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 Image Karl Schlögel

Im Raume lesen wir die Zeit
Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik

Carl Hanser Verlag
München 2003
ISBN 3-446-20381-8
567 Seiten


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„Geschichte findet statt.“ Die räumliche Bedeutung dieser Aussage wird noch deutlicher in seiner englischen Version, wenn es heißt: „History takes place.“ Dass Geschichte an Orten passiert, Zeit und Raum also gleich wichtig sind zur Darstellung und zum Verständnis dessen, was geschieht, war für die Gelehrten der Antike noch selbstverständlich. Mit dem Beginn der modernen Geschichtsschreibung im 18. Jahrhundert aber bewegen sich die Disziplinen auseinander. Zwar bezeichnet noch Kant die Geschichtsschreibung als die „Disziplin des Nacheinander“ und die „Geographie als Geschichte des Nebeneinander“, aber die zunehmende Trennung der Disziplinen ist nicht aufzuhalten und mündet in einer Marginalisierung der Geographie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Karl Schlögel ist der Ansicht, dass die Zeit reif ist für einen „spatial turn“ nach den radikalen Veränderungen von Zeit und Raum im 20. Jahrhundert, angesichts der „Wucht des Globalisierungsprozesses“ und der beschleunigten Durchsetzung der neuen Technologien. Die katalytische Wirkung der beiden „Raumrevolutionen“ von 1989 und dem 11. September 2001 ist nach Schlögel nicht zu unterschätzen.

Im Raume lesen wir die Zeit ist eine Sammlung von etwa 50 essayistischen Texten, die veranschaulichen, wie Geschichtsschreibung aussehen kann, wenn sie sich auf den Ort des Geschehens bezieht. Im Abschnitt „Kartenlesen“ widmet sich Schlögel nicht nur der Geschichte der Kartierung, in der sich die Veränderung des Weltbildes von der Antike bis heute manifestiert, sondern er zeigt, wie spezifisches Kartenmaterial zu Dokumenten historischer Augenblicke wird: Die Karte von der Belagerung Sarajewos oder die (Auf-)Zeichnungen der Ghettobewohner von Kowno machen die Subjektivität geschichtlichen Erlebens in beklemmender Weise deutlich. Überhaupt: Subjektivität zuzulassen ist eine der zentralen Forderungen Schlögels an die Geschichtsschreibung. Wie Herodot oder Humboldt soll sich der Forscher auf sein Objekt einlassen, es aus der Nähe betrachten und seinen Alltag verstehen. Er muss den Raum begreifen, an dem Geschichte entsteht, um die Geschichte selbst verstehen zu können.

Aber nicht nur Karten sind „Dokumente sui generis“ für Schlögel. Auch Adressbücher, Fahrpläne, Grundrisse, selbst Landschaften können, richtig „gelesen“, deutliche Aussagen über menschengemachte Veränderungen und Entwicklungen liefern. Der Abschnitt „Augenarbeit“ will die Sinne schärfen für die geschichtliche Wahrnehmung. Nur scheinbar willkürlich greift Schlögel zu ganz unterschiedlichem Material. Wenn er an Hand der Fahrpläne und Kursbücher den rasanten Fortschritt der verkehrstechnischen Infrastruktur in Europa darstellt, die Berliner Adressbücher zwischen 1931 und 1947 analysiert oder über den Zusammenhang von Vermessung und Inbesitznahme spricht, setzen sich diese Einzeldarstellungen zu einem Gesamteindruck zusammen.

Schlögel betrachtet nicht nur große Zusammenhänge, sondern auch die kleinsten Einheiten des Sozialsystems. Die Rolle der Orte im Curriculum Vitae jedes Einzelnen, die Historie der Häuser, in denen persönliche und gesellschaftliche Geschichte stattfindet, ja, selbst das Interieur dieser Häuser werden von ihm in den Stand aussagekräftiger Dokumentation erhoben. Dass Sprache sich in ihrer Linearität schwertut, anderes als ein „Nacheinander“ wiederzugeben, leuchtet ein, aber Schlögel zeigt, dass es dennoch eine Alternative gibt.

„Europa diaphan“ ist der letzte Abschnitt des Buches überschrieben. Die nationale Perspektive auf das Zeitgeschehen bedeutet immer, eine Einschränkung des Gesichtsfeldes. Schon die Grenzen nationaler Territorien sind willkürlich festgelegt und können kein geeigneter Rahmen langfristiger Betrachtungen sein. Gerade die Veränderungen, die man in ganz Europa in den vergangenen fünfzehn Jahren erlebt hat, zeigen dies nur allzu deutlich. So fordert Schlögel auf, „Europa als Ganzes [zu] denken“ und gibt einige Beispiele dafür, wie dies in der Geschichtsschreibung aussehen könnte. Sein Essay zum Leben und Wirken von Sergej Pawlowitsch Djagilew, dem „Synthetiker par excellence“, der mit seinen Petersburger Freunden das moderne russische Ballett „nach Europa“ brachte und die wagnersche Idee des Gesamtkunstwerks umzusetzen versuchte, ist nur ein Beispiel wahrhaft grenzüberschreitenden ‚Kulturschaffens’. Daneben finden sich Arbeiten über die Friedhöfe Europas, die ungeheuren, meist unfreiwilligen Bevölkerungsbewegungen im Europa des 20. Jahrhundert oder die große Aufgabe, die neuenpolitischen Grenzen in den Köpfen der Bewohner Europas zu verankern.

Am Schluss seines Buches demonstriert Schlögel an Hand von zwei „tollkühnen, aber kunstvoll geschlagenen literarischen Kapriolen“, wie es Jürgen Osterhammel in der ZEIT formulierte, noch einmal, was genaues „Hinsehen“ heißen könnte: Er versetzt den von ihm verehrten Herodot ins Moskau von 1937 und läßt ihn, den leidenschaftlichen Betrachter, die Straßen und Häuser der Stadt erforschen, läßt ihn die Zeitungsmeldungen lesen und die Atmosphäre erspüren, die gleichzeitig Produkt und Bedingung des barbarischen Systems ist.

Walter Benjamins (fiktive) Sicht auf das Panorama der unendlich erscheinenden Un-Stadt Los Angeles und Spekulationen über die literarische Verarbeitung dieser Erfahrung beschließen Schlögels anregendes und aufschlussreiches Plädoyer für die Wiederentdeckung des Raumes in der Geschichtsschreibung.

Heike Friesel

Januar 2004



  
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