Sachbuch
Andrea Böhm
Fighting Like a Woman. Die Geschichte der Frauen, die zurückschlagen
Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Frauen, die hauen
Auch im 21. Jahrhundert gilt unverdrossen: Eine passive Frau ist eine gute Frau. Frauen sollten bitte weder besonders laut sein in patriarchal geprägten Kulturen – also fast überall – noch körperlich werden bei der Artikulation ihrer Bedürfnisse. Schließlich muss sich ihre Wehrhaftigkeit darauf beschränken, entsprechende Defensivtechniken wie wegrennen, sich verstecken oder losschreien einzuüben. Frauen wachsen hinein in ein Leben, in dem der Mann ein potenzieller Angreifer ist, weswegen wir unsere Mädchen instinktiv zu einer Schule des Selbstschutzes anleiten.
Dass Frauen Männern körperlich unterlegen sind, scheint dabei eine Tatsache zu sein, der man sich zu stellen hat. Philosophen und Wissenschaftler aller Zeitalter glaubten an die natürliche Unterlegenheit der gesamten weiblichen Natur. Wobei hier das generische Maskulinum nicht generisch, sondern maskulin gemeint ist. Es waren Männer, die Frauen erklärten und nicht Frauen, die sich erklärten.
Die Frau, fand Thomas von Aquin beispielsweise griffig, sei ein „Missgriff der Natur“. Mit ihrem „Feuchtigkeitsüberschuss und ihrer Untertemperatur“ sei sie körperlich und geistig „minderwertiger“. Da konnte der Domikaner sich seinerseits auf Aristoteles berufen, der fand, der Mann sei vernunftbegabt und die Frau „gleichermaßen deformiert“. Ein anderer Mann – er hieß Arthur Schopenhauer – hat es nicht weniger plump formuliert: „Schon der Anblick der weiblichen Gestalt lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist.“ Dass auch Darwin, der mit seiner progressiven Evolutionstheorie die christliche Schöpfungsgeschichte herausforderte, in dieses Horn blies, kann kaum noch erstaunen. Der Mann brächte es „zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt“, fand er.
Liest man solche Ansichten heute, wird deutlich, welchen Weg der Feminismus seit der Souffragetten-Bewegung im neunzehnten Jahrhundert zurückgelegt hat. In der Regel wurde weiblicher Widerstand dabei aber als sanfter Protest historisiert. Das heißt, Feminismusforschende stoßen aller Orten auf Frauen, die argumentieren, die demonstrieren, die mit BHs werfen oder sich schlicht clever vernetzen. Aber wo, fragte sich die langjährige Auslandsreporterin Andrea Böhm, sind die Frauen, die physische Gewalt mit physischer Gewalt beantwortet haben? Die sich nicht abfinden wollten mit ihrer „Machtlosigkeit“? Was hat die Geschichtsschreibung mit jenen Frauen gemacht, die nicht mehr reden, sondern lieber zuschlagen wollten?
Andrea Böhm, die derzeit dem Politik-Ressort der Wochenzeitung „Die Zeit“ angehört, hat selbst viele Jahre lang Kampfsport gemacht. Auf ihren vielen Reisen, an ihren vielen Aufenthaltsorten, hat es sie immer wieder in Kampfsportschulen gezogen. Aus diesem Interesse heraus ist ein Buch entstanden, das dem physischen Kampf der Frauen gegen das Patriachat weltweit nachgeht. Es beginnt mit den amerikanischen Souffragetten Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton, die bereit waren, sich für das ihnen immer wieder verwehrte Frauenwahlrecht zu schlagen. Jedes junge Mädchen, sagte Stanton in einem Interview, solle für den Umgang mit Männern lernen zu schießen und zudem „einen riesigen Neufundländer bei sich haben“.
Andrea Böhm findet das revolutionärer als die Androhung der beiden Frauenrechtlerinnen, eine Frauenrepublik auszurufen. Denn hier wird zum ersten Mal in der Geschichte der Frauenrechtsbewegungen das männliche Gewaltmonopol infrage gestellt. Und das wird im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer wiederkehrenden Leibesübung mutiger Frauen werden. Zum Beispiel auch die der englischen Suffragette Edith Garrud, die ihre wehrbereiten Zeitgenossinnen in Jiu-Jitsu unterrichtete und somit eine eigene Sicherheitsfirma für die skandalösen Auftritte ihrer Kampfesschwestern zusammenstellte.
Überhaupt sollte eine weibliche Sportbewegung, die alle möglichen Disziplinen umfasste, ein Leben außerhalb des viktorianischen Korsetts ermöglichen. Natürlich waren es auch hier männliche Mediziner, die heftig protestierten, weil sie angesichts „watschelnder“ Frauen beim Hockey um den grazilen weiblichen Gang und angesichts schwimmender Frauen um die weibliche „Haarpracht“ fürchteten. Aber Frauen, einmal auf den Geschmack gekommen, wollten gerne weiterhin ihre Muskeln spielen lassen.
Böhm fasst ihre „Geschichte der Frauen, die zurückschlagen“ bis in unsere Gegenwart. Aber sie verherrlicht hierbei nichts und niemanden. Beispielsweise weist sie darauf hin, dass Frauenboxen in der ersten Jahrhunderthälfte in weißen bürgerlichen Kreisen auch deswegen so boomte, weil es auf der anderen Seite ein kollektives Feindbild zu bekämpfen galt: das des schwarzen männlichen Aggressors.
Böhm belässt es in ihrem Buch nicht bei Beispielen aus der Geschichte. Sie sucht ringende Frauen in Mexiko auf, die mit Lucha Libre, einer theatralischen Variante des Wrestling, gegen die Femizide in ihrem Land ankämpfen. Böhm hat auch mit kurdischen Kämpferinnen gesprochen. Sie besucht Nachfahrinnen der berühmten Frauenarmee im Königreich Dahomey im heutigen Benin, amerikanische MMA-Heldinnen und Transfrauen im Thailändischen Muay Thai Sport. Sie nimmt uns mit auf eine packende Reise einmal um die Welt und quer durch die Kulturgeschichte. Das, was sie auf dieser Reise findet, ist nicht gesellschaftsfähig und doch allgegenwärtig, also skandalös: Frauen, die austeilen.
Von Katharina Teutsch
Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.