Belletristik
Judith Hermann
Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Unsere Leerstellen
Über kaum ein Buch wurde in den vergangenen Jahren so heftig diskutiert wie über dieses: Hat Judith Hermann, so fragte der ein oder andere Rezensent, vor ihrem Thema kapituliert? Ist sie ihm nicht gewachsen? Wie raffiniert und zugleich elegant Judith Hermann ihr eigenes Schreiben reflektiert, weiß man spätestens seit ihrer Frankfurter Poetikvorlesung mit dem Titel „Wir hätten uns alles gesagt“ aus dem Jahr 2022. Darin erzählt Judith Hermann im Grunde genommen eine Reihe von klassischen Hermann-Geschichten, legt zugleich deren doppelten Boden frei, ohne jedoch ihr Geheimnis preiszugeben. Und darum geht es: Es gibt Türen, Schachteln, Kisten (eines der Hauptmotive bei dieser Autorin), die die Autorin bewusst nicht öffnet. Was aber nicht zugleich bedeutet, dass diese Kisten etwa leer wären. Gewiss nicht, aber: Es gehört zu den Prinzipien von Judith Hermann, Welten zu erschaffen, die sich erst in den Vorstellungswelten ihrer Leserinnen und Leser ganz und gar entfalten.
Unter dieser Voraussetzung muss man auch „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ lesen; ein Buch, das in drei Teile gegliedert ist. Zumindest der erste Teil, so hat die Autorin es in Interviews gesagt, ist autobiografisch: Die Ich-Erzählerin reist in die polnische Stadt Radom. Zwei Ereignisse haben den Impuls gegeben, diese Reise anzutreten: Ihre Mutter erleidet einen temporären Gedächtnisverlust. Und sie findet in einer Kiste ein Foto ihres Großvaters aus dem Jahr 1941, auf dem er in Radom auf einem Motorrad der SS posiert. Die deutschen Besatzer hatten in Radom ein Ghetto errichtet. Mindestens 20.000 jüdische Bürger wurden von dort aus ins Konzentrationslager Treblinka deportiert. Judith Hermann hat ihren Großvater nie kennengelernt; er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Die Erzählerin mietet sich in Radom ein, geht durch die Stadt, sucht nach Spuren, nach Gesprächspartnern. Der Tonfall ist der klassische, unverwechselbare Judith Hermann-Sound, zurückhaltend, schwebend, Leerstellen betonend. Und genau das ist auch der Großvater: eine Leerstelle. In Radom kommt die Schriftstellerin zunächst nicht weiter. Die Menschen, mit denen sie zu sprechen versucht, reagieren abwehrend. Und dann geschieht etwas Erstaunliches: Plötzlich öffnen sich Türen. Plötzlich wollen Menschen mit ihr sprechen. Und eines Tages, durch Zufall, findet die Erzählerin auch den Platz, an dem das Foto ihres Großvaters aufgenommen wurde. Und was macht die Erzählerin nun? Sie packt ihre Koffer und reist ab.
Welche Erkenntnis sie gewonnen hat? Judith Hermann sagt: Ihre Erzählerin habe erfahren, dass es ihrem Großvater dort, in Radom, gut gegangen sei. Und das sei eine ziemlich schreckliche Einsicht. Eine wichtige Figur in „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist die Mutter der Ich-Erzählerin. „Du literarisierst“ – das ist der Vorwurf, den die Mutter der Schriftsteller-Tochter mehrfach macht. Was heißen soll: Du dramatisierst. Das Interesse der Schriftstellerin ist kein historisches. Der Großvater ist ein Täter, das ist eine Gewissheit. Was genau er getan hat, bleibt im Dunkeln. Er taugt nicht als literarische Figur, sondern steht als ewiges Gespenst inmitten eines dichten Familiengeflechts. Es sind Details, die Judith Hermann herausarbeitet. Da ist beispielsweise eine Suppenkelle, die die Familie von jeher am Mittagstisch benutzt hat. Nur für die Erzählerin ist der Umstand von Bedeutung, dass sie ein Geschenk des Großvaters an seine Tochter war, wenige Monate vor seinem Tod. Für alle anderen ist es eben nur eine Kelle. So geht es oft in diesem Buch: Eigentlich will die Mutter nichts wissen. Aber sie weiß sehr viel. Und hin und wieder macht auch sie eine Tür in die Vergangenheit auf. Und schließt sie dann sehr schnell wieder, beinahe erschrocken.
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist eben kein Buch über einen Nazi-Großvater. Es ist ein Buch über Familien; über ein Schweigen, das die Generationen miteinander verbindet. Die Erzählerin reist von Radom aus weiter nach Neapel, zu ihrer Schwester, einer Archäologin. Die Schwester hält die Geschichte des Großvaters von sich und ihrer Familie fern, betrachtet ihn, analog zu ihren Ausgrabungen, nicht als einen offenen, sondern als geschlossenen Fall. Der Erzählerin wirft sie vor, um den Großvater eine Art von schwarzem Totenkult zu inszenieren. Judith Hermann selbst hat in einem Interview davon gesprochen, dass der Großvater ihr während der Arbeit an ihrem Buch auf beunruhigende Weise und gegen den eigenen Willen nahegekommen ist. Das ist der Effekt, der sich auch beim Lesen einstellt: Ganz unwillkürlich beginnt man, die Lücken, die Judith Hermann lässt, mit Fragen an die eigene Familiengeschichte aufzufüllen.
Von Christoph Schröder
Christoph Schröder lebt als Kritiker und Autor in Frankfurt/Main. Er arbeitet unter anderem für SWR Kultur, den Deutschlandfunk und Die Zeit.