Sparte: Belletristik

Lutz Seiler
Kruso

Roman

Robinson auf Hiddensee: Lutz Seilers Roman „Kruso“

Der 1963 in Thüringen geborene Lutz Seiler ist mit seiner Lyrik bekannt geworden und gilt mittlerweile als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren in dieser Gattung. „Mit Abstand entstehen härtere Zeichen“, heißt es in seinem herausragenden Band „pech & blende“ aus dem Jahr 2000: langsam hat er sich an die Prosa herangearbeitet, mit Essays, die Auskunft über seine Gedichte geben sollten und unter der Hand zu kleinen Erzählungen wurden, und mit Erzählungen selbst. Und nun hat dieser Lyriker einen Roman mit 500 Seiten vorgelegt.   
 
Die Sozialisation in der DDR ist für Seiler von Anfang an der Nährboden für seine literarischen Erkundungen gewesen. Sein Heimatdorf ist im Zuge des Uranabbaus geschleift worden, und das Phänomen der Radioaktivität nahm deshalb in seinen ersten Gedichten den Charakter einer vieldeutigen Metapher an. Davon ist auch in seinem ersten Roman noch etwas zu finden: in der Figur des Röntgenstrahlen-Forschers Rommstedt ist Robert Rompe zu erkennen, auf der Insel Hiddensee lebender Physiker und Stiefvater von Aljoscha Rompe, dem 2000 verstorbenen legendären Sänger der DDR-Punkband „Feeling B“, der im Roman ebenfalls eine Rolle spielt.
 
Die Insel Hiddensee war in der DDR ein geheimer Treffpunkt der Aussteiger, sie war wie das Ende der Welt. Und sie ist der Schauplatz von Seilers Roman, den man auch zeitlich genau eingrenzen kann: er spielt in den letzten Monaten der DDR. Und doch ist es letztlich kein DDR-Roman. Die Insel Hiddensee und der konkrete geschichtliche Hintergrund bilden nur die Grundlage für eine sprachliche Exkursion ins Unbekannte, in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeit- und Erfahrungsschichten.   
 
Die Hauptfigur Ed Bendler flieht aus seinem Studienort Halle an der Saale, wo er über Georg Trakl arbeitet, auf das exterritoriale Gelände der Insel Hiddensee. Dort jobbt er als Tellerwäscher in der Gaststätte Klausner – eines der begehrten Ziele für suspendierte oder freiwillig abbrechende Literaten und Geisteswissenschaftler, um als saisonale Arbeitskraft unterzukommen. Die DDR war das einzige Land auf der Erde, in dem man mit dem Beruf des „Tellerwäschers“ einen ungeahnten sozialen Aufstieg erleben konnte.
 
In der Begegnung mit Kruso, dem heimlichen König der Insel und Kopf der Untergrundszene, der auf Hiddensee eine geheime Gegenrepublik im Kleinen aufzubauen versucht, erlebt Ed seinen eigenen Bildungsroman. Es ist in erster Linie eine Robinsonade. Kruso ist russischer Herkunft und heißt eigentlich Alexander Krusowitsch, und er hat in seinen Vorstellungen von Freiheit etwas Charismatisches. Ed wird zu seinem „Freitag“, zur Schülerfigur wie in Daniel Defoes „Robinson“-Roman.
 
Das Motiv der Insel, das Motiv Robinson, das Motiv der Gaststätte „Klausner“, die sich wie eine Arche Noah über dem Meer erhebt – es gibt in diesem Roman ein dichtes Netz von lyrischen Verweisungen, die Seilers Beschäftigung mit Poesie auf neue Weise weiterführen. Und gleichzeitig knüpft „Kruso“ auch an die existenziellen Erkundungen an, an Bildungs- und Entwicklungsromane, die mit der aufklärerischen Sinnsuche des 18. Jahrhunderts begannen und in der Romantik widersprüchliche und suggestive Formen annahmen. Man kann „Kruso“ aber auch als grandiose Abenteuergeschichte lesen, wie Stevensons „Schatzinsel“ oder auch „Moby Dick“.
 
Die realistische Ebene – eine Milieustudie über die nonkonforme Szene in der späten DDR – und die Ebene mit literarischen Anspielungen und intertextuellen Bezügen gehen untrennbar ineinander über. Man merkt an dieser Prosa, dass Seiler Lyriker ist. Die Entwicklung der Beziehung zwischen Ed und Kruso wird durch Gedichtzeilen vorangetrieben, und das Geschehen wird nicht in erster Linie psychologisch motiviert, sondern durch Sprachbilder. So ist der „Lurch“, den der Abwasch im Auffanggitter hinterlässt, in seiner schwarzen Sinnlichkeit eine Hommage an den ebenfalls aus Thüringen stammenden und von Seiler bewunderten Autor Wolfgang Hilbig.     
 
Man kann diesen Roman auf verschiedene Weise lesen. Seiler fragt in seinem Roman nach den Möglichkeiten, individuelle Freiheit unter gesellschaftlichen Zwängen zu erproben, aber er ist vor allem auch ein literarisches Wagnis, das die politisch-gesellschaftlichen artistisch mit surrealen und grotesken Welten verbindet und dies zu einer ganz eigenen ästhetischen Einheit führt. Ein grandioses Buch, das weit mehr ist als bloß der Roman des Jahres 2014.    

Lutz Seiler: Ein literarischer Spätzünder
Helmut Böttiger

Von Helmut Böttiger, 07.01.2015

Helmut Böttiger lebt als Autor und Kritiker in Berlin und arbeitet für die Süddeutsche Zeitung und das Deutschlandradio. Zuletzt erschienen: „Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb.“ Auszeichnungen: Alfred-Kerr-Preis 2012, Preis der Leipziger Buchmesse 2013.