Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Katharina Greve
Die dicke Prinzessin Petronia

Graphic Novel

Mit der Lupe sieht man besser

Sie kennen den Kleinen Prinzen. Sie kennen seinen Heimatasteroiden B 612, der „kaum größer als ein Haus“ ist. Sie kennen die drei Vulkane auf dieser Winzkugel, die Affenbrotbäume und, natürlich, die sprechende Rose. Keine Frage: Viele Menschen, weltweit, haben die Geschichte Antoine de Saint-Exupérys ins Herz geschlossen. Sie lieben sie, ja sie haben den wichtigsten Satz vielleicht sogar zu ihrer Lebensmaxime erkoren: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Manchmal befällt den einen oder anderen vielleicht ein mulmiges Gefühl, angesichts von so viel Güte und Weisheit einer kleinen Persönlichkeit. Gibt es denn nirgendwo eine dunkle Seite des Prinzen oder eine Schattenseite seines Asteroiden? Oder gar einen einsamen anderen galaktischen Adelsspross, der das Universum viel nüchterner betrachtet als der Kleine Prinz?
 
Um diese Fragen zu klären, sollten Sie Prinzessin Petronia kennenlernen, die nicht nur viele Gedanken gegen den Strich und gegen den - ja, man könnte sagen: Mainstream denkt. Mit ihrem lockeren Mundwerk verstößt sie gelegentlich auch gegen die üblichen Gepflogenheiten der Ethik des Diskurses. Zum Beispiel sagt sie, an uns Leser gerichtet: „Merke: Mit der Lupe sieht man besser als mit dem Herzen.“ Und wir ahnen, gegen wen sich diese Behauptung richtet.
 
Sie sollten also „Die dicke Prinzessin Petronia“ kennenlernen, und zwar in den zu einem hundertseitigen Comic-Band zusammengefassten One-Pager-Geschichten der Berliner Illustratorin und Autorin Katharina Greve. Sie sollten im trauten Dialog mit der jungen Dame Petronia gelegentlich eine gewisse Skepsis gegenüber dem Kleinen Prinzen einstreuen. So dürfen Sie mit wachsender Sympathie der Prinzessin rechnen, die dann allerdings ihrem ausgeprägten Mitteilungsbedürfnis freien Lauf lässt. Aber Vorsicht, Petronia ist sehr launisch! Kein Wunder, wenn man ihre familiäre Situation bedenkt, in der eine sehr dominante Mutter – die Königin des Universums – und ein  ungeliebter Cousin entscheidende Rollen spielen. Und letzterer ist niemand Geringerer als der Kleine Prinz.
 
Wo sind wir also? Irgendwo in den Tiefen des Universums zwischen Schloss Neusternstein, der Großen Magellanschen Wolke und der Milchstraße. Dort, am äußersten Rand der Milchstraße, kreist ein Winzplanet mehr um sich selbst als um irgendeine Sonne: W 857. Darauf steht oder sitzt oder liegt (viel mehr Platz ist nicht) Prinzessin Petronia und träumt davon, wenn sie groß ist, die Königin des Universums zu werden. Noch aber herrscht ihre resolute Mutter. Und die hat ihre Tochter auf W 857 „outgesourct“, wie uns Petronia mitteilt, weil es im Palast Neusternstein zu eng sei und der Weltraum schließlich „aus unendlichen Weiten“ bestehe, in denen dem Töchterchen alle Möglichkeiten offenstünden. Die etwas umfangreiche Petronia ist auf ihrem Planeten aber gar nicht glücklich und beginnt ihr sarkastisches Lamento auf der vulkanübersäten, rosen- und vegetationslosen Kugel mit den Worten „Na toll. Das ist der vielleicht mickrigste und langweiligste Klumpen im Universum. Sogar mein blöder Cousin, dieser kleine Schleimer hat einen größeren.“
 
Neben jeder der One-Pager-Geschichten sehen wir Petronia auf ihrem Planeten einen gepfefferten Kommentar, eine kleine Erleuchtung oder eine sarkastisch formulierte Einsicht in die unendlichen Weiten (also in unsere Richtung) sprechend. In der Story selbst konfrontiert uns Petronia mit ihrem augenblicklichen Gemütszustand im Blick auf die zahlreichen Herausforderungen ihres ganz normalen Alltags (sie würde ihn „Irrsinn“ nennen) auf und rund um ihren Planeten.
 
Bald erkennen wir, dass Petronias Schicksal weit mehr vom richtigen Leben eines jungen Menschen handelt als vermutet. Die junge Dame ist aus verständlichen Gründen mit sich selbst im Unreinen und hadert zudem mit den ihr aufgezwungenen Lebensumständen. Und was tut der Mensch unter solchen Bedingungen gerne, bevor er in Depression verfällt? Er flüchtet sich in Sarkasmus oder bestenfalls in hellsichtige Ironie.
 
Um uns Leser in einen Zustand der Empathie, ja Solidarität mit Petronia zu versetzen, braucht Katharina Greve nur eine mit wenigen Strichen gezeichnete Jung-Frauen-Karikatur, mit Krönchen auf dem links und rechts mit Dutt versehenen Prinzessinnenköpfchen, mit einem hellgrünen Hängekleid und einem Gürtel, der den Körperumfang unvorteilhaft betont. Dazu sparsame aber punktgenaue und symbolträchtige Hintergründe und – ganz wichtig! - einen akkurat durchgezogenen Augenbrauenstrich. Allein jeder Blick sagt damit: „Verwechselt mich ja nicht mit diesem kleinen Schleimer von Cousin. Ich bin hier die wahrhaft am Leben Leidende.“ - Und, was soll man sagen? Wir glauben ihr.
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 18.09.2019

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.