Sparte: Sachbuch

Werner Schroeter
Tage im Dämmer, Nächte im Rausch

Biografie

Buchbesprechung

Wenn man stirbt, so sagt man, zieht das ganze Leben eines Menschen vor seinem inneren Auge vorüber. Für viele ist das eine einsame Erfahrung. Für den Regisseur Werner Schroeter glücklicherweise nicht. Die Journalistin Claudia Lenssen hat den todkranken Künstler im Sommer und Herbst des Jahres 2009 in Cafés und Restaurants begleitet und seine Erinnerungen aufgezeichnet. Wenige Monate später stirbt er mit fünfundsechzig Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung. Fünfzig Stunden Material sind bei den Treffen zusammengekommen, aus denen Lenssen eine beeindruckende Lebensgeschichte geschaffen hat, die sie ganz bewusst „Autobiografie“ nennt. Gesegnet mit dem Gedächtnis eines Elefanten lässt Schroeter darin sein unkonventionelles Leben Revue passieren.

Zeitlebens gilt er als großer Außenseiter des Neuen Deutschen Films, steht meist im Schatten seiner Freunde Fassbinder, Herzog und Wenders. Daran können auch seine zahlreichen Preise wenig ändern, darunter der Goldene Bär für sein Drama „Palermo oder Wolfsburg“. Doch Konkurrenzdenken liegt ihm fern. Schroeter ist Künstler durch und durch. Eine Grenze zwischen Kunst und Leben scheint für ihn nicht zu existieren. Kompromisslos, radikal und provokant folgt er seiner Intuition, dreht in gut vier Jahrzehnten mehr als dreißig Filme und bringt knapp neunzig Stücke auf die Bühne. Eine kettenrauchende Kreativmaschine, die vor allem nachts zur Höchstform aufläuft. Und sich auch äußerlich von der Bourgeoisie abgrenzt: Ringe, Halsketten, Broschen und Tücher gehören ebenso zu seinem extravaganten Stil wie der breitkrempige Hut. Meist ist er in Schwarz gekleidet, trägt Lederhosen, lange Haare, Bärtchen. Seine Homosexualität lebt er offen.

Anekdotenreich schildert Schroeter seine Jugend in den fünfziger Jahren in Bielefeld und im nördlichen Baden-Württemberg, wo die prügelnden Mitschüler erst von ihm ablassen, als er den Intellektuellen gibt. Liebevoll erinnert er sich an seine polnische Großmutter Elsa, die ihn mit ihrer Fantasie nachhaltig prägt. Und an eine Radiosendung von 1958, die sein Leben verändert: Maria Callas singt eine Arie – für den stillen, sanften Werner eine Offenbarung. Nach dem Abitur will er „Liebe lernen“ und sich dann das Leben nehmen. Eros und Thanatos werden zu seinen großen Themen. Wiederholt spricht er in den Memoiren von seinem „tragischen Weltempfinden“.

Der jungen Münchner Filmhochschule kehrt er bald den Rücken. Es ist die künstlerische Praxis, die ihn interessiert. Motiviert von seinem Liebhaber Rosa von Praunheim dreht er ab 1967 seine ersten Acht-Millimeter-Filme. Als Inspirationsquelle dienen ihm Carl Theodor Dreyers Historienfilm „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ aus dem Jahr 1928 und „Die Gesänge des Maldoror“ (1874), das sechzig Strophen umfassende einzige Werk des Dichters Comte de Lautréamont. Häufig geht es in Schroeters Erinnerungen um die Handlungen und oft kuriosen Entstehungsgeschichten seiner Filme, Opern und Theaterstücke, um Schauspieler und Liebschaften – und dabei vor allem um seine langjährige Muse und Gefährtin Magdalena Montezuma.

Schroeter führt größtenteils ein Leben aus dem Koffer. Seine Projekte und Leidenschaften führen ihn in den Libanon, nach Mexiko, Indien, Brasilien, Italien, auf die Philippinen. Als Dozent lehrt er in Argentinien und Kalifornien. Doch das Land seiner Träume ist Portugal. Hier hätte er gern seinen Lebensabend verbracht. Schroeter war ein Grandseigneur, sprach sechs Sprachen fließend. An Deutschland, so der Regisseur, schätze er zwar die Musik und Literatur, mit der Mentalität könne er jedoch nichts anfangen. Eine „Verkarstung der Gefühle“ sei in seiner Heimat am Werk, die als „Fortschritt in Richtung einer größeren Rentabilität betrachtet wird.“ Hier spricht ein wahrer Romantiker.

Das Theater und die Oper stellen für ihn Gegenentwürfe zur zeitgenössischen Realität dar. In ihnen feiert er die Schönheit, sieht sie als Medien humanistischer Ideen. Eindringlich entsteht in seiner Autobiografie das Bild eines Bohemiens, der sich unbekümmert und leichtlebig treiben lässt, im Hier und Jetzt lebt, sich über Materielles keine Gedanken macht. Zeitweise trinkt Schroeter eine Flasche Cognac am Tag, probiert auch Heroin. In bemerkenswerter Offenheit gesteht der überzeugte Christ, dass er sich beim Sex nie geschützt hat und auch mal mit einem Priester im Bett war. Als Leser wird man Zeuge eines exzessiven Lebens ohne Sicherheitsnetz.

Neben der schonungslosen Ehrlichkeit liegt die große Stärke des Buches darin, dass Schroeter sich Episoden detailliert ins Gedächtnis rufen kann, auch wenn sie schon Jahrzehnte zurückliegen. Die eindrücklichen Schilderungen erstaunen und amüsieren: sein Streit mit Franz Josef Strauß, die anregenden Gespräche mit Michel Foucault. Wie er als Homosexueller eine Freundin schwängert. Sich nach einer Austernvergiftung auf den Nerzmantel von Maria Schell übergibt. Oder wie er bei einem Konzertbesuch in Beverly Hills über das Schamhaar-Toupet von Josephine Baker lacht und von ihr wutentbrannt angestarrt wird.
Es ist eine Autobiografie, der beides gelingt: das Leben eines außergewöhnlichen Menschen darzustellen, sowie seine Leser zu berühren und zu unterhalten. Ohne Zweifel das Werk eines großen Künstlers.
Vorname Name

Von Daniel Grinsted, 01.05.2012

​Daniel Grinsted ist Kulturwissenschaftler und Anglist/Amerikanist. Er arbeitet als freier Kulturjournalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Zeit Online, Literaturen, das Börsenblatt und andere Medien.