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 Image Christina von Braun Bettina Mathes

Verschleierte Wirklichkeit.
Die Frau, der Islam und der Westen.


Aufbau Verlag
Berlin 2007
ISBN 978-3-351-02643-1
476 Seiten


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Fast droht man unterzugehen in der thematischen Fülle dieses Buches. Es geht um die Geschichte von Judentum, Christentum und Islam, um die kulturelle Revolution des Alphabets, die symbolischen Bedeutungen von Kreuz und Schleier, um Ehrenmorde und Morde aus Liebe, die Verstrickung von Geldwirtschaft und Prostitution, um Theo van Goghs Film „Submission“ und Pornografie, um den Zusammenhang von Bikini-Mode, Atom- und Sexbomben oder auch um eine Organisation namens „Beauty without Borders“, die die Freiheit nach Afghanistan bringt, indem sie mit den Frauen in Kabul die Segnungen des westliches Schönheitsideals einübt.

Was hält dieses Füllhorn zusammen? Auf den ersten Blick nichts als ein Kalauer, den die Autorinnen Christina von Braun und Bettina Mathes gleichmäßig über die Seiten ihrer Studie streuen: ex oriente lux, ex oriente crux, ex oriente looks, ex oriente lex, ex oriente tricks, ex oriente facts, ex oriente DAX, ex oriente nix. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass all die Themen sich als Facetten eines einzigen Gegenstandes auffassen lassen: des Schleiers. Jenes Stück Textil steht im Zentrum, das längst keine einfache Kleidung mehr ist, sondern zum heißen Stoff einer nicht enden wollenden politisch-kulturellen Debatte geworden und dabei erstaunlich elastisch geblieben ist: Jahrtausende alt, vielfältig nach Aussehen, Funktion und Bedeutung, ein „leerer Signifikant“, wie die Autorinnen schreiben. Die Dehnbarkeit des Stoffes schlägt sich im Titel des Buches nieder: „Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen“.

Der deutsche Streit um das Kopftuch – beziehungsweise um Frauen und Islam – ist geprägt von Autorinnen wie Necla Kelek, Seyran Ates und Ayaan Hirsi Ali. Alle drei kritisieren den Islam mit der scheinbar unwiderleglichen Autorität ihrer eigenen muslimischen Vergangenheit: Wer mag schon widersprechen, wenn eine in Somalia aufgewachsene Frau, die in ihrer Jugend den Ganzkörperschleier getragen und Gewalt erfahren hat, nun behauptet, die Religion Mohammeds sei lebensgefährlich? Doch in dieser Debatte übertönt die Wucht selbst erlebten Leidens nicht selten Argumente; Meinungen über „den Islam“ oder „Multikulti“ überdecken die Analyse der Lage. Das Verdienst der Kulturwissenschaftlerinnen Christina von Braun (Berlin) und Bettina Mathes (Pennsylvania) besteht nun darin, sachliche Differenzierung, historisches Hintergrundwissen und originelle Thesen zu liefern. Dabei ist „Verschleierte Wirklichkeit“ kein politisches Debattenbuch, sondern eine flüssig geschriebene kulturhistorische Studie, die Unmengen von Material verarbeitet. Wer darin liest, ist hinterher klüger und hat nicht wenige blinde Flecken des politisch-medialen Kopftuch-Streits kennen gelernt.

So beschreiben die Autorinnen – um nur einen Strang herauszugreifen –, wie der Schleier überhaupt Eingang in den Islam gefunden hat. Eine islamische Erfindung war er nämlich nicht; vielmehr war er während des siebten Jahrhunderts in den christlichen Gebieten etwa im Nahen Osten oder im Mittelmeerraum ein übliches Kleidungsstück. Die Christen wiederum hatten den Schleier von Syrern, Juden und Griechen übernommen. Muslimische Frauen trugen ihn erst ab dem neunten Jahrhundert, und zwar nicht als sakrale Kleidung, sondern, wenn sie der Oberschicht angehörten, als Zeichen der sozialen Distinktion. „Wenn wir heute den Schleier als fremd empfinden“, schließen von Braun und Mathes, „dann nicht etwa, weil er der westlichen Kultur tatsächlich fremd wäre, sondern weil wir ihn uns ‚fremd gemacht’ haben.“ Ist es nicht tatsächlich verwunderlich, dass „westliche“ Kopfbedeckungen bei Bäuerinnen oder Nonnen als vertraut empfunden werden, obwohl sie sich äußerlich kaum von „muslimischen“ unterscheiden?

Damit ist nicht bestritten, dass der Schleier in Orient und Okzident unterschiedliche, ja, gegensätzliche Funktionen übernommen hat. Ein Ergebnis der historischen Tiefenbohrungen der Autorinnen lautet, „dass nicht in erster Linie die Tatsache der Verschleierung der Frau erklärungsbedürftig ist, sondern viel eher die ihrer Entschleierung“. Kein Zweifel, dass diese Entschleierung in erster Linie im Westen zu verfolgen ist. Zu den faszinierendsten Passagen des Buches gehören jene, in denen von Braun und Mathes die Theorie und Praxis der Enthüllung aufs Christentum zurückführen. An einem Ende der Assoziationskette findet sich ein theologischer Gedanke: Der christliche Gott (anders als der jüdische oder islamische) offenbart sich den Menschen als Mensch, er gibt sich körperlich zu erkennen. Am anderen Ende die Alltagskultur: Die christliche Kultur, an deren Beginn Paulus der Frau das Beten nur im verschleierten Zustand gestatten wollte, setzte nach und nach das Projekt der Entschleierung um. Längst sind es nicht mehr nur die Haare, die unbedeckt sind; der Bikini ist nur eines der „große(n) Entkleidungsprojekt(e)“ des Westens. Nur die unverhüllte Frau ist eine freie Frau, lautet die zugrunde liegende Annahme. Doch wie weit reicht diese Freiheit, wenn der enthüllte weibliche Körper doch strukturell passiv bleibt, dem aktiven männlichen Blick ausgesetzt?

Christina von Braun und Bettina Mathes bestreiten zu keinem Zeitpunkt, dass es innerhalb des Islams Frauenunterdrückung gibt. Aber sie sträuben sich gegen Verallgemeinerungen. Immer wieder spießen sie ein kulturelles Phänomen auf, breiten seine verdrängte Geschichte aus, und so wird ein ums andere Mal sichtbar, wie Morgenland und Abendland beständig miteinander im Austausch standen. So erscheint „das Islamische“ nicht mehr so fremd wie zuvor – und „das Westliche“ nicht mehr so unschuldig. „Verschleierte Wirklichkeit“ ist, wenn man so will, die Fortsetzung des „Orientalismus“-Buches von Edward Said mit feministischen Mitteln: Der Osten, genauer: der Schleier auf dem Körper der Frau wird zur weißen Leinwand, auf die der Westen seine eigenen Sehnsüchte projiziert, die begehrlichen wie die zerstörerischen.

Am Ende steht die Hoffnung, die ausschweifenden Analysen und Assoziationen möchten helfen, „den Reichtum zu erkennen, der Gesellschaften auszeichnet, die in der Lage sind, unterschiedliche kulturelle Traditionen aufzunehmen“. Ist dies das Programm des Multikulturalismus? Man könnte die Haltung der Autorinnen auch mit einem schönen, alten Wort kennzeichnen, dessen Wohlklang unter dem Eindruck von Deregulierung und Ölkriegen gelitten hat: Sie ist liberal.

René Aguigah
Oktober 2007



  
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