Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jutta Richter
Die Katze oder Wie ich die Ewigkeit verloren habe

Buchbesprechung

Es ist nicht gerade eine freundliche Welt, in der sich die kleine Christine bewegt. Alle Erwachsenen, mit denen sie zu tun hat, sind entweder unterschwellig aggressiv (wie ihr Vater), funktional bis lieblos (wie ihre Mutter), streng und lächerlich gleichzeitig (wie der Lehrer und der Rektor) oder einsam und offenbar unglücklich (wie der Briefträger). Da ist es eigentlich kein Wunder, dass sich Christine mit ihren Fragen an eine alte weiße Katze wendet, die ihr jeden Morgen auf dem Schulweg begegnet und sie so lange aufhält, dass sie regelmäßig zu spät zum Unterricht kommt und deshalb vom Lehrer als "mutwillig" und als "Klüngelliese" gerügt wird.

Die Katze, die selbstverständlich sprechen kann, hat eine ganz eigene Philosophie des Lebens. Sie ist aufrührerisch und widerspenstig und findet die Werte, die die Erwachsenen vertreten höchst zweifelhaft. Als sich der Vikar bei der Verfolgung eines ungehorsamen Schülers den Oberschenkel bricht, interpretiert die Katze dies als die gerechte Strafe dafür, dass er den Kindern gerade von der Erbsünde und der Vertreibung aus dem Paradies erzählt hat.

Auch das Schicksal des ständig im Zwinger eingesperrten Schäferhundes Alf lässt die Katze kalt, denn schließlich könnte er sich ja wehren, findet sie: "Selber schuld", fauchte sie. "Er leckt die Hand, die ihn schlägt, anstatt zuzubeißen. Er winselt in seinem Käfig um Mitleid. Er beißt auf Befehl. Er kuscht auf Kommando." Christines Einwand, er könne nichts dafür, lässt sie nicht gelten: "Vergiss es", fauchte die Katze. "Er ist ein Opfer. Doch er wurde nicht als Opfer geboren. Niemand wird so geboren. Jedes Tier ist frei und stark und die Welt ist immer am Anfang ein Wunder." Was ist ein Opfer? Beim späteren Grübeln darüber kommt Christine auf ganz eigene Antworten: "Ein Opfer", dachte ich, "ein Opfer, das ist ein Schmerz. Ein freiwilliger Schmerz. Ein sinnloser Schmerz, wie ein Pieks mit einer alten grünköpfigen Stecknadel. Ein Opfer ist ein Hund, der sich befehlen lässt, weil er Angst hat, sonst kein Fressen zu bekommen."

Was der Leser hier miterlebt, ist im Grunde die Auseinandersetzung zwischen den beiden Ichs, die Christine in ihrem Innern fühlt, das Ringen um das Richtige, das es zu entdecken gilt. Sie ist hin- und hergerissen zwischen den beiden Extremen der lieb- und freudlosen Erwachsenenwelt und der Lust an der Provokation, die die Katze verkörpert. Da sind zum einen die Forderungen nach Anpassung und Fügsamkeit, die ihr von den Eltern (und der Schule) auferlegt werden und zum anderen die anarchischen Ideen der Katze, die sie zudem auf nächtliche Traumreisen mitnimmt. Die sprechende Katze steht für das kindliche Erleben der Welt ohne zeitliche und räumliche Grenzen, und solange Christine mit der Katze spricht, ist auch sie selbst Teil dieser Welt. Als ihr aber klar wird, dass die Katze durchaus nicht immer recht hat, emanzipiert sie sich und "verliert" so die Ewigkeit.

Als erwachsener Leser fühlt man sich fast in die repressive Atmosphäre der fünfziger Jahre zurückversetzt. Gleichzeitig gelingt es Jutta Richter in beeindruckender Weise, sich in die verwirrende und verwirrte Gefühlswelt eines Kindes hineinzuversetzen, das die eigenen Empfindungen mit den normativen Vorgaben der Erwachsenen in Einklang bringen muss.

In ungewöhnlicher Weise thematisiert Jutta Richter in diesem kleinen Buch nicht gerade einfache Fragen des Lebens. Sie erzählt in kurzen, knappen Sätzen und schafft so eine ganz eigene Stimmung, die zum weiteren Nachdenken anregt, wenn nicht gar auffordert. Antworten jedoch darf der Leser nicht erwarten, ebenso wenig wie Christine, denn die Antworten auf die entscheidenden Fragen kann man sich nur selbst geben.

Die vielfach ausgezeichnete Illustratorin Rotraud Susanne Berner hat das Buch mit ihren klaren Zeichnungen in weiß, gelb und schwarz bebildert. Geschmackvoll und gleichzeitig ein wenig spröde kommen die Illustrationen daher und unterteilen das Buch in zehn kurze Kapitel. Es ist ein außergewöhnlich schön gestaltetes Buch, das sich vor allem zur gemeinsamen Lektüre von Erwachsenen und Kindern eignet, denn die eine oder andere Stelle könnte den kindlichen Leser allein doch überfordern. Gemeinsam gelesen aber regt dieses Buch mit Sicherheit zu angeregten Gesprächen an.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 02.11.2006