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 Image Adam Soboczynski

Die schonende Abwehr verliebter Frauen
oder Die Kunst der Verstellung

Gustav Kiepenheuer Verlag
Berlin 2008
ISBN 978-3-378-01100-7
202 Seiten


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Wohin mit diesem Buch? Ist es ein Verhaltensratgeber à la Knigge, eine Sammlung gesellschaftskritischer Essays oder ein amüsanter Kurzgeschichtenband? Wie ernst sollen wir nehmen, was wir hier lesen; will uns der Verfasser belustigen oder belehren oder beides zugleich? Mit Die schonende Abwehr verliebter Frauen hat uns der Autor und Journalist Adam Soboczynski ein facettenreiches, nicht leicht fassbares Buch beschert. Es entzieht sich nicht nur einer Einordnung in die herkömmlichen Genres Sachbuch oder Belletristik, sondern irritiert auch deshalb, weil sein Ton beständig zwischen Ironie und Ernst zu wechseln scheint.

Eindeutiger als die Form des Buches lässt sich sein Thema bestimmen: „die Kunst der Verstellung“ – der Untertitel sagt es bereits. Es geht um die Frage, „wie sich in einer Welt geschickt zu verhalten sei, in der Fallen lauern und in der Intrigen walten“. Denn ähnlich den Zuständen an den Höfen des 16. und 17. Jahrhunderts haben wir es laut Soboczynski auch heute, in einer Zeit, da Aufstieg und Fall sehr dicht beieinander liegen und weder Herkunft noch Bildung Wohlstand und Karriere garantieren, mit verschärften Wettbewerbsbedingungen und undurchschaubaren Machtverhältnissen zu tun. Wer seine Ziele durchsetzen, wer dauerhaft Erfolg haben will, muss sich, so Soboczynskis These, allzeit selbst inszenieren; er muss sich verstellen und – das scheint unabdingbar – seine Affekte stets zu beherrschen wissen.

Bereits diese von Soboczynski aufgestellte Grundregel erfolgreichen zwischenmenschlichen Agierens erscheint provozierend – lässt uns der gesunde Menschenverstand doch eher Tugenden wie Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit als erstrebenswert ansehen. In Wirklichkeit sind diese jedoch, so erfahren wir hier, gar nicht umsetzbar, da ein Riss „seitdem wir auf der Welt sind, in uns ist“. Dieser Riss hat zur Folge, dass, auch wenn wir authentisch sein wollen, wir bestenfalls nur so wirken: „Nie sind wir bei uns selbst, die Schöpfung, seit wir den Sündenfall erlitten, ist reines Welttheater.“

Soboczynski ist nicht der erste, der Gedanken dieser Art formuliert. Auch mit seiner Proklamation der Verstellungskunst weiß er sich in einer langen Tradition. So stellt er seinem Werk auch nicht zufällig ein Zitat von Baltasar Gracian, dem „Urvater der Verstellungskunst“, voran: „Und Kunst vollende, was die Natur begann“, und stellt damit eine Verbindung her zu Verhaltensratgebern des 16. und 17. Jahrhunderts, zu Machiavelli, Castiglione und La Rochefoucauld. Und ebenso wie seine berühmten Vorgänger will er den Menschen „nicht moralisch erbauen, sondern ihm seine Maskenhaftigkeit aufzeigen, nicht bessern (...), sondern ihn kluges Handeln lehren“.

Soweit so gut – aber wie lässt sich die Kunst der Verstellung vermitteln? Soboczynski wählt zu diesem Zweck eine ausnehmend kurzweilige Darstellungsform. Er erzählt dreiunddreißig Geschichten aus der Liebes- und Arbeitswelt, die „so oder zumindest so ähnlich tatsächlich passiert“ sind. Titel wie Authentisch wirken, Vertrauen erzeugen, Zum rechten Zeitpunkt das Fest verlassen oder Über Bande spielen lassen erkennen, welche Fähigkeiten hier gemeint sind. Die Protagonisten der Geschichten entstammen fast ausnahmslos der Welt der Kulturschaffenden. Stephan Karst beginnt als vielversprechender Architekt, David Schweikert hat einigen Erfolg als Maler eines Ochsenbildes, Angelika schlägt sich als Fotografin durch, und Kirsten organisiert Jazzkonzerte. Mit diesem und ähnlichem Personal werden uns nun nicht nur bekannte Alltagssituationen vorgeführt, sondern auch kommentiert und, wie schon bei Gracian, mit der passenden Maxime für eine gelungene Verstellung versehen.

Was wir lernen, sind Weisheiten wie die, beim Bewerbungsgespräch niemals perfekt [zu] scheinen. In Verhandlungen beispielsweise muss es immer darum gehen, einen Kompromiss vorzutäuschen: „Jede Verhandlung muss den Eindruck hinterlassen, als habe man sich in der Mitte von einander widerstrebenden Interessen getroffen.“ Unbedingt sollte man auch einzustecken wissen: „Denn in vielen Niederlagen liegt bereits der Keim für den Sieg, sofern man ihm zu reifen gestattet.“ Hin und wieder verletzt [zu] wirken, kann durchaus hilfreich sein: „Immer lebe man so, dass man anderen eine säumige Rechnung vorhalten kann; Schuldner um sich zu wissen heißt, mächtig zu sein.“ Nicht weniger sollte man allerdings auch Auszuteilen verstehen: „Jeder Mensch hat eine Stelle, die besonders angreifbar ist, sie zu erspähen zeugt von Klugheit.“ Die oberste Regel eines guten Verstellungskünstlers aber besteht darin, Leidenschaften [zu] verbergen, denn „der kühle Gedanke macht die Klugheit aus“.

Im Kapitel Vor wem man sich hüten sollte erfahren wir, dass es vor allem die gesellschaftlichen Außenseiter beziehungsweise Aufsteiger sind, die uns in diesem Verstellungsspiel gefährlich werden können: „Denn sie verharren, was ein großer Vorteil ist, immer mit einem fremden Blick auf die Gesellschaft, die sie nun erobert haben, in die sie aber nicht blind hineingewachsen sind. Sie durchschauen die Nuancen des Verhaltens weitaus besser als jene, die niemals anders gelebt haben.“ Übrigens spielt der Autor in diesem Zusammenhang recht offensiv auf sich selber an. Dies erkennt, wer sein erfolgreiches Reportage-Buch Polski Tango gelesen hat, worin er von seinen Erfahrungen als Pole in Deutschland und Deutscher in Polen berichtet.

Es ist unmöglich, sich dem hintersinnigen Witz dieses Buches zu entziehen. Die Fallbeispiele menschlichen Verhaltens sind von solch treffender Komik, dass man sich als Leser oft geradezu ertappt fühlt. Vor allem die auffallend manierierte Sprache, mit der das künstlerisch-intellektuelle Gegenwartsmilieu beschrieben wird, trägt zur schillernden Ironie von Sobocsynskis „Benimmbuch“ bei,: So führt uns ein Erzähler durch die Geschichten, der nicht nur auf komische Weise allwissend ist, sondern auch die Verhaltensweisen einer sehr modernen Welt in merkwürdig antiquierter Sprache kommentiert. Obwohl dieses Buch offensichtlich nicht als Ratgeber im klassischen Sinne gemeint ist, sind die Beobachtungen darin dennoch bemerkenswert treffend und die Verhaltensanweisungen klingen überraschend plausibel. Aus diesem Spannungsverhältnis ergibt sich eine „Lese-Verunsicherung“, die den besonderen Reiz von Soboczynskis „Exempelsammlung“ ausmacht. .

Wie kunstfertig die einzelnen Geschichten konstruiert sind, zeigt sich auch in ihrer Zusammenschau. Gemeinsam bilden sie nicht nur ein Kaleidoskop unserer heutigen Lebens- und Arbeitswelt, sondern die Komposition des Buches selbst lässt sich als Beispiel für eine angewandte Verstellung lesen: So zufällig vieles auf den ersten Blick erscheint – das Bild des Ochsen, das wiederholt auftaucht, das Café, in dem sich die Protagonisten der unterschiedlichen Geschichten über den Weg laufen, der gleiche Wortlaut einer SMS, die von verschiedenen Personen verschickt wird –, so sehr ist in Wirklichkeit alles exakt geplant und durchkomponiert. Das geht so weit, dass man bei aufmerksamer Lektüre schließlich merkt, dass hier alles mit jedem zusammenhängt. Nicht nur Orte oder Personen kommen wiederholt vor, auch dieselben Ereignisse werden – jeweils aus verschiedenen Perspektiven – beschrieben.

So gestaltet Soboczynski hier ganz unverstellt ein kleines Kunstwerk, das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Anne Nordmann
Mai 2009



  
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