Lutz Seiler
Ein literarischer Spätzünder

Ein leiser Siegertyp: Lutz Seiler, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2014.
Ein leiser Siegertyp: Lutz Seiler, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2014. | Foto (Ausschnitt): © Claus Setzer

Er arbeitete als Maurer und Zimmermann, bevor er die literarische Welt entdeckte und begeisterte. Für seinen Debütroman „Kruso“ wurde Lutz Seiler mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnet.

Lutz Seiler ist ein zurückhaltender Mann, einer, dem alles Laute fremd ist. Und doch ist er ein Siegertyp, ein Siegertyp der Literatur. Als er 2007 den Ingeborg-Bachmann-Preis in der österreichischen Stadt Klagenfurt gewinnt, sind die Insider der Szene nicht sonderlich überrascht. Ähnliches hat sich im Jahr 2014 wiederholt. Kurz nach Bekanntgabe der Shortlist zum Deutschen Buchpreis ist Lutz Seiler umgehend der haushohe Favorit. Und wieder triumphiert er. Aber triumphieren ist für ihn das falsche Wort. Als sein Name bekanntgegeben wird, kann die Kamera sein Gesicht nicht einfangen, es ist in der Umarmung mit seiner Frau verschwunden. Später auf dem Podium muss er eine Träne unterdrücken. Seine Rührung wirkt glaubwürdig.

Dennoch ist Lutz Seiler kein scheuer Mensch, jedem Interviewer steht er gerne Rede und Antwort, er ist eloquent, spricht reflektierte Sätze und schaut seinen Fragestellern und der Kamera offen ins Auge. Und er gibt Widerpart, wenn es sein muss. Als er zum wiederholten Mal hören muss, Kruso – sein mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichneter Debütroman – sei ein Wenderoman, ein Buch zur deutschen Wiedervereinigung, widerspricht der Autor dann doch sehr entschieden. Das sei kein Wenderoman, entgegnet er, eher handele es sich um einen Roman über eine Männerfreundschaft.

Literatur spielte lange keine Rolle

Lutz Seiler wird 1963 im thüringischen Gera geboren. Er wächst in einem Haushalt auf, in dem Literatur keine Rolle spielt. Nach einer Lehre zum Bergfacharbeiter wird er zunächst Maurer und Zimmermann. Noch als junger Erwachsener ist er kein bibliophiler Mensch. „Erst mit 21 Jahren, während meiner Zeit beim Militär, begann ich zu lesen. Gleichzeitig begann ich zu schreiben. Warum gerade das, ist mir bis heute unerklärlich. Literatur interessierte mich nicht“, schreibt Lutz Seiler in einem Essay. Bei der Nationalen Volksarmee der DDR findet er Bücher, darunter einen Gedichtband von Peter Huchel. Irgendwo hier liegt sein Initiationserlebnis. Er beginnt, Germanistik zu studieren, in Halle und Berlin. Zunächst entdeckt er die Lyrik für sich und hat fast augenblicklich Erfolg. Einige seiner ersten Gedichtbände erscheinen: berührtgeführt etwa im Jahr 1995, Pech und Blende im Jahr 2000 oder Vierzig Kilometer Nacht im Jahr 2003. Lutz Seiler wird Suhrkamp-Autor. Das Feuilleton überhäuft ihn mit Lob. Ebenso überhäufen ihn diverse Jurys mit Preisen: mit dem Kranichsteiner Literaturpreis, dem Anna-Seghers-Preis, dem Bremer Literaturpreis.

„Ich verkrieche mich in die Schreibhöhle“

Zu diesem Zeitpunkt hat Lutz Seiler seine Lebensumstände längst an den schriftstellerischen Beruf angepasst. Seit 1997 lebt er im Wohnhaus von Peter Huchel in Wilhelmshorst bei Berlin. Huchels Witwe hatte ihm die Schlüsselgewalt über das reichlich verwunschen wirkende Gebäude mit üppigem Garten anvertraut. Das wirkt alles stimmig, auch das einsiedlerisch anmutende Leben, das er dort führt. Denn Lutz Seiler braucht die Zurückgezogenheit, sein Schreiben ist Ausdruck höchster Konzentration. Das ist an seinem zweiten Lebensort Stockholm, der Heimat seiner Frau, nicht anders. „Auch in Stockholm verhalte ich mich wie im Dorf, ich geh’ nicht groß weg, verkrieche mich in die Schreibhöhle“, erzählt er in einem Interview kurz vor der Verleihung des Deutschen Buchpreises. Erlebtes – und Lutz Seiler verarbeitet sehr viele Erlebnisse – benötigt stets Jahre, bis daraus ein Gedicht oder literarische Prosa wird. Seine Erzählung Turksib, mit der er 2007 in Klagenfurt gewann, geht zurück auf eine Bahnreise nach Kasachstan im Jahr 2001. Eine rätselhafte Geschichte mit einem Ton, wie er typisch für ihn ist. Mit Beschreibungen von Geräuschen, Gerüchen und Bildern, die zu kleinen Geschichten werden, zeitlupenhaft und zeitenthoben.

Die Geschichte einer Freundschaft

Alles braucht seine Zeit, auch im Schreibprozess des Schriftstellers. Lange dauerte es, bis sich Lutz Seiler entschloss, überhaupt einen Roman zu schreiben. Das war im Sommer 2010. Der Stoff von Turksib sollte für den Roman ausgeschöpft werden. Aber nichts wollte sich entwickeln. Da gab ihm seine Frau den Anstoß, die Tage, die er im Sommer 1989 als Aushilfskraft auf Hiddensee verbracht hatte, zum Ausgangspunkt für eine Geschichte zu nehmen. Diese Idee führte ihn zum Deutschen Buchpreis. „Ich hatte eigentlich nie vor, darüber ein Buch zu schreiben“, bekannte Lutz Seiler. „Das ist ja oft so, man hält das Selbsterlebte zunächst für gar nicht so exotisch und interessant.“ Und es ist ja auch nicht so, dass er bei Kruso einfach nur seine persönlichen Erlebnisse niedergeschrieben hat. „Es gibt das Material der eigenen Erfahrung. Aber dann marschiert man hinein in das Erfundene. Literatur benötigt eben etwas ganz anderes. Man braucht die Ausgangspunkte, um dann dort hinein zu marschieren, auch ins Fantastische.“ Und so erzählt Kruso die Geschichte der Freundschaft zwischen Ed und dem Utopisten Kruso, der für ausgestoßene Intellektuelle der DDR zu einer Art Guru wird, indem er der Gemeinschaft seine Ideen von Freiheit vermittelt. Sich selbst hat Lutz Seiler einmal als „Spätling“ bezeichnet. In der deutschen Literaturlandschaft ist er genau zum richtigen Zeitpunkt angekommen.

Autor
Martin Maria Schwarz arbeitet als Redakteur und Moderator in der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks.
Oktober 2014