Melanie Garanin Mein Freund Rilke
- Carlsen Verlag
- Hamburg 2025
- ISBN 978-3-551-75780-7
- 192 Seiten
- Verlagskontakt
Für diesen Titel bieten wir eine Übersetzungsförderung ins Polnische (2025 - 2027) an.
Amour Fou mit einem Dichtergott
Den Leserinnen und Lesern der Graphic Novel „Mein Freund Rilke“ wird schnell klar: Die Journalistin ist da Rilke persönlich in die Arme gelaufen! Eine Frau von heute trifft auf einen Dichterkönig von vor 100 Jahren. Beim Weiterlesen wird klar, dass Ellen noch eine Weile brauchen wird, um sich über die Identität ihrer neuen Bekanntschaft klar zu werden. Ausgerechnet sie, die bisher wenig mit Rilke und seiner Zeit am Hut hatte, soll für ein Onlinemagazin einen Artikel über den Dichter schreiben. Doch durch die Bekanntschaft mit dem merkwürdigen, sympathischen und irgendwie attraktiven Herrn bekommt Ellen einen Inspirationsschub: Sie kniet sich immer mehr in ihr Thema hinein und reist sogar zu weiteren Wirkungsstätten des Poeten. Zuallererst Paris! Wo sie „ihn“ wiedertrifft...
Autorin und Zeichnerin dieser „Liebes-Graphic Novel“ ist die aus Berlin stammende Animatorin und Kinderbuch-Illustratorin Melanie Garanin. Rainer Maria Rilke liegt ihr schon lange am Herzen. Der 1875 in Prag (damals Österreich-Ungarn) geborene und 1926 in der Schweiz gestorbene Lyriker gilt bis heute als einer der wichtigsten deutschsprachigen Poeten der Moderne. Passend zum 150. Geburtstag Rilkes legt Garanin nun ihre ungewöhnliche und sehr humorvolle Rilke-Romanze in Comicform vor. Bereits in ihrer ersten, autobiographischen Graphic Novel „Nils – Von Tod und Wut. Und von Mut“ (2020) tauchte der Dichter in gezeichneter Form kurz als „Freund“ und „Seelenverwandter“ der Erzählerin auf. Denn Rilkes Gedichte spendeten der Zeichnerin Trost, nachdem sie ihren kleinen Sohn durch eine Leukämieerkrankung verloren hatte. Das berührende Buch zeigte bereits, wie die 1972 geborene Zeichnerin auf leichte Weise von sehr Schwerem erzählen kann. Ihre cartoonhaften Figuren haben immer etwas Liebenswürdiges, sind ausdrucksstark und lebendig.
Nun, in „Mein Freund Rilke“, nähert sich Melanie Garanin ihrem Lieblingsdichter (der übrigens auch an Leukämie starb) auf sehr unbefangene Weise. Es ist fast schon ein Culture Clash, wenn die ganz heutige, ein wenig vom Alltag und der leidenschaftslosen Ehe mit ihrem Mann Volker ernüchterte Ellen auf den Dichter trifft, der einer ganz anderen Epoche entstammt. Doch holt die Zeichnerin den „Dichtergott“ auch von seinem Sockel, wenn sie (und mit ihr die Erzählerin Ellen) sein Leben in pointierten Episoden chronologisch nacherzählt. Ein interessanter Lebensabschnitt findet in Paris statt, als der noch junge Rilke den Bildhauer Auguste Rodin besuchte, um eine Monografie über ihn zu schreiben und dabei beginnt, erste Erkenntnisse über die Kunst zu gewinnen und niederzuschreiben.
Diese parallele Erzähltechnik gibt der Graphic Novel Struktur, und die sich wie selbstverständlich über Leben, Tod und die Zeitläufte hinwegsetzende Comic-Erzählung erhält damit ein solides Fundament, ohne an Leichtigkeit einzubüßen. Das Globetrotterleben Rilkes, der zahlreiche Lieb- und Freundschaften mit heute berühmten Frauen wie Lou Andreas-Salomé oder Paula Modersohn-Becker pflegte, eine (bald vernachlässigte) Ehe mit der Bildhauerin Clara Westhoff einging und ein (weitgehend ignoriertes) Kind hatte, werden so in locker-humoriger Weise präsentiert. Man folgt den oft drolligen Gedankengängen der sympathisch-tüdeligen, vor Selbstironie sprühenden Protagonistin, deren Bekanntschaft mit dem toten, aber hier sehr lebendigen Rilke sich zu einer absurden Amour Fou entwickelt. So wohnt man nicht nur einer verrückten Romanze bei, sondern lernt nebenbei auch noch einiges über Rilkes wahres, bohèmehaftes Leben dazu.
Melanie Garanins lockere Art zu zeichnen fördert das Lesevergnügen. Meist verzichtet sie auf comictypische Panelrahmen und oft auch auf Hintergründe, wenn Gedanken oder Dialoge im Mittelpunkt stehen. Eingestreut werden dabei immer wieder, abgesetzt in kleinen gelben Textblöcken, Rilke-Zitate aus wesentlichen Werken, meist Gedichten oder Briefen.
Wie ihre Heldin hat auch die Zeichnerin für ihre Recherchen so manche Wirkungsstätte Rilkes besucht, um dessen Entwicklung nachzuvollziehen und anschaulich zu machen: vom niedersächsischen Worpswede (wo Rilke eine Weile in der Künstlerkolonie wohnte) über Paris bis nach Sierre in der Schweiz.
„Mein Wunsch war, liebevoll über Rilke zu schreiben und möglichst viele Leser*innen dazu zu bringen, ihn auch zu lieben!", fasst Melanie Garanin zusammen. „Ihn dafür durch die Augen einer Frau zu erzählen, die sich in ihn verliebt, war dafür wie geschaffen. Ich glaube, es ist wirklich wichtig zu wissen, dass ich nie eine Biografie schreiben, sondern eine Liebesgeschichte zeichnen wollte."
„Mein Freund Rilke“ ist die ideale Einführung in Leben und Werk Rainer Maria Rilkes – ohne den Anspruch, dessen Gesamtwerk darzustellen – und zugleich eine unterhaltsame, augenzwinkernde biografische Fantasie in Comicform.
Von Ralph Trommer
Ralph Trommer, Dipl. Animator, freier Autor und Künstler, schreibt für verschiedene Medien regelmäßig Rezensionen und Fachartikel über Comics, Graphic Novels und Filme.
Inhaltsangabe des Verlags
Rainer Maria Rilke in einer neuen, modernen Perspektive
Ellen schreibt einen Artikel über Rainer Maria Rilke. Sie kennt seinen Namen, aber nicht sein Werk. Dann geschieht das Unmögliche: Sie trifft Rilke persönlich. Eine Liebesgeschichte entspinnt sich – zwischen zwei Zeiten, zwei Weltbildern. Poetisch und eindringlich eröffnet Melanie Garanin eine neue, heutige Sicht auf den berühmten Dichter. Für alle, die Rilke lieben oder ihn neu entdecken möchten.
(Text: Carlsen Verlag)
