Sparte: Belletristik

Peter Schneider
Die Lieben meiner Mutter

Roman

Buchbesprechung

​Peter Schneider, 1940 geboren, gehörte in den 1960er Jahren zu den führenden Stimmen der Studentenrevolte in Deutschland und zählt bis heute zu den bekanntesten, immer wieder auch umstrittenen Schriftstellern des linken Spektrums. „Lenz“, seine erste Erzählung über die enttäuschten Hoffnungen und Irrtümer der 68er wurde 1973 ein Bestseller.
Halbdokumentarisch, halbautobiographisch kreist sein literarisches Werk seitdem um die Wechselwirkung von persönlichen und politischen Ereignissen und die Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration, die ihren Kindern die Bürde ihrer historischen Schuld und die Schwierigkeit, darüber zu sprechen, vererbt hat.

Schneiders aktuelles Buch „Die Lieben meiner Mutter“, ein Zwitter zwischen Autobiographie und Roman, stellt einen neuen, fast intimen Versuch der Annäherung an die vorige Generation dar. Im Zentrum stehen Briefe seiner Mutter, die 1948 mit nur 41 Jahren starb.
Schneider war damals acht Jahre alt und sah die Mutter nach einem Streit nie wieder. Die berührende Erzählung des Traumas seines eigenen, kindlichen Verrats an der Mutter bildet jedoch ebenso wie die eindrückliche Schilderung der Flucht aus dem Osten und des bitteren Kriegs- und Nachkriegsalltags in einem bayerischen Dorf nur die Rahmenerzählung für die unerhörte Begebenheit, um die es eigentlich geht: Als der siebzigjährige Peter Schneider beginnt, die Briefe seiner sprachbegabten Mutter an ihren Mann und dessen besten Freund zu entziffern, begegnet er einer außergewöhnlichen Frau und ihrer Liebe zu – beiden Männern.

Anfänglich versuchte die Mutter offenbar noch, sich zu entscheiden: weil „ich viel zu wenig ehrfürchtig war vor hohen Gesetzen, weil ich noch nicht wußte, daß man weder verlangen – noch sich versagen – darf, wenn das Schicksal einem aufträgt: zu lieben“. Dann nahm sie das Schicksal der ménage à trois an. Schneiders Vater akzeptierte, davon zeugen seine Briefe, ja, begeleitete sogar die Lieben seiner Frau, die ihm auf ihre Weise wiederum nie untreu wurde. Fassungslos steht der Sohn, dessen Generation verklemmter und weniger ernst mit Modellen der freien Liebe experimentierte, vor dem Rätsel dieser Toleranz: „Wie hat der Vater diese Zumutungen ertragen?“, fragt er und mutmaßt: „Vielleicht waren solche intimen Bindungen zwischen ‚Seelenverwandten’ in den Kriegsjahren gar nicht so selten und so skandalös, wie es uns Heutigen erscheint. Wer jeden Tag den Tod vor Augen hat, entwickelt womöglich eine ganz andere Vorstellung vom Glück“.
Was man aus den Briefen der Mutter und den Erinnerungssplittern des Sohnes über ihr Leben erfährt, steht in vielem exemplarisch für den Kriegs- und Nachkriegsalltag von Frauen. Ein „Sittengemälde“ entwirft Schneiders Buch aber gerade nicht, erzählt es doch von dem, was gegen die und neben den Sitten möglich war, von Wünschen, Hoffnungen und Ängsten, von der Willenskraft einer Frau, die schon immer zu den Lebensformen und Gefühlen vorstoßen wollte, in „denen wir wirklich wurzeln.“ Ihr Leben, das dagegen rebellierte, auf die „Muttermaschine“ reduziert zu werden, endete in Erschöpfung und Einsamkeit. Zugleich beharrte sie darauf – und das unterscheidet Schneiders Mutter von vielen Altersgenossinnen –, dass sie nicht zu den vom Leben Enttäuschten gehöre, sondern zu den Frauen, denen das Leben zu viel geschenkt habe. Eine bemerkenswerte, aber auch erschreckende Aussage in dieser Zeit kurz nach dem Krieg.

Schneiders Verdienst ist es, durch die ungewöhnliche Geschichte seiner Eltern und seiner Kindheit die Komplexität sozialer und emotionaler Gefüge innerhalb der eingefahrenen Erzählmuster von Kriegs- und Nachkriegsromanen sichtbar gemacht zu haben. Andererseits bleibt die Begrenztheit seines eigenen Verstehens spürbar. So wundert er sich über die Zumutungen seiner Mutter, aber kein einziges Mal darüber, dass dem Vater die berufliche Verwirklichung wichtiger gewesen zu sein schien, als seiner ja von ihm geliebten kranken Frau im Alltag beizustehen. Stattdessen ruft der Sohn seiner Mutter Sätze wie diesen zu: „Kein Mann auf der Welt (...) sollte solche Briefe bekommen, weil kein Mann auf der Welt einer solchen Hingabe gewachsen ist.“ Ob das nicht die Möglichkeiten des männlichen Bewusstseins und des menschlichen Zusammenlebens unterschätzt? „Die Lieben meiner Mutter“ ist aber gerade weil der Text an solchen Stellen über seinen Autor hinauswächst und dessen unabgeschlossene Auseinandersetzung mit der Mutter und eigenen Liebesvorstellungen offen erzählt, ein wichtiges, ungewöhnliches literarisches Zeugnis der sozialen und psychologischen Verfasstheit deutscher Gegenwart.  
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Von Insa Wilke, 18.02.2014

​Insa Wilke ist freie Literaturkritikerin und schreibt u.a. für die Süddeutsche Zeitung, den TAGESSPIEGEL, ZEITonline und Deutschlandfunk. Sie ist Mitglied der Jurys für den Peter-Huchel-Preis sowie den Italo-Svevo-Preis und gehört zum Team der Literatursendung „Gutenbergs Welt“ auf WDR3. 2014 wurde Insa Wilke mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet.