Sparte: Sachbuch

Thomas Medicus
Melitta von Stauffenberg. Ein deutsches Leben

Biografie

Buchbesprechung

​Etwas lag wohl in der Luft. Die Fliegerin Melitta Schiller kam im selben Jahr zur Welt, in dem Orville Wright der erste gesteuerte Motorflug der Geschichte gelang. Die Luftfahrt sollte ihr Leben prägen und sie am Ende sogar das Leben kosten. Von dieser ungewöhnlichen Frau handelt Thomas Medicus' Biografie. Ihr Werdegang ist so zerrissen und widersprüchlich wie die Epoche, in der sie lebte.

Geboren 1903 in der preußischen Provinz Posen, verbringt sie eine glückliche Kindheit in einer Kleinstadt, die heute Krotoszyn heißt. Ihr Vater, Sohn galizischer Juden, hat sich protestantisch taufen lassen und sich zu einem nationalkonservativen Wilhelminer gewandelt. Seine Stellung als Baurat verschafft seiner Familie ein sorgenfreies, bildungsbürgerliches Leben. Dann kommt der Erste Weltkrieg und verändert alles.

Laut Medicus hatte dieses Ereignis entscheidenden Einfluss auf das weitere Leben der damals elfjährigen Melitta. Im Mädchenpensionat kapselt sie sich emotional ab, wird süchtig nach Grenzerfahrungen, die sie durch Askese und waghalsige Unternehmungen herbeiführt: Motorradfahren, Klettern und Skifahren im Riesengebirge, Sprünge in Stauseen aus mehr als zehn Metern Höhe. Vielleicht ahnt sie damals schon, dass Stürze einmal ihre große Leidenschaft werden sollen. Mit siebzehn steuert sie das erste Mal ein Segelflugzeug.

Der Journalist Thomas Medicus, genau ein halbes Jahrhundert nach Melitta Schiller geboren, hat fast vier Jahre an seiner Biografie gearbeitet. Akribische Recherchen förderten schwer auffindbare Informationen zutage, zusammengetragen aus Dokumenten, Tagebüchern und den Erinnerungen von Zeitzeugen. Es ist ein imponierendes Werk, das selbst Details wie die zeitgenössische Flugtechnik oder Figuren, die in Melittas Leben eher eine Nebenrolle spielen, ausführlich darstellt. Die besondere Stärke des Buches liegt jedoch darin, wie Medicus, Melittas Lebensgeschichte als Konsequenz und Symptom ihrer Zeit herausarbeitet.

In der Weimarer Republik war Melitta Schiller eine Ausnahmeerscheinung: eine Bohemienne, die in München Technische Physik studiert und anschließend eine steile Karriere in der jungen Berliner Luftfahrtforschung macht. Dem Fliegen widmet sie sich nicht nur als Testpilotin, sondern auch als Ingenieurin. Diese zweigleisige Herangehensweise unterschied sie von anderen Fliegerinnen wie Elly Beinhorn oder ihrer Intimfeindin Hanna Reitsch.

Sorgfältig zeichnet Medicus Melittas Karriere vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse nach: Hitlerputsch, Hyperinflation, Machtergreifung. Sie profitiert von der geheimen Wiederaufrüstung, kann das Fliegen im NS-Staat zu ihrem Lebensinhalt machen. Aus dem Flapper wird eine „fliegende Amazone“: sportlich, sonnengebräunt, androgyn. Mit Kurzhaarschnitt und Zigarette im Mundwinkel. Sie arbeitet in der Rüstungsforschung, entwickelt Propeller und Sturzflugvisiere. In Bombern und Zerstörern absolviert sie mehr als zweitausend Sturzflüge, manchmal fünfzehn am Tag. 1937 wird sie zum Flugkapitän ernannt. Am Heck ihres Sportflugzeugs prangt das Hakenkreuz.

Wie kam es, dass eine Frau, die nach den Nürnberger Gesetzen als „jüdischer Mischling ersten Grades“ galt, unter den Nationalsozialisten eine solche Karriere machte? Nutzte sie die NS-Diktatur für ihre Flugbegeisterung oder ließ sie sich vom Regime ausnutzen? Wahrscheinlich trifft beides zu. Als „Nicht-Arierin“ lief sie stets Gefahr, diskriminiert zu werden. Zweifel an ihrer Treue zur „Volksgemeinschaft“ wollte sie nicht aufkommen lassen. Wohl von höchster Stelle geschützt, erhält Melitta 1941 vom Reichssippenamt einen „Deutschblütigkeitsbescheid“, später in Hermann Görings Villa das Eiserne Kreuz II. Klasse.

Wie viel dieser Anpassung war freiwillig, wie viel erzwungen? Medicus arbeitet sich an dieser Gratwanderung ab, findet aber zu keiner klaren Position. Hinzu kommt, dass Melitta durch ihren Ehemann, den Historiker und George-Jünger Alexander Schenk Graf von Stauffenberg, mit der zentralen Person des Attentats vom 20. Juli 1944 verschwägert ist. Zu diesem Zeitpunkt hat die exzessive Fliegerei sie zu einer übermüdeten, faltenzerfurchten Frau gemacht, „abgeflogen“ nannte man das damals. Heute würde man wohl von Burn-out sprechen. Die Sympathiewerberin für den NS-Staat wird nach dem misslungenen Anschlag zusammen mit weiteren Personen in Sippenhaft genommen.

Im Gegensatz zu anderen Biografen ist Medicus überzeugt, dass Melitta mit dem Attentat nichts zu tun hatte. Das Ereignis wird dennoch zur letzten Zäsur ihres Lebens. Als man sie nach sechs Wochen wegen ihrer „Kriegswichtigkeit“ entlässt, versucht sie, ihren gefangenen Freunden und Familienmitgliedern zu helfen, kreist mit dem Flugzeug über dem KZ Buchenwald, in dem ihr Mann inhaftiert ist.

Vier Wochen vor Kriegsende fliegt sie mit einem Übungsflugzeug über das niederbayerische Donautal, auf der Suche nach ihrem Mann, der gemeinsam mit weiteren Sonderhäftlingen nach Südtirol gebracht werden soll. Wahrscheinlich schießt ein amerikanisches Jagdflugzeug sie ab. Melitta überlebt den Absturz, stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus angeblich an einem Schädelbasisbruch. Gerüchte entstehen: Waren wichtige Geheimakten der Widerstandsbewegung an Bord? Hat die eigene Flak sie auf dem Gewissen? „Es könnte so, aber auch ganz anders gewesen sein“, räumt Medicus ein. Wie vieles in Melittas Leben bleibt auch ihr Tod ein Rätsel.          
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Von Daniel Grinsted, 18.10.2012

​Daniel Grinsted ist Kulturwissenschaftler und Anglist/Amerikanist. Er arbeitet als freier Kulturjournalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Zeit Online, Literaturen, das Börsenblatt und andere Medien.