Literarisches Übersetzen
Interview mit Jürgen Becker und Alexandros Kypriotis

Jürgen Becker und Alexandros Kypriotis
© Goethe-Institut Athen

Jürgen Becker vom Literarischen Colloquium Berlin (LCB) und Alexandros Kypriotis (Litrix 2019-2020) sprechen über die Literaturszene, Stipendienmöglichkeiten und den Übersetzer-Beruf in Deutschland und Griechenland.
Was hat sich in den letzten 20 Jahren verändert und wie hat die Krise diesen Berufszweig in Griechenland beeinflusst?

Interview mit Jürgen Becker und Alexandros Kypriotis.

Herr Becker, seit 1998 gibt es den Deutschen Übersetzerfonds, seit der Gründung sind Sie dessen Geschäftsführer. Was hat sich in den gut zwanzig Jahren in der deutschen Übersetzerszene getan? Wie hat sich das Bild der Übersetzer*innen in der Öffentlichkeit in dieser Zeit gewandelt?

Der Übersetzerfonds ist tatsächlich eine große Innovation gewesen für die Übersetzer*innen in Deutschland. Er ist die große Förderinstitution. Es gibt öffentliche Unterstützung für Übersetzer*innen, d.h. Stipendien, Fortbildungsmöglichkeiten. Es hat sich eine Infrastruktur gebildet, aber es hat sich auch für die öffentliche Wahrnehmung einiges getan. Das kommt zum Einen aus dem Aktivismus und dem Engagement der Übersetzer*innen selbst, die auch sehr gut organisiert sind durch ihren Verband, zum Anderen auch durch den Übersetzerfonds, der natürlich eine Form der öffentlichen  Anerkennung ist. Heutzutage findet man häufiger Übersetzernamen, die auf dem Cover von Büchern abgebildet sind. Es gibt Veranstaltungen, bei denen Übersetzer*innen jetzt nicht nur als Dolmetscher des Autors oder der Autorin, sondern auch als Übersetzer*innen gefragt werden. Man kennt das von den Eröffnungen der Buchmessen: Keine Buchmessen-Eröffnung ohne groß applaudiertes Übersetzerlob. Der Bundespräsident bezieht sie zuweilen ein in seine  Delegationen bei den Auslandsreisen. Gerade da hat sich doch einiges getan in den letzten Jahren.

Wie abhängig ist der/die Übersetzer*in vom Buchmarkt bzw. von aktuellen Literaturtendenzen?

Die Abhängigkeit vom Buchmarkt ist ja klar. Niemand sitzt zu Hause und übersetzt für die Schublade, sondern es soll natürlich veröffentlicht werden. Von daher spielt der Buchmarkt eine große Rolle. Deutschland ist, was das Übersetzen betrifft, ein starkes Land. Es wird sehr viel ins Deutsche übersetzt und auch sehr viel aus kleineren Sprachen. Es sind, glaube ich, in der Belletristik im letzten Jahr 3.800 übersetzte Titel gewesen. Jedes vierte belletristische Buch, das in Deutschland publiziert wird, ist eine Übersetzung. Der Markt ist ziemlich groß und ziemlich weit aufgefächert.

Kann man vom literarischen Übersetzen leben oder ist es notgedrungen für die meisten ein Zweitberuf?

Das kommt sehr auf die Ausgangssprachen an, aus denen man übersetzt. Es gibt viele Profis, die aus den großen Sprachen übersetzen. Je kleiner die Sprache, umso schwieriger wird oft die Existenzgrundlage. Aus dem Griechischen zu übersetzen zum Beispiel und darauf sozusagen eine Existenz aufzubauen, das wird sehr schwierig. Da muss man durch andere Aktivitäten dazu finanzieren, die auch mit der Vermittlung griechischer Literatur zu tun haben können: akademische Jobs oder vielleicht zusätzlich aus anderen Sprachen übersetzen, aber es ist tatsächlich eine relativ schwierige Sache. Die Honorarsituation ist nach wie vor beklagenswert. Die Honorare haben sich in den letzten zwanzig Jahren nicht so erhöht, wie zum Beispiel die normalen Löhne und Gehälter in Deutschland. Von daher muss man mit relativ wenig Umsatz versuchen, sein Leben zu bestreiten. Es ist nach wie vor ein schwieriger Job.

