Sparte: Belletristik

Tom Holert
Mark Terkessidis
Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung - Von Migranten und Touristen

Buchbesprechung

Mark Terkessidis und Tom Holert befassen sich in ihrer Untersuchung mit Menschen „in Bewegung“ und den Folgen dieser Mobilität. Auf den ersten Blick scheint es eine eher gewagte Verbindung, die die Autoren schon im Untertitel zwischen Touristen und Migranten herstellen, doch bei näherem Hinsehen gibt es mehr Parallelen und Berührungspunkte, als man zunächst vermutet.

Mit ihrem Buch begeben sich die Autoren selbst auf die Reise und folgen den Spuren von Menschen, die – meist vorübergehend, manchmal auch auf Dauer – ihre Heimatländer verlassen, um an einem anderen Ort ein vermeintlich besseres Leben zu führen. Ihre Motive sind sehr unterschiedlich: Viele machen sich auf den Weg, um bessere ökonomische Möglichkeiten zu finden, andere flüchten vor Krieg und Gewalt, und die Touristen wollen die vermeintlich „kostbarsten Wochen des Jahres“ nutzen, um danach ihren Alltag in der Heimat gestärkt wieder aufnehmen zu können.
Holert und Terkessidis beschreiben in acht Kapiteln die Auswirkungen, die die enorm angestiegene Mobilität der Menschen im späten 20. und im beginnenden 21. Jahrhundert auf die Herkunfts-, Durchgangs- und Zielorte dieser Massenbewegung hat. Anhand zahlreicher Beispiele aus Kroatien, Italien, Spanien, Nordafrika und dem Nahen Osten wird deutlich, dass sich die Veränderungen durchaus nicht auf die Bevölkerungsstruktur der Zielländer beschränken, sondern auch in den Herkunftsländern einen erheblichen ökonomischen und soziologischen Strukturwandel nach sich ziehen. So sind beispielsweise in Tanger ganze Stadtviertel entstanden, die nur in den Sommermonaten bevölkert sind, wenn die Auslandsmarokkaner die Ferien „daheim“ verbringen, den Rest des Jahres jedoch wie ausgestorben sind.

Mobilität muss organisiert werden und mit dem Management der Bewegung lässt sich viel Geld verdienen, sowohl auf legale als auch auf illegale Weise. Holert und Terkessidis betrachten die so genannten Schleuser im Grunde als verdeckt arbeitende Gegenstücke zu den regulären Reisebüros, die Logistik, Transportmittel und teilweise auch Unterkünfte während der Reise organisieren. Touristik- und Bauindustrie in den Zielländern ordnen ganze Landschaften neu und schaffen Urlaubsoasen, wo früher nur arme Fischer mehr schlecht als recht ihren kargen Lebensunterhalt verdienten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Darstellung ist die Untersuchung der politischen Haltung in den Zielländern: Einerseits gibt es ein großes Medienecho, eine subtile Angst der „ursprünglichen“ Bevölkerung vor zuviel Fremdheit wird geschürt und damit auch die menschenunwürdige Behandlung der als „Asylanten“ diskriminierten Ankömmlinge gerechtfertigt. Andererseits haben Länder mit einer großen Touristikindustrie und/oder intensiver landwirtschaftlicher Produktion einen immensen Bedarf an billigen und möglichst anspruchslosen Arbeitskräften, der sich am leichtesten durch illegal anwesende Arbeitsmigranten decken lässt. Die Frage der Integration stellt sich unter solchen Umständen gar nicht ernsthaft, denn das dauerhafte Bleiben der Arbeitskräfte ist ja in Wirklichkeit nicht erwünscht.

Ebenso wie die Touristen, die ihren Urlaub in abgeschlossenen Ferienkomplexen verbringen und der einheimischen Bevölkerung kaum begegnen, leben auch die meisten Migranten in – allerdings unfreiwilliger – Isolation. Ob es sich dabei nun um Transitlager, Asylbewerberheime, oder auch nur den illegalen Aufenthalt in einem fremden Land handelt, eine Teilnahme am sozialen Leben des Gastlandes findet nicht statt, weder im Falle des (Langzeit-) Touristen noch im Fall des Arbeitsmigranten oder des Flüchtlings.

So zeichnen die beiden Autoren ein Bild verschiedener „abwesender Anwesender“, die zunehmend die Peripherien wohlhabender Zonen bevölkern. Die Städte dieser Gegenden verlieren jedoch ihren Charakter als „Polis“, da viele ihrer Bewohner keine (politischen) Subjekte mehr sind, sondern sich, zumindest formell, nur vorübergehend dort aufhalten. Die Autoren fordern deshalb eine Stärkung der Kