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 Image Brigitte Kronauer

Errötende Mörder

Klett-Cotta Verlag
Stuttgart 2007
ISBN 978-3-608-93730-5
334 Seiten


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Über viel Unruhe in seinem Leben kann sich Jobst Böhme, Protagonist im neuen Roman der Georg-Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer, nicht beklagen. Eine Erbschaft hat ihn in den Besitz eines Geschäfts für Büroartikel gebracht. Sein Status als Computerexperte im eigenen Laden ist unangefochten, und das Geschäft läuft gut. Böhme hat nicht viel zu fürchten. Aber allzu viel zu erhoffen offensichtlich auch nicht. Die Ehe mit Noch-Gattin Ellen hat ihre besten Zeiten hinter sich. Seine Aufmerksamkeit erregt sie nur noch durch den Tick, ihren Zeigefinger bei allem, was sie tut, abzuspreizen. Um so intensiver nimmt er hingegen die Erotik der aufreizenden „blutjungen” Russin Natalja wahr, die in seinem Geschäft arbeitet. Sie ist der strahlende Lichtblick in Böhmes kleiner Welt, die ihm aus nichts als „Pappkameraden” zu bestehen scheint.

Um etwas unverhoffte Bewegung in dieses Leben zu bringen, muß gar nicht viel passieren. Und so ist der Erzählanlass in Errötende Mörder denn auch kein gewaltiger. Eines Tages bekommt Herr Böhme ein Angebot von einem seiner Kunden, einem Schriftsteller, der ihm vorschlägt, zur Erholung drei Tage auf dessen Berghütte in den Schweizer Alpen zu verbringen. Die einzige Bedingung: Der Bürowarenhändler soll drei Manuskripte des Autors Korrektur lesen. Böhme bricht also auf ins Gebirge. Und von der Romanstruktur her fungiert die Geschichte um Jobst Böhme als Rahmenhandlung, die wiederum die drei Binnenerzählungen in Form der Manuskripte des Schriftstellers enthält.

Brigitte Kronauer, über deren schriftstellerische Bezugnahme auf die Romantik bereits viel geschrieben worden ist, schickt ihren Protagonisten auf die Reise und variiert damit erneut ein romantisches Motiv. Doch ihr Held ist keiner, den Neugier oder Abenteuerlust in die Ferne ziehen, und so erlebt Böhme in den Bergen auch keine atemberaubenden Abenteuer, an denen er sich wandernd erproben müsste. Statt dessen liest er die drei Erzählungen, jeden Tag eine, und unternimmt eine auf die Weise eine ganz andere Reise. Zu sich selbst?

Die erste Geschichte, die er im Auftrag des Schriftstellers liest, heißt Der böse Wolfsen oder Das Ende der Demokratie. Gemeinsam tauchen er und der Romanleser in das Universum eines wahnhaften Sammlers ein. Sie lernen einen Ich-Erzähler kennen, für den unzählige kleine Dinge einen unschätzbaren Wert besitzen: Aus ihnen schafft er sich sein eigenes Universum. Die überfüllte Wohnung wird ihm so zur heimischen Höhle gegenüber der wuchernden und unüberschaubaren Welt, die ihm feindlich und bedrohlich erscheint. Sein Kontakt zur Außenwelt beschränkt sich darauf, seinen wenigen Bekannten Zeitungsartikel über ihm passend scheinende Ereignisse zu schicken. Auch wenn er den Sinn der „großen Welt“ nicht mehr zu erfassen vermag, kann er die Bedeutung seiner eigenen kleinen Realität doch noch immer selbst herstellen: Er arrangiert seine Schätze so, dass sie für ihn zu einem kleinen Ausschnitt an sinnhafter und wertvoller Erfahrung werden. Aber etwas fehlt in dieser Welt: seine Freundin Dottie. Wo ist sie? Kann der Leser dem Gefühl trauen, das den Sammler im Laufe seiner Erzählung überkommt? Hat er sie tatsächlich umgebracht?

Es ist ein Spiel mit der Realität und ihren Variationen, das Brigitte Kronauer meisterhaft inszeniert. So sehr der Protagonist in seiner eigenen Welt und Wahrnehmung lebt, so konsequent ist die Erzählperspektive auf ihn fokussiert. Der Leser nimmt die erzählte Welt ausschließlich durch den möglicherweise krank- und wahnhaften Blick des Helden wahr – kann unser Bild von ihr unter diesen Bedingungen überhaupt „zuverlässig” und „real” sein? Dieser Kontrast zwischen dem Realen, also Wahren, und dem Fiktiven ist ein Leitmotiv in Kronauers Roman Errötende Mörder und Schlüssel zum Text wie zum Titel: Meint der Mörder, der vor Scham errötet, seine Rührung ernst? Oder sollte die Röte im Gesicht nur ein Attribut sein, das ihm der ihn erfindende Autor angedichtet hat, um ihn unschuldig erscheinen zu lassen?

Diese Frage nach dem Binnenverhältnis der jeweiligen Erzählerfigur zu der von ihr erzählten Welt durchzieht den gesamten Roman. In der zweiten Erzählung (Errötende Mörder) steigt ein junger, etwas dümmlicher und testosterongesteuerter Mann namens Strör fälschlicherweise in einen Bus voller alter Menschen ein. Erst als die Reise längst begonnen hat, fällt ihm auf, dass ihn diese Fahrt nicht zu seinem neuen Motorrad führt, sondern dass es sich um den Ausflug eines Altenheims handelt. Bereits von Anfang an gibt der allwissende Erzähler uns zu verstehen: Strör wird diese Unternehmung nicht überleben. Kunstvoll kontrastiert Brigitte Kronauer die Ahnungslosigkeit der Figur mit der spöttischen Allwissenheit des Erzählers. Der kommentiert: „Herr Strör wird lange unterwegs sein mit der reiselustigen Betagtenbande. Länger, als ihm lieb ist. Im Augenblick will er, der ahnungslose Flegel Strör, bloß seine Ruhe und immer noch zu seiner Honda.”

Und was macht der wandernde Jobst Böhme in der Zwischenzeit? Der ist nach der Lektüre des zweiten Manuskripts in den Bergen auf allerlei seltsame Figuren gestoßen. Besonders die ständigen Begegnungen mit einem „Gewissen” (seinem Gewissen?) machen ihm zu schaffen. Dabei handelt es sich um einen Wanderer, der immer wieder seine Wege kreuzt und der Böhme besonders durch das unangenehme Geräusch auffällt, das er beim Laufen verursacht. Bald jedoch werden diese Begegnungen für Böhme zum zentralen Ereignis seines ansonsten recht einsamen Aufenthaltes. Zunehmend wird ihm die Umgebung, die Berge und Täler mit ihren Steigungen und Senken, zum Sinnbild für die Lebenswanderung, steht sie für das verfestigte, zu Kristall gewordene Leben. Da ist sie wieder, Kronauers Bezugnahme auf die Romantik: Die Natur wird zum Spiegel der Innenwelt. Das Subjektive verschwimmt mit der objektiven, materiellen Existenz.

Dies ist auch das Thema der dritten und letzten Binnenerzählung Der Mann mit den Mundwinkeln. In ihr erklärt eine Frau, offensichtlich Kunsthistorikerin, einer Reisegruppe die Bedeutung der Figuren eines Reliefs. Doch: Die Frau ist keine Kunsthistorikerin und die Reisegruppe existiert auch nur in ihrer Phantasie. Relief und Zuhörerschaft dienen einzig und allein dem Zweck, die Geschichte ihrer Vergewaltigung und den Tod des Täters verschlüsselt erzählen zu können. Damit wird zugleich die Nahtstelle zwischen Fiktion und Realität markiert: nämlich das Erzählen und das Lesen von Geschichten. Auch Jobst Böhme, dessen Welt ehemals nur von „Pappkameraden“ bevölkert zu sein schien, erkennt diesen Zusammenhang am Ende seines dreitägigen Gebirgsaufenthaltes. Am Bahnhof begegnet er anderen Touristen und stellt fest: „Und doch waren sie wie er aus Fleisch und Blut!”

Eva Kaufmann
August 2008



  
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