LYRIK AKTUELL
Flip-Flop des Denkens

Tom Schulz Carl-Christian Elze Monika Rinck
© Hanser Berlin / Verlagshaus Berlin / S. Fischer

Die Poesie des Jahres 2019 zeigt sich beschwingt und unternehmungslustig.

Von Tobias Lehmkuhl

Als würde die Jugend gerne in die Ferne schweifen, das Alter eher das Glück vor der Haustür suchen: So reisen Carl-Christian Elze und Tom Schulz nach Venedig und durch die Welt, während Gerhard Falkner und Wulf Kirsten die Schorfheide bei Berlin und die (Erinnerungs-)Landschaften Thüringens und Sachsens erkunden. Wobei die „Jugend“ auch schon auf die Fünfzig zugeht, aber in Gestalt von Elze und Schulz eben doch einer ganz anderen Lyrik-Generation angehört als Kirsten, Jahrgang 1934, und Falkner, Jahrgang 1951.

Gerhard Falkner gehört seit Anfang der achtziger Jahre zur Speerspitze der deutschsprachigen Lyrikavantgarde, und wenn er nun mit „Schorfheide. Gedichte en plein air“ (Berlin Verlag) einen Band vorlegt, der sich der vermeintlichen Beschaulichkeit brandenburgischer Kiefernwälder widmet, so sind es bei ihm zugleich „Kritische Wälder/ in grünen Kitteln“, von Philosophie und Poesie-Zitat durchzogen. Gut abgehangen sind diese ironischen Verse freilich, wie auch die Gedichte Wulf Kirstens in „erdanziehung“ (S. Fischer Verlag) eine Art altersmilder Bilanz ziehen aus bald siebzig Jahren dichterischer Tätigkeit. Einer dichterischen Spurensuche, die weniger in der gerodeten Natur der Gegenwart als in einer erinnerten und imaginierten Natur verortet ist, einer Natur der Wörter auch, die an vokalreiche Beschwörungsformeln alter Germanen gemahnt: „Wie komme ich nach Schaddel,/ wo liegt Querbitzsch an der Schnauder?“
 
Tom Schulz’ reichhaltige „Reisewarnung für Länder Meere Eisberge“ (Hanser Berlin Verlag) wirkt da deutlich gegenwartszugewandter. Mehr als das –  Schulz scheint die Zukunft im Blick zu haben:
„Aus dem Wasser auferstehn./ In ein paar Dutzend Jahren, wenn neues Schilf gewachsen ist/ wenn unsere grüne Hand geschleifte, verlassene Bauten streift/ wenn eine große Zunge die Grabsteine abschleckt.“
 
Wer würde angesichts Venedigs nicht von Vanitas-Gefühlen befallen? Tom Schulz gleichwohl enthält sich des billigen Vergeblichkeits-Gestus, er bleibt stets beteiligter Beobachter, sei es als Venedig-Besucher, als Begleiter der „Plantagenarbeiter von Tazacorte“ und der „Hundeausführer von Recoleta“, als Gast in den „Beinhäusern von São João“ oder unterwegs auf der griechischen Insel Leros, auf der der Dichter Jannis Ritsos zwei Jahre lang als politischer Gefangener lebte:
 
„Dass die Steine bersten und kein Schatten fällt/ dass das Gras Feuer fängt, dass ein Draht über der Erde/ gespannt ist, dass eine Ziege, dürr wie dein kleiner Hand-/knochen, grast, dass der wegzulasernde Schmerz endlich/ aufhört…“

Frank O Haras / Maren Kames / Monika Rinck / Gerhard Falkner
 
In Venedig war auch Carl-Christian Elze und aus der Lagunenstadt hat er gleich einen ganzen Gedichtband mitgebracht: „langsames ermatten im labyrinth“ (Verlagshaus Berlin). Entstanden offenbar während eines Aufenthalts im Centro Tedesco di Studi Veneziani, haben die Gedichte glücklicherweise nichts von Stipendienlyrik an sich. Der Venedig-Flaneur Elze schreibt frei von Klischees und wandert mit wachem Blick durch enge, labyrinthische Gassen. Doch auch er kann sich der großen Geste dieser „auf der flucht geborenen stadt“ nicht entziehen:
„niemand ist rettbar/ in diesem gebilde/ weder dogen noch päpste/ weder du noch dein kind/ alles verschwindet/ in einem anfall von schönheit/ nichts und alles gelingt.“
 
2019 erscheint auch eine Reihe von Gedichtbänden von in den achtziger Jahren geborenen Dichterinnen, deren Gemeinsamkeiten sich allerdings im jungen Alter und in der Tatsache erschöpft, dass sie in ihren Büchern gerade keine Reise- und Naturzyklen versammeln. Körper, Körperteile, körperliche Fremdheitserfahrungen spielen in Carolin Callies Band „schatullen & bredouillen“ (Schöffling Verlag) wie auch in Ines Berwings 27 Gedichte umfassendem Debüt „muster des stillen verkabelns“ (hochroth Verlag) eine große Rolle:
„ich werde beobachtet, ich muss/ mich benehmen. darf nicht in/ unterwäsche zum nachbarn/ gehen. darf nicht in schuhen/ schlafen, auf wimpern wippen,/ in schubladen baden.“
 
Maren Kames zeigt in ihrem zweiten Buch „Luna Luna“ (Secession Verlag), zugleich als Hörspiel konzipiert, zudem wie nah sich lyrische und dramatische Texte gekommen sind, welch große Rolle der performative Aspekt für die Poesie mittlerweile spielt. An den Gelenkstellen der Sprache und des Denkens dreht und schraubt mit feinen Instrumenten Karin Fellner. In ihrem Band „eins: zum andern“ (Parasitenpresse) scheinen die Gedichte auf schwankendem Grund zu tanzen, sind am Ende aber immer zum leichten Schweben hin austariert:
„Klipper des Denkens kippen in diese, jene Richtung,/ du flip-floppst drauf herum und schwa/enckst mit deinen Segeln.“

Elke Erb / Ines Berwings / Carolin Callies / Wulf Kirsten
 
Auch in den Gedichten von Dagmara Kraus steht das tänzerische, mehr noch das gesangliche, das vielsprachige Gezüngel im Vordergrund. Auf der ersten Seite ihres Bandes „Liedvoll, Deutschyzno“ (kookbooks) findet sich gar eine Partitur. Philosophisches Nachsinnen oder meditative Naturversunkenheit interessiert sie nicht. Deutlich von DADA und den europäischen Avantgarden geprägt – insbesondere der osteuropäischen Tradition – geht Kraus mit anarchischer Lust an die Sache, ans Verquicken von Sprachen, ans Überschreiben anderer Texte. So in dem Band „Aby Ohrkranf’s Hunch Poems“ (roughbooks), der Frank O’Haras klassische „Lunch Poems“ (1964) gewissermaßen als Sprungschanze benutzt. Das Motto dieses Bandes „die buckel als schanze“ entnimmt Kraus wiederum einem frühen Gedicht von Monika Rinck, die 2019 ebenfalls gleich zwei neue Lyrikbände veröffentlicht.
 
In „Alle Türen“ (kookbooks) erweist sich Monika Rinck als Kraus-Verwandte im anarchischen Geiste. Allerdings ist nicht DADA, sondern die Operette für sie Inspiration zu herrlich überdrehten, ja geradezu schmissig-chaotischen Texten. In „Champagner für die Pferde“ (S. Fischer Verlag), einer Anthologie ihres bisherigen lyrisch-essayistischen Schaffens, erweist Rinck unter anderem Elke Erb Reverenz. Und auch jene 1938 geborene Grande Dame der Gegenwartspoesie legt in diesem Jahr einen neuen Band mit dem Titel „Gedichtverdacht“ (roughbooks) vor. Dieser zeigt einmal mehr, warum Elke Erb ein Vorbild für so viele jüngere Dichter und Dichterinnen ist: Denken, Beobachten und Fühlen greifen bei ihr mit größter Leichtigkeit und Lakonie ineinander, ebenso Gegenwart und Vergangenheit. Ihr Verfahren, immer wieder Wörter und Sätze aus ihren alten Tagebüchern zu „holen“ und in die aktuellen Bände einzugliedern, hat auch drei Verse über das Reisen zutage gefördert. „Reise nach Polen“ heißt das Gedicht. Es stammt aus dem Jahr 1975 und ist doch alles andere als historisch:
„Man muß sich vor Augen halten:/ Manche verlassen das Land ihrer Kindheit nie,/ andere sehen es nie wieder.“


Tobias Lehmkuhl wurde 1976 geboren, studierte in Bonn, Barcelona und Berlin Komparatistik und Hispanistik und arbeitet seit 2002 als freier Literatur- und Musikkritiker u.a. für Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und Deutschlandfunk. 2017 erhielt er den Berliner Preis für Literaturkritik. Zuletzt erschienen: „Die Odyssee. Ein Abenteuer“ (2013), „Nico. Biographie eines Rätsels“ (2018).