Sparte: Sachbuch

Michael Brenner
Kleine jüdische Geschichte

Buchbesprechung

Von ihren mythischen Anfängen bis zur Gegenwart umfasst die jüdische Geschichte rund 3000 Jahre. Diese Zeitspanne muss Michael Brenners Kleine jüdische Geschichte bewältigen. Kann man auf 350 Seiten angemessen von der langen Tradition des Judentums berichten? Brenner ist ein ausgewiesener Experte, der weiß, dass er sich beschränken muss, und der die richtigen Schwerpunkte setzt. Er verliert sich nicht in Details, sondern rückt eine bestimmte Perspektive in den Vordergrund: das Thema der Wanderschaft. Dieses zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, mit seiner Hilfe trennt der Autor Relevantes von Irrelevantem. Und auch der Leser kann auf diese Weise die Bedeutung der geschilderten Ereignisse erkennen. Überhaupt ist dieses Sachbuch trotz seines Umfangs und seiner Komplexität sehr leserfreundlich. Es ist übersichtlich strukturiert, außerdem ergänzen viele Abbildungen den Text. Im Gegensatz zu anderen einschlägigen Veröffentlichungen ist die Kleine jüdische Geschichte eher als Geschichtsbuch denn als bloßes Nachschlagewerk konzipiert.

Bestimmte Etappen dieser Geschichte wie der millionenfache Judenmord im Dritten Reich oder die Staatsgründung Israels mit ihren politischen Implikationen sind weithin bekannt, die Ereignisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts polarisieren bis heute. Das Leitmotiv der „Wanderung” erweist sich auch hier als kluger Schachzug, mit dem sich Auswahl und Art der Darstellung legitimieren lassen: „Juden waren nicht immer auf Wanderschaft, aber Wanderschaft hat die jüdische Geschichte über sämtliche Epochen und Kontinente hinweg charakterisiert.” Daher sind die Kapitel nach den zurückgelegten Wegen benannt: „Von Ur nach Kanaan” oder „Von überall nach Auschwitz”. Jedes Kapitel beginnt mit der Geschichte einer Wanderung, begleitet von einer Illustration aus der Pessach-Haggada.

Die wichtigsten Themenkomplexe in Brenners Darstellung sind also die von Wanderschaft und Heimat bzw. Exil und Nation. Doch der Autor setzt noch weitere thematische Schwerpunkte. Zu ihnen gehört die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift. Als erste Religion stützte sich das Judentum auf ein verschriftlichtes Wort Gottes. Das ist von besonderer Relevanz für eine Glaubensgemeinschaft, deren Anhänger über die ganze Welt zerstreut sind. Die gemeinsame Besinnung auf die Heilige Schrift ist eine Möglichkeit, auch über Grenzen hinweg miteinander verbunden zu bleiben. Aus der unumgänglichen Auseinandersetzung der jüdischen Gemeinden mit ihrer Umgebung ergibt sich die Frage nach Anpassung oder Abgrenzung. Dass ein gelungenes Miteinander von beiden Seiten abhing und eher die Ausnahme als die Regel darstellte, schildert der Autor eindrucksvoll.

Die Grundlagen für das Verständnis der jüdischen Geschichte, so Brenner, liegen in den mythischen Anfängen weit vor der Zeitenwende. Denn auch wenn die in der Hebräischen Bibel überlieferten Ereignisse historisch in keiner Weise verbürgt sind, haben sie für das jüdische Selbstverständnis fundamentale Bedeutung. Die Bibel, das „Geschichtsbuch ihrer vermeintlichen Vorfahren”, liefert mit dem Auszug Moses aus Ägypten ein Kernthema jüdischer Existenz. Der Exodus wurde „zu einem Paradigma für das historische Empfinden nachfolgender Generationen”. Brenner setzt seinen Gang durch die Geschichte mit anschaulichen Schilderungen jüdischen Lebens unter griechischer und römischer Herrschaft fort. Einen tiefen Einschnitt markiert die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahre 70. Der Vernichtung des zentralen Heiligtums folgen viele Jahrhunderte des Lebens in der Diaspora.

Die Lebensverhältnisse der Juden hingen daher immer auch von den jeweiligen Herrschaftsverhältnissen ab. Zu besonderen Spannungen führte das in christlich dominierten Ländern. Nach dem Erscheinung der „Erlöserfigur” Jesu galt den Christen das Judentum als überholt. Im vierten Jahrhundert machte Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion und damit politisch mächtiger als die Mutterreligion. Die Probleme im Zusammenleben ergaben sich aus einer grundsätzlichen Ambivalenz: Zwar war das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen und ihm insofern nahe, doch waren die Juden auch das „Volk der Gottesmörder”. Besonders im Mittelalter hatten sie in christlichen Herrschaftsbereichen unter besonders repressiven Maßnahmen zu leiden.

Ihre Lebensverhältnisse unter islamischen Herrschern waren in der Regel besser. Zwar stießen die Juden auch dort auf Widerstand, allerdings gestaltete sich das Zusammenleben nicht zuletzt aufgrund ähnlicher Speisegesetze einfacher. Im Goldenen Zeitalter konnte sich die Kultur der sefardischen Juden zu erstaunlicher Blüte entwickeln. In den deutschen Ländern veränderte sich ihre Situation hingegen erst mit dem Aufkommen des Merkantilismus, als die Bedeutung der Religionszugehörigkeit hinter wirtschaftlichen Erwägungen zurücktrat. Die von den traditionellen Zünften ausgeschlossenen Juden hatten jahrelang Erfahrungen im Finanzwesen gesammelt und wurden zu willkommenen Partnern der deutschen Fürsten. Mit der Französischen Revolution erlangte die jüdische Bevölkerung erstmals in Europa die rechtliche Gleichstellung. Auch jenseits des Atlantiks, in Amerika, waren die Juden noch unter britischer Herrschaft der restlichen Bevölkerung gleichgestellt worden. Die USA wurden zu einem bevorzugten Einwanderungsland für Juden, die vor Pogromen in Europa und Russland flohen.

Im Kapitel über die größte Katastrophe der jüdischen Geschichte, die Shoah, vermeidet der Autor Superlative. Er erklärt, dass die ausschließlich rassische Definition des „Juden” die Voraussetzung für die systematische Trennung zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung war. Der Gedanke der Judenvernichtung war, so Brenner, in den Köpfen der nationalsozialistischen Elite regelrecht eingebrannt. Noch in seinem Politischen Testament erinnert Hitler die Deutschen an ihre Aufgabe: „Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassengesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum.” Wusste die Bevölkerung von den Gräueltaten der Nazis? Immer wieder greift Brenner diese Frage auf. Sein Fazit ist eindeutig: Die Katastrophe war unübersehbar für alle, die ihre Augen nicht vor ihr verschließen wollten.

Im letzten Kapitel des Buches über die Staatsgründung Israels konzentriert sich Brenner auf wenige Fakten zum Sechs-Tage-Krieg und verweist darauf, dass ein Buch über die jüdische Geschichte nicht den Anspruch haben kann, zugleich eines über den Nahostkonflikt zu sein. Er konzentriert sich auf innere Entwicklungen des Staates und dessen Bedeutung für ein gelebtes Judentum. Wieder einmal zeigt sich, dass Brenner seine Materie beherrscht. Die Kleine jüdische Geschichte profitiert von der Fähigkeit des Autors, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Damit wird das Buch sowohl für den Kenner als auch für den interessierten Laien zu einer lohnenswerten Lektüre.
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Von Eva Kaufmann, 07.01.2009