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 Image Feridun Zaimoglu

Leyla

Kiepenheur & Witsch Verlag
Köln 2006
ISBN 3-462-03696-3
528 Seiten


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Die Geschichte beginnt irgendwann Ende der dreißiger Jahre in einem kleinen südanatolischen Dorf. Ein junges Mädchen betrachtet sich im Spiegel, mustert ihre verklebten Wimpern, die zum dicken Zopf geflochtenen Haare, die Hände, den Mund. "Das Gesicht ist die Palastjurte der Seele", hört das Mädchen seine Mutter sagen, die von hinten an sie herantritt, der Tochter die trockenen Lippen mit Olivenöl bestreicht und nach dem Gesetz ihrer Religion und dem Befehl ihres Mannes den Spiegel verhängt.


Mit dieser märchenhaften Szene beginnt "Leyla", der neue Roman des deutsch-türkischen Schriftstellers Feridun Zaimoglu. Eine Familiengeschichte. Es ist die lebenspralle Geschichte von Zaimoglus Mutter Leyla, eines Mädchens, das Anfang der dreißiger Jahre in diesem kleinen Dorf geboren wird, als junge Frau nach Istanbul zieht, um schließlich mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Deutschland aufzubrechen.


In einem Café in Kiel habe er eines Nachmittags gesessen, so erzählt Zaimoglu in einem Interview, und eine Gruppe älterer türkischer Frauen, Ende Fünfzig, Anfang Sechzig, vor einem Schaufenster vorbeigehen sehen wie auf einer Theaterbühne. Frauen der ersten Gastarbeitergeneration, und er habe sich gefragt, wie deren Leben wohl ausgesehen haben mag, damals, bevor sie mit ihren Männern nach Deutschland gekommen waren. Zweieinhalbtausend junge Türken machten sich Anfang der 60er Jahre auf den Weg nach Deutschland, als sogenannte Fremdarbeiter, nachdem 1961 das deutsch-türkische Gastarbeiter-Anwerbeabkommen offiziell besiegelt worden war. Auch Zaimoglus Eltern waren dabei, kamen vom Schwarzen Meer, wo der Sohn 1964 im südanatolischen Bolu geboren wurde.


Wenige Jahre später ging Zaimoglu in München zur Schule, ohne den Vorstellungen zu entsprechen, die man sich von Gastarbeiterkindern machte. Dafür war sein Ohr für die neue Sprache viel zu gut, es machte ihn, der später in Kiel Humanmedizin und Kunst studierte, zum Schriftsteller. Mit seinem ersten Buch, "Kanak Sprak" (1995), wurde er zum feinnervigen Chronisten jenes deutsch-türkischen Slangs, der später so viel gröber in deutschen Comedy-Formaten verulkt werden sollte. Handfeste Geschichten waren das vom grobschlächtigen Leben in einer unfreundlichen neuen Heimat. Dieses von ihm entwickelte Idiom hat Zaimoglu spätestens jetzt mit seinem Familienepos zugunsten einer fast archaischen, wuchtigen und gleichwohl sinnenfrohen Sprache abgestreift.


Für das Buch hat der Autor dort recherchiert, wo alles anfängt: in der türkischen Provinz, die vor einem halben Jahrhundert auf eine heute kaum noch vorstellbare Weise von der Welt abgeschnitten war. Er hat sich die Geschichten seiner Mutter und anderer Türkinnen angehört, ihre Fotoalben durchkämmt und versucht, sich in dieses Leben hinein zu versetzen. Dort wächst Leyla heran, als jüngstes von fünf Geschwistern, Tochter eines kleinen Eisenbahnbeamten, der seine Arbeit verliert, sich mit immer windigeren Geschäften durchschlägt und zuhause mit brutaler Hand regiert. Der Mutter Emine gelingt es nicht, den Ausfällen des jähzornigen Ehemannes zu enkommen, und auch die Söhne und Töchter schlagen in einem fort die Augen nieder und ducken sich vor der Hand des Vaters weg. Man verhält sich still in dem kleinen Dorf, in dem jede Auffälligkeit einer Revolution gegen jahrhundertelang gepflegte Gesetze gleich kommen würde.


Leyla, die auf naive Weise eigenständig ist, entzieht sich dem "Nährvater" Halid, der für sie immer nur der "Mann meiner Mutter", nie "mein Vater" ist. Aus der überzeugend gestalteten Innensicht des heranwachsenden Mädchens erfahren wir von einer Welt, die vor allem von der alltäglichen Machtausübung der Männer geprägt ist. "Wir leben in einer wohl riechenden Armut. Jasmin, Lavendel, Seifenschaum. Er ist der Kopf - wir sind er Körper. Ohne ihn sind wir nichts. Wir schwirren wie die Schmeißfliegen über dem Abortloch. Er läßt uns am Leben. Er rupft uns einen Flügel und besieht das Wunder, das er vollbracht hat. […] Sein Wille geschieht. Demut und Gehorsam. Seifenschaum in unseren Augen."


Mit Leyla erhält der Leser Einblick in die Türkei der fünfziger und sechziger Jahre, in eine Welt, in der strenge Sittsamkeit, Aberglaube und restriktive Erziehungsformen Kindheit und Jugend bestimmen. Der Umzug der Familie nach Istanbul eröffnet den Söhnen und Töchtern neue Möglichkeiten, die studierenden Söhne proben kleine Rebellionen und gehen ihrer Wege, während die Töchter ans Haus gefesselt bleiben, ihre Tage mit Haus- und Handarbeiten verbringen und auf den Mann warten, der für sie ausgesucht wird. Gleichwohl träumen sie von der großen Liebe. Nach strenger Sitte entscheiden Leylas Eltern über eine Heirat mit "dem Schönen", mit Metin. Leyla wird schwanger, Metin träumt von Arbeit in Deutschland, er siedelt aus und verspricht, seine Frau und das noch namenlose Kind nachzuholen.


Mit "Leyla" hat Zaimoglu sein bisher ambitioniertestes Buch vorgelegt. Und sein bisher bestes. Mit dem Schicksal seiner Elterngeneration, dem Schicksal einer Frauengeneration zwischen Unterwerfung und Ausbruch hat Zaimoglu ein Thema gefunden, dessen Tragweite er sprachlich und inhaltlich eindrucksvoll gerecht wird. Er gibt einer ganzen Generation vergessener, weil unscheinbar und unterwürfig scheinender, dabei kraftvoller und lebensliebender Frauen Gesicht und Namen.


Zaimoglus großartiger Roman ist voll skurriler Episoden, erzählt von der Kraft der Familie und der Traditionen, von Teufelsaustreibungen und Prophezeiungsträumen, von Brautwerbung und Entjungferung, von Haarfärbeprozeduren, Unfällen und Abtreibungen. Gleichwohl entrollt der Autor nicht einfach einen Bilderbogen orientalischer Sinneslust, sondern behält in jedem Augenblick die spannungsreiche Konstruktion und Proportion des Ganzen im Auge.


Am Ende folgt Leyla ihrem Mann nach Deutschland und kommt in München auf dem Bahnsteig an, den Sohn auf ihrem Arm, müde und hungrig von der langen Reise. Beherzt greift sie nach ihrem Koffer, sie ist bereit. "Ich will dieses Land lieben, weil es vermißt werden will. Ich werde den Wolf streicheln, und er wird vielleicht die Hand nicht beißen, die ihm über das Rückenfell fährt."


Oliver Jahn
August 2006



  
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