Kaleb Erdmann Die Ausweichschule

Buchcover Die Ausweichschule

Inhaltsangabe des Verlags

Ullstein Verlag
Berlin 2025
ISBN 978-3-988-16022-5
304 Seiten
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Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.

Kein letzter Triumph für den Täter

Irgendwo muss etwas ja immer anfangen. Warum also nicht in einer Frankfurter Apfelweinwirtschaft? Dort sitzt der Ich-Erzähler von Kaleb Erdmanns Roman eines Abends zufällig mit einer Gruppe von Freunden an einem Tisch neben einer anderen Gruppe. Handwerker aus Thüringen, wie sich herausstellt. Man kommt ins Gespräch. Über Thüringen, über Erfurt. Erdmanns Erzähler, dessen Biografie der des Schriftstellers Erdmann sehr ähnlich ist, erzählt, dass er dort auch einmal drei Jahre gewohnt hat. Dass er auf dieser Schule gewesen sei, auf dem Gutenberg-Gymnasium, zu jener Zeit als... Der Steini, so sagt sein Gegenüber, das sei ein Kumpel von ihm gewesen. Steini? Robert Steinhäuser? Ja. Man geht nach draußen, eine Zigarette rauchen. Der Abend endet nach einem Disput vor der Kneipe mit einer gebrochenen Nase für den Ich-Erzähler. Mit einem Besuch bei seiner Therapeutin. Und mit dem Entschluss, über seine Erlebnisse zu schreiben, auch wenn es gar keine klaren, konkreten Erlebnisse gibt. Das ist der Punkt. Einer der Punkte.

Die Fakten: Am 26. April 2002 erschoss der ehemalige Schüler des Gutenberg-Gymnasiums in Erfurt, Robert Steinhäuser, bei einem Amoklauf an eben diesem Gymnasium zuerst 16 Menschen – Lehrer, Schüler, eine Sekretärin, einen Polizeibeamten – und anschließend sich selbst. Kaleb Erdmann, geboren im westdeutschen Witten, ging zu dieser Zeit in die fünfte Klasse am Gutenberg-Gymnasium. Er war mit seinen Eltern nach Erfurt gezogen, weil die Mutter, eine Dozentin für Romanistik, eine Anstellung an der dortigen Universität gefunden hatte. Erdmann hat, wie sein Ich-Erzähler auch, von dem Vorfall nicht viel mitbekommen. Er ist kein Augenzeuge, und trotzdem haben der Tag und seine Ereignisse sich tiefer in ihn eingegraben, als er selbst es vielleicht wahrhaben wollte – auch wenn sein Ich-Erzähler derartige Psychologisierungen weit von sich weisen würde.

„Die Ausweichschule“ ist ein spannendes, erhellendes und trotz seines düsteren Stoffs in manchen Passagen sogar komisches Buch, weil Erdmann seinen Erzähler-Schriftsteller bei seinen Recherchen bevorzugt in absurde Situationen tappen lässt. Allen voran der Besuch bei seinem ehemaligen besten Schulfreund in Erfurt, der den Versuch, ein von Sensibilität und Empathie geleitetes Gespräch über die Gutenberg-Ereignisse zu führen, schlichtweg an seinem Nutella-Brötchen kauend in seiner Küche wegnuschelt. Und doch steckt in diesem Buch auch ein tieferer Ernst und vor allem ein großes Gefühl für die Verantwortung, die das Schreiben über ein solch unfassbares und für viele Menschen bis heute traumatisierendes Verbrechen mit sich bringt: Wie nähert man sich dem Thema ohne den mittlerweile üblichen Voyeurismus eines True-Crime-Podcasts? Wie bleibt man als Erzähler streng und ohne Sensationslust bei der Sache und unterliegt nicht der Versuchung, die Erfahrungen anderer als Lehrstück für die eigene politische Agenda zu missbrauchen? Und: Welches Recht hat überhaupt ein nur sekundär Betroffener, über all das zu schreiben? Eignet man sich damit nicht fremde Schicksale an?

All das klingt sehr zeitgeistig hypersensibel – doch es liest sich nicht im Geringsten so. Unter anderem deshalb, weil „Die Ausweichschule“ voll ist von Details, die das Mosaik aus Erinnerungen, Zweifeln und Recherche immer wieder beglaubigen. Nur ein Beispiel: Während des Amoklaufs schrieb die fünfte Klasse des Ich-Erzählers gerade eine Biologiearbeit, Thema: Pinguine. Sechs Tage später gibt die Polizei eine Liste der von Robert Steinhäuser getöteten Personen heraus, darunter: die Biologielehrerin. Der erste Gedanke des Fünftklässlers: Wer würde jetzt die Pinguinarbeit korrigieren? Das kann man sich nicht ausdenken. Es ist nicht zynisch, sondern das genaue Gegenteil davon. Es zeigt, wie sich Schutz- und Verdrängungsmechanismen ausbilden.

Kaleb Erdmann hat sich in sein Thema, das ein beiseite geschobener Bestandteil seiner eigenen Biografie ist, akribisch hineingearbeitet. Den so genannten „Gasser-Bericht“, benannt nach dem Thüringischen Innenminister Karl Heinz Gasser, hat Erdmann durchgearbeitet, um zu dem Schluss zu kommen: „Es ist der schlimmste Text, den ich je gelesen habe.“ So sagte er es in einem Gespräch mit der Zeitschrift „Der Spiegel“. Denn was Erdmann darin wie in einem Zerrspiegel erkannt hat, sind die Gedanken und die Sprache des Täters. Der Triumph des Amokläufers in der Beglaubigung seiner Tat. Dagegen schreibt Kaleb Erdmann an. Und in diesem Vorhaben hat er eben nicht simple Autofiktion, sondern kluge Literatur verfasst.
Buchcover Die Ausweichschule

Von Christoph Schröder

Christoph Schröder, Jahrgang 1973, arbeitet als freier Autor und Kritiker unter anderem für den Deutschlandfunk, SWR Kultur und Die Zeit.

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