Sparte: Belletristik

Sabine Gruber
Daldossi oder Das Leben des Augenblicks

Roman

Rückkehr ins Leben ohne Schutzweste
Sabine Grubers Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Bruno Daldossi ist Kriegsfotograf. Er war in sämtlichen Krisengebieten von Bosnien über Afghanistan bis zum Irak unterwegs, hat dort sein Leben aufs Spiel gesetzt und Grausamkeiten gesehen, die er nicht wieder loswerden kann. Mittlerweile ist er Anfang Sechzig, in einer Art Rückzugserstarrung und – man muss es so sagen, bei den Mengen, die er säuft – Alkoholiker. Seine Freundin Marlis, eine Zoologin, die ein Braunbärgehege betreut und junge Eichhörnchen aufpäppelt, hat ihn verlassen, ihre „Gelassenheitsreserven" wurden im Lauf der Jahre aufgezehrt. Daldossi kommt über diese Trennung nicht hinweg; er reist ihr hinterher nach Venedig, wo sie bei ihrem neuen Liebhaber eingezogen ist. Doch als er sie dort findet, verpasst er sie, weil er sich im Vollrausch an nichts mehr erinnern kann.

Die 1963 in Meran geborene Sabine Gruber hat sich in ihren Romanen – zuerst in ihrem Debüt „Aushäusige" (1996) – immer wieder mit ihrer Heimat Südtirol beschäftigt und Figuren geschaffen, die in die Welt hinaus aufbrechen und doch Hängenbleiben an ihrer Herkunft. Das Motiv des Weggehens und des Zurückbleibens spielt auch in „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks" eine Rolle. Da erzählt Gruber die eindrucksvolle Geschichte eines Vereinsamten, eines Mannes, der in all den Kriegen seine Friedenstauglichkeit verloren hat. Es ist nicht leicht, die Schutzweste dann wieder gegen die Küchenschürze einzutauschen und all die Alltagsbelanglosigkeiten ernst zu nehmen, wenn man eben noch Kinder mit verstümmelten Gliedmaßen fotografiert hat. Anteilnahme und Hilfsbereitschaft sind Eigenschaften, die sich der professionelle Fotograf verbieten muss. Aber wie kann so einer dann zu Hause wieder liebesfähig sein? Und: Muss man denn nicht eingreifen, handeln, helfen, anstatt nur Zeuge zu sein und auf den Auslöser zu drücken?

Das sind Fragen, die in diesem Roman zum Glück nie eindeutig beantwortet werden. Dass man liebt und ein Leben lebt in einer Welt voller Schrecklichkeiten, ist nun mal eine Tatsache, mit der jeder auf seine Weise fertig werden muss. Sabine Gruber hat sich damit schon lange auseinandergesetzt: Sie war mit dem „Stern"-Reporter Gabriel Grüner befreundet, der 1999 im Kosovo erschossen wurde. Die Trauer um diesen Freund und der Respekt vor seiner Arbeit grundieren diesen Roman und geben der Figur des Bruno Daldossi eine enorme Intensität.

Erzählt wird im Wechsel zweier Perspektiven: Außer Bruno, so cool wie verzweifelt, ist da noch Johanna, die Ex-Freundin eines ehemaligen Kollegen, die nach Lampedusa reist, um eine Reportage über Mittelmeerflüchtlinge zu schreiben. Dieser Text ist dem Buch als Prolog vorangestellt – neben dem Bericht von einer Militärübung für Journalisten, wie sie sich im Minenfeld zu verhalten haben. Diese grandiose, unsentimental-genau Reportage vom Verhungern und Verdursten auf dem Meer beweist, was auch Daldossi mit seiner Fotografie erreichen möchte: Es ist möglich, Elend zu zeigen, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Seine Fotos sind als kurze Beschreibungen zwischen die einzelnen Kapitel geschaltet; Gruber übersetzt die Bilder in kleine Erzähl-Vignetten, die dem Liebes-Leben der Protagonisten den doppelten Boden geben: Existenz und Geschichte.

Bruno reist Johanna hinterher nach Lampedusa; es kommt zu einer vorsichtigen Annäherung, doch während sie ihn zu lieben bereit ist, geht es ihm vielmehr darum, über die Trennung von Marlis hinwegzukommen. Das „Leben des Augenblicks", das der Titel verspricht, bezieht sich nicht nur auf die Kunst des Fotografen, im richtigen Moment zur Stelle zu sein. Dieselbe Fähigkeit kommt Daldossi nämlich im eigenen Leben abhanden: Da verliert er sich in schmerzlichen Erinnerungen an Marlis und wird verfolgt von Kriegsbildern, so dass er darüber den Augenblick versäumt. Wenn Glück bedeutet, ganz und gar in der Gegenwart zu sein, ist Daldossi ein zutiefst unglücklicher Mensch. Wie Sabine Gruber es schafft, diese Figur lebendig werden zu lassen in all ihrer verzweifelten Zerrissenheit, die die Zerrissenheit unserer Zeit ist, das ist große Kunst. Sie hat einen spannenden, klugen, gefühlsstarken Roman geschrieben, den man nicht wieder vergisst.
Vorname Name

Von Jörg Magenau, 11.10.2017

Jörg Magenau ist Autor und Literaturkritiker, u.a. für die Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk Kultur. Zuletzt erschien von ihm "Princeton '66. Die abeteneuerliche Reise der Gruppe 47" (Klett-Cotta).