auf unterschiedlichste Quellen angewiesen ist, die Suche nach einer verläßlichen Wahrheit, die sich – wenn überhaupt – nur aus den verschiedenen Versionen des Geschehenen synthetisieren ließe. So wird der über weite Strecken passive und schweigende Angeklagte zum leeren und selbst unbewegten Zentrum eines Strudels von Geschichten. Er allein ist ja im Besitz der allseits erstrebten Wahrheit. Und er verrät kein Wort.

Bernd Schröder macht seinen in jeder Hinsicht exzentrischen Helden zum Mittelpunkt seines sozial- und zeitkritischen Romans. Sein sehr plastisches Porträt des talentierten Herrn Hau zeigt, wie die wilhelminische Gesellschaft des Jahrhundertanfangs Hau vor allem wegen seines unmoralischen Lebenswandels für schuldig befindet. Denn einem, der wie er sein Geld verpraßt, seine Frau betrügt und das Geld anderer Leute verspekuliert, ist in ihren Augen ohne weiteres auch ein Mord zuzutrauen. So wird Hau letzlich um seines Abweichens von den sozialen Normen willen verurteilt, nicht aufgrund überzeugender Beweise – die es ja zu keinem Zeitpunkt gegeben hat.

Schröders Literarisierung des sensationellen Falles dient somit nicht so sehr der Rekonstruktion eines authentischen Geschehens als vielmehr dem Offenlegen der Mechanismen von Vorurteilen, Ausgrenzung und Inkrimierung auf der einen, dem rücksichtslosen Streben nach Lebensgenuß und Individualismus auf der anderen Seite. Das eigentlich Spannende, ja Aufwühlende in Schröders polyphoner, halb dokumentarischer, halb fiktiver Umsetzung des Justizskandals aber ist die Erkenntnis, daß der Konflikt eines starren Wertesystems und eines libertinären Lebenswandels in dieser gesellschaftlichen Ordnung offensichtlich nur dadurch gelöst werden kann, daß sich diese Ordnung mit aller verfügbaren staatlichen Macht gegen ihr bedrohliches Anderes behauptet.

Anne-Bitt Gerecke
März 2007



  
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