Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Marjaleena Lembcke
Stefanie Harjes (Illustrator)

Eine Blattlaus wandert aus

Bilderbuch

Buchbesprechung

​So klangvoll der Name, so extravagant die Person. Die Blattlaus Camilla Rosa Kapriziosa wünscht sich Entfaltungsspielraum. Nach einem schönen, großen Blatt verlangt es sie, auf dem sie den eigenen Gedanken nachhängen kann. Die Läusekolonie ist jedoch ein wimmelndes Etwas, in dem alle mit Mampfen und Verdauen beschäftigt sind. Eine stupide Bande, die Camilla Rosa auf die Nerven geht und die natürlich kein Verständnis für ihr Bedürfnis nach Kontemplation aufbringt. Man verhöhnt sie vielmehr: „Wandere doch aus, wenn dir unsere Gesellschaft nicht passt. Geh nach Amerika“, fordern die anderen Läuse sie auf. Eine wie Camilla Rosa lässt sich das nicht zweimal sagen, ist sie doch das Geschöpf von Marjalena Lembcke und Stefanie Harjes.

Der Feder von Marjalena Lembcke – die den Text zum Bilderbuch „Eine Blattlaus wandert aus“ schrieb – entspringen zumeist kluge, lakonische Mädchen, die ein bisschen traurig, aber unbeirrbar willensstark sind. Stefanie Harjes hingegen liebt die schrillen, entschlossenen Girls, die sich zu tun getrauen, was andere nicht einmal zu denken wagen, und die auf direktem Weg ihr Ziel ansteuern. Mit ihrem Bilderbuch „Wenn ich das 7. Geißlein wär“, legte sie 2009 eine der klügsten und frechsten Arbeiten vor, die Deutschlands Bilderbuch-Szene in den letzten Jahren zu sehen bekam.

Die Blattlaus der beiden Damen fackelt denn auch nicht lange. Zunächst reserviert sie sich einen Platz auf dem Rosenstrauß einer Opernsängerin, die mit den Blumen nach Amerika reist. Dort springt sie am Zoll auf die Nelke im Knopfloch eines feinen Herrn. Sie gelangt zu einem Liebespaar, wird arglos in den Müll geschmissen und lebt unter Ratten. Von mondän bis dreckig durchquert Camilla Rosa alle Etagen des gesellschaftlichen Lebens. Als sie sich schließlich im kalifornischen Klatschmohn wiederfindet, geht es für die Blattlaus jedoch wieder bergauf: Ein Mädchen schenkt seiner Mama, die sich gerade auf eine Reise nach Europa vorbereitet, die Mohnblume. So landet Camilla Rosa letztlich wieder dort, wo sie her gekommen ist, und die anderen Blattläuse machen große Augen, als die schöne Camilla Rosa wieder unter ihnen weilt.

Während Marjalena Lembcke in ihren klaren und kompakten Sätzen von der kleinen Odyssee der Blattlaus erzählt und sprachlich immer auf Augenhöhe mit ihrer jungen Leserschaft bleibt, bieten die Bilder von Stefanie Harjes Gelegenheit zum Verweilen. Schlägt man das Buch auf, lädt schon der Vorsatz zum Träumen ein. Da finden sich Blumen, eine Landkarte, Pfeile, Briefmarken, ein Leuchtturm, Skizzen und Fotografien, so dass man Lust auf die Welt der Zeichen und Bilder bekommt. Stefanie Harjes arbeitet mit Collagen und stellt den Produktionsprozess ihrer Bildkompositionen effektvoll aus. Man möchte die Bilder berühren, weil sie den Eindruck erwecken, die Blumen, Tiere und Muster seien ausgeschnitten und so spontan aufgeklebt worden, dass man mit den Fingerspitzen noch an ihren Schnittstellen entlangfahren könnte.

Hier erzählt eine Künstlerin mit allem, was ihr zur Verfügung steht. Das rückt die Kunst der Illustration nahe an die Kinder heran, so dass die Vorstellung entsteht, die Kinder selbst könnten ihre Geschichten ebenfalls auf diese Weise erzählen. Daraus ergibt sich eine besondere Nähe zum Medium Buch. Im Gegensatz zum schnell wechselnden digitalen Bild verlocken diese Bilder zum Beobachten. Sie wollen entdeckt werden, und das nicht alleine, weil man gerne herausfinden möchte, wie sie gemacht sind, sondern auch, weil ihre Details subtile Bezüge zueinander aufweisen. In diesen Collagen verschränken sich die Bildinhalte. Hier muss nicht brav der Reihe nach erzählt werden, sondern es geschieht vieles gleichzeitig.

Jede Doppelseite funktioniert wie eine lyrische Strophe. Da überlegt Camilla Rosa mit den anderen Läusen noch, wie es weitergeht, und wir sehen schon den Dampfer, mit dem sie bald reisen wird, und New Yorks Wolkenkratzer werfen auch schon ihre Schatten voraus. Solche Kompositionen laden zum Entdecken ein und sie ziehen die Betrachter zugleich von einem Bild zum nächsten. Man will wissen, wie es weiter geht mit Camilla Rosa und ihren exzentrischen Ideen. Stefanie Harjes zeichnet sie auch nicht wie die anderen Läuse als hässlichen Käfer, sondern gibt ihr eine elegante Gestalt mit schlanken Armen und einem feschen Haarschnitt. Diese Laus besitzt Klasse. So zählt „Eine Blattlaus wandert aus“ zu jenen Bilderbüchern, die zeigen, wohin die Entwicklung des modernen Bilderbuchs geht, wie inspirierend das Experiment mit Motiven und Bildsprachen sein kann, und dass genau darin ein großer Spaß für Kinder enthalten ist. 
Thomas Linden

Von Thomas Linden, 19.05.2012

​Thomas Linden arbeitet als Journalist (Kölnische Rundschau, WWW.CHOICES.DE) in den Bereichen Literatur, Theater und Film und konzipiert als Kurator Ausstellungen zur Fotografie und zur Bilderbuchillustration.