Belletristik
Anna Maschik
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
Übersetzungsförderung
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Magische Familienchronik
Die 1995 in Wien geborene Anna Maschik eröffnet ihren Debütroman mit einer spektakulären Szene, die dem Buch auch seinen Titel gegeben hat: Die Bäuerin Henrike verhängt die Türen und Fenster ihrer Waschküche mit schweren Wolldecken. Kein Geräusch soll nach außen dringen und auch kein Lichtschein. Dann holt sie ein Schaf aus dem Stall, tötet das Tier mit einem Bolzenschussgerät, zieht ihm anschließend professionell und routiniert das Fell ab, um es dann auszuweiden: „Mit dem breiten Schlachtmesser macht sie einen Schnitt in den Bauch, durch den sie zwei Finger schiebt und an beide Seiten des Messers hält, um die Eingeweide vor der scharfen Klinge zu schützen. Vorsichtig zieht sie Messer und Finger in einer geraden Linie bis zum Brustknochen des Tieres, das vor ihr aufklappt wie ein Buch.“ Warum ein Schaf geschlachtet wird und nicht etwa ein Schwein? Weil Schafe den eigenen Tod still und duldsam ertragen, während die Schweine den Schlachtvorgang mit entsetzlich lautem Geschrei begleiten. Und warum Henrike es heimlich tun muss? Weil das Schlachten in Kriegszeiten streng reglementiert war und die Tiere von der Dorfpolizei regelmäßig nachgezählt wurden. Man musste eine gute Ausrede haben, wenn eines fehlte.
Geschickt ruft Anna Maschik in ihrem kurzen Prolog die Motive auf, die ihren schmalen, aber hochintensiven und vor allem klug konstruierten Roman durchziehen: Krieg und Weiblichkeit, Tod und Vergänglichkeit, vor allem aber der scharfe, sezierende Blick auf Körper. Und wer den Verdacht hegt, dass sich Maschik mit den Themen Nationalsozialismus (der als solcher nie benannt wird) und ländlicher Raum auf literarisch ausreichend beackertes Gelände begibt, mag recht haben. Die Art und Weise, wie Maschik ihre Geschichte erzählt, ist jedoch unkonventionell und überraschend. Ausgehend von der im Jahr 1900 geborenen Henrike und vom Schauplatz eines norddeutschen Dorfes entspinnt Maschik die Lebensläufe der drei darauf folgenden Generationen von Frauen. Männer gibt es – naturgemäß – auch, doch ins Licht der Geschichte treten sie immer erst dann, wenn sie einer der Protagonistinnen begegnen. Eine Familienchronik aus weiblicher Perspektive. Rekonstruiert wird diese Chronik von Alma, der allwissenden Erzählerin und Henrikes Urenkelin. „Meine Erzählung ist eine Eingeweideschau“, sagt sie gleich zu Beginn. Anna Maschik hat in einem Interview dazu gesagt, ein Blick in eine Familiengeschichte sei „eine blutige und intime Angelegenheit. Wir sehen die Organe, die uns am Leben erhalten, vermutlich graut uns aber auch. Zum anderen ist das Erzählen einer Familiengeschichte eine Art umgekehrte Wahrsagerei. Wir deuten Zeichen in der Gegenwart, nicht um vorauszusagen, was in der Zukunft passieren wird, sondern was in der Vergangenheit passiert ist. Dabei wissen wir von der Vergangenheit fast genauso wenig wie von der Zukunft.“
Darum ist nichts von dem, was wir in diesem Roman lesen, verlässlich. Es bleibt fragmentarisch, bruchstückhaft, und doch ergeben sich auf den gerade mal 240 Seiten Kontinuitäten und Erkenntnisse. Zum Beispiel die, dass es unmöglich ist, sich von Prägungen zu lösen. Jede Frauengeneration, angefangen bei Henrike, fortgesetzt bei deren Tochter Hilde bis hin zu Almas Mutter Miriam, nimmt die Mutterrolle zunächst zögernd an. Und jede denkt, sie werde ihr Leben anders gestalten als das der vorigen Generation – um letztendlich dann doch in bekannten Mustern zu landen. Von Norddeutschland verlagert sich das Geschehen nach Wien: Hilde, die Großmutter der Erzählerin Alma, hat im Krieg einen österreichischen Soldaten kennengelernt, von dem sie ein Kind erwartet und dem sie nach dem Krieg in eine unglückliche Ehe in einer Wiener Fabrikantenfamilie folgt.
Anna Maschiks Buch ist keine streng realistische Erzählung, sondern ein Buch in der Tradition des südamerikanischen magischen Realismus: Hildes Bruder Benedikt liegt mehr als ein Jahrzehnt lang, besungen von den Liedern der Mutter, in einem tiefen Schlaf, bevor er eines Tages aufsteht und am Leben teilnimmt, als sei nichts geschehen. Eine Hebamme und eine Totenfrau geistern als nicht alternde Konstanten durch die Jahrzehnte und begleiten die Figuren beim Gebären und Sterben. Anna Maschiks Welt ist mythisch aufgeladen und konkret zugleich. Maschik findet starke, prägnante Bilder, entwirft einprägsame Szenen und hat ihre heterogenen Stilelemente, darunter auch immer wieder in den Text eingestreute Listen, die die Welt ordnen und strukturieren, fest im Griff. Ein formal so mutiges wie sprachlich originelles Debüt.
Von Christoph Schröder
Christoph Schröder, Jahrgang 1973, arbeitet als freier Autor und Kritiker unter anderem für den Deutschlandfunk, SWR Kultur und Die Zeit.