Herr Kypriotis, wie stellt sich die Übersetzerszene in Griechenland dar? Hat die wirtschaftliche Krise diesem Berufszweig überdurchschnittlich geschadet?

Sicher hat die Finanzkrise den Berufszweig des Übersetzers in den letzten Jahren beeinflusst. Der Beruf der Übersetzer*in war natürlich immer ein schwieriger Beruf, sowohl in Griechenland, als auch in Deutschland, wie Jürgen bereits erwähnt hat. Trotzdem gibt es neue kleine Verlagshäuser, die viele Bücher herausbringen, und die großen Verlage setzen ihr Engagement für übersetzte Literatur ebenfalls fort. Die Arbeitsbedingungen sind jedoch in finanzieller Hinsicht nicht gleich, und die Qualität des Papiers hat beispielsweise abgenommen. Außerdem bevorzugen die Verlage ältere Werke, für die sie keine Rechte mehr erwerben müssen. Aber ich denke, dass die aktuelle Situation trotzdem hoffnungsvoll ist, weil man neue kleine Verlage entstehen sieht und trotz allem  viele Bücher auf den Markt kommen, darunter tatsächlich auch viele deutschsprachige. Nach Englisch ist Deutsch, glaube ich, die zweithäufigste Sprache, aus der bei uns Bücher herausgebracht werden.

Herr Becker, das Literarische Colloquium in Berlin gilt als eine der wichtigsten Adressen für Übersetzer*innen ins Deutsche und aus dem Deutschen und bietet ein reichhaltiges Fortbildungsprogramm. Welche Stipendienmöglichkeiten würden Sie griechischen Übersetzer*innen empfehlen?

Es gibt mittlerweile Möglichkeiten, nach Deutschland eingeladen zu werden. Wir bieten regelmäßig Programme an wie das Internationale Übersetzertreffen, bei dem jedes Jahr im März  eine internationale Gruppe von dreißig Übersetzer*innen aus aller Welt für eine Woche zusammenkommt. Sie nehmen an einem Workshop-Programm im Kolloquium teil und besuchen dann alle zusammen die Leipziger Buchmesse. Etwas Ähnliches findet im Sommer statt, unsere sogenannte Sommer-Akademie. Mittlerweile gibt es auch ein Angebot für Lyrik-Übersetzer*innen, das „Junivers“ heißt und jedes Jahr im Juni bei uns stattfindet. Ansonsten versuchen wir auch die individuellen Fördermöglichkeiten auszubauen d.h. dass es Stipendien für mehrwöchige Arbeitsaufenthalte in Deutschland, in der Schweiz oder anderswo gibt. Oder man hat vielleicht eine eigene Idee, wohin man aus einem ganz bestimmten Grund möchte. Ein Theater-Übersetzer hat vielleicht in Hamburg gerade einige Inszenierungen, die er sehen möchte. Diese Form der Förderung möchten wir in den nächsten Jahren noch stark ausbauen, diese Mobilität. Das scheint mir eine wichtige Sache gerade für Literaturübersetzer*innen zu sein.

Herr Kypriotis, Sie selbst haben schon einige Arbeitsaufenthalte in Deutschland wahrgenommen, darunter auch am LCB. Wie waren Ihre Eindrücke? Ihr schönstes Erlebnis?

Ich war tatsächlich bereits einige Male als Stipendiat in Deutschland. Diese Stipendien, von denen Jürgen bereits gesprochen hat, sind für griechische Übersetzer in finanzieller Hinsicht sehr hilfreich. Sie sind darüber hinaus aber auch sehr schöne Erfahrungen, da man Kollegen aus aller Welt trifft, die ebenfalls deutsche Literatur übersetzen und mit denen man sich austauscht.  Besonders fruchtbar war für mich ein dreiwöchiger Arbeitsaufenthalt im LCB, bei dem ich Katharina Bendixen kennengelernt habe, eine sehr gute, junge Autorin. Ich habe ihre Erzählungen gelesen und war begeistert. Damals habe ich Jenny Erpenbeck übersetzt.  In wenigen Wochen bringt der Verlag Skarifima Katharina Bendixens Buch auf Griechisch  heraus. Darüber bin ich sehr glücklich. Ohne das LCB hätte ich die Autorin nicht kennengelernt. Das war ein sehr schöner und produktiver Zufall.

Redaktionelle Bearbeitung: Anne-Bitt Gerecke