Sparte: Sachbuch

Wolfgang Martynkewicz
Salon Deutschland - Geist und Macht 1900-1945

Buchbesprechung


„Lieber Herr Hitler", schrieb Elsa Bruckmann 1925, um dem künftigen Führer, den sie zu den Bayreuther Festspielen begleitet hatte, ihre vorzeitige Abreise anzukündigen: „So fahre ich heut um 4 Uhr heim, und wollte Sie fragen, ob ich in München irgendetwas für Sie ausrichten soll oder mitnehmen. Ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung ... Mit mir essen gehen können Sie wohl nicht? Das wäre das Schönste."

Wenige Monate zuvor hatten sich beide erstmals „Aug´ in Aug“ in der Landsberger Festung gegenübergestanden. Während Hitler dort nach seinem gescheiterten Putschversuch von 1923 eine Freiheitsstrafe verbüßte, machte ihm Elsa Bruckmann ihre Aufwartung, versorgte ihn mit Büchern, Bildern und Konfekt. Seine Jüngerin der ersten Stunde war eine aus verarmtem byzantinischen Adel stammende Münchner Salonière und die Ehefrau des Verlegers Hugo Bruckmann, in deren Haus seit Anfang des 20. Jahrhunderts die namhaftesten Künstler, Literaten und Gelehrten ein- und ausgingen.

Der Dichter Hugo von Hofmannsthal begegnete hier einst dem Weltmann Harry Graf Kessler sowie dem Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain. Zu den Glanzzeiten des Salons trug Rilke aus seinen Werken vor, Thomas Mann, Stefan George und Walter Rathenau fanden sich regelmäßig ein.

Manche dieser Namen standen nicht mehr auf der Gästeliste, als Hitler sich keine drei Tage nach seiner Haftentlassung für die Besuche seiner Gönnerin revanchierte: Am 23. Dezember 1924 wurde er im Bruckmann-Palais am Münchner Karolinenplatz 5 vorstellig und gehörte fortan mit seinen Trabanten Alfred Rosenberg und Baldur von Schirach zu den Habitués der vornehmen Abendgesellschaften.

Dass sich eine traditionsbewusste, weltläufige und hochgebildete Frau wie Elsa Bruckmann gemeinsam mit ihrem nicht weniger feinsinnigen Gatten für den ungehobelten Aufsteiger Hitler begeisterte, lange bevor ihm die Massen zujubelten, scheint alles andere als naheliegend. Dennoch war das Münchner Verlegerehepaar kein Einzelfall – andere Repräsentanten der bildungsbürgerlichen Elite wie die Bechsteins und die Wagners sympathisierten früh mit dem Nationalsozialismus und konkurrierten im Werben um Hitlers Gunst zeitweise miteinander.

Es ist die Frage nach den Schnittmengen von Kultur und Barbarei, der sich Wolfgang Martynkewicz in seiner ideengeschichtlichen Studie Salon Deutschland. Geist und Macht 1900-1945 widmet. Präzise und fesselnd schildert der Bamberger Literaturwissenschaftler am Beispiel der Bruckmanns ein halbes Jahrhundert deutscher Salongeschichte und rekonstruiert den verstörend nahtlosen Übergang von vergeistigter Kulturgläubigkeit zu blindem Führerkult.

Folgt man Martynkewicz, reiften bereits um 1900 bei den im Bruckmannschen Hause vertretenen Diskursen Berührungspunkte mit totalitären Ideologien heran: Mit der Beschleunigung der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse schwanden die gewohnten Verbindlichkeiten und Strukturen. Das in seinem tradierten Selbstverständnis verunsicherte Bildungsbürgertum begegnete dem unaufhaltsamen Wandel mit einer Mischung aus Enthusiasmus, skeptischer Überforderung und Prophetentum.

Im Salon der Bruckmanns begriff man sich als intellektuelle und ästhetische Avantgarde, die sich weder den Zeitströmungen noch der Massenkultur beugen wollte. Bei der Suche nach neuen Orientierungspunkten in einer immer unübersichtlicher voranschreitenden Moderne kam es teilweise zur Rückbesinnung auf anti-moderne, archaische Konzepte. Opfer- und Leidenskult spielten eine Rolle in den Visionen von der Wiedergeburt der Gesellschaft aus ihren kulturellen Wurzeln; man träumte von der Erlösungsmacht des „Authentischen“, von der Figur des wahren Herrschers, dem vom Dichter Friedrich Gundolf herbeigesehnten „Kulturheiland“. Allerdings wurden abweichende Meinungen toleriert.

Die Bruckmanns fühlten sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg den aufklärerischen Grundelementen des Salons verbunden, dem Prinzip der Diskursvielfalt und der zwanglosen Geselligkeit. Den kaisertreuen Parolen mancher Gäste konnte Harry Graf Kessler unverhohlene Kritik an Wilhelm II. entgegensetzen. Die Antisemiten H. S. Chamberlain und Ludwig Klages waren bei den wöchentlichen Soireen ebenso gerne gesehen wie der jüdische Gelehrte Karl Wolfskehl.

Von dieser sozialen und ideologischen Bandbreite war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr viel übrig. Die Begeisterung, mit der man den Krieg vier Jahre zuvor als „reinigendes Feuer“ gefeiert hatte, war der Verzweiflung über die „Welterschütterung“ gewichen. Die alte Ordnung war endgültig zerschlagen, die Moderne erschien mehr denn je als Bedrohungsszenario.

Elsa Bruckmann verlor ihren Enthusiasmus spätestens 1916, als ihr abgöttisch geliebter Neffe, der genialische Hölderlin-Experte Norbert von Hellingrath, bei einem Granatenvolltreffer ums Leben kam. Wie zahlreiche andere empfand sie die Niederlage als traumatische Schande, die Räterepublik lehnte sie ab. Der Entwicklung vieler konservativer Intellektueller, die sich wie Thomas Mann vom Monarchisten zum „Vernunftdemokraten“ gewandelt hatten, stand Elsa Bruckmann voll Verachtung gegenüber. Ihre Briefe gegen Kriegsende zeugen von Depression und Lebensmüdigkeit.

Als sie Hitler kennen lernte, schöpfte sie neue Hoffnung. Mit Reitpeitsche und im Trenchcoat erschien er ab Mitte der zwanziger Jahre im Bruckmannschen Salon, um ihn in die Bühne seiner Selbstinszenierung zu verwandeln. Seine Auftritte waren ein offener Affront gegen Umgangsformen und Stilempfinden des bildungsbürgerlichen Kreises. Doch gerade, weil ihm eine bizarre Fremdartigkeit anhaftete, konnte ihn das feinsinnige Publikum zur Projektionsfläche für lange gehegte Sehnsüchte machen.

Man erlag Hitlers „elementarischer Kraft“, der „Echtheit“, dem „schöpferischen Willen“. Sein monomanisches Spektakel wurde weniger als Gebaren des Politikers, denn als Sendungsbewusstsein des ästhetischen Genies wahrgenommen. Der Ruf nach charismatischem Herrschertum schien endlich erhört, die Stunde der Erneuerung der Nation als Kulturgesellschaft gekommen.

In seinem stilsicher und materialreich ausgearbeiteten Epochenbild verleiht Martynkewicz der vagen Formulierung vom „Unbehagen an der Moderne“ scharfe Konturen. Das zeit- und ideengeschichtliche Panorama der Wilhelminischen und der Weimarer Ära verschränkt er mit der akribischen Analyse der Geschehnisse im Hause Bruckmann, als demjenigen Ort, an welchem sich dieses Unbehagen in der unseligen Komplizenschaft von Kunst, Geist und Terror kanalisierte.

Erst ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden die Bruckmanns der „vielen Feste und Fahnen überdrüssig“ und artikulierten verhaltene Zweifel an den vermeintlichen Erlösungsmethoden des Nazi-Regimes. Hugo Bruckmann, der nach der Machtergreifung als NSDAP-Mitglied verschiedene Ämter innehatte, erlebte den endgültigen Zusammenbruch seiner totalitären Vision nicht mehr. 1941 wurde er mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt. Elsa Bruckmann sah sich letztlich um ihr Lebenswerk betrogen, doch ihrem früheren Protegé hielt sie bis zum Schluss die Treue. Hierfür zeigte sich Hitler noch im Februar 1945 erkenntlich. Er schickte ihr ein Päckchen zum 80. Geburtstag.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 01.06.2010

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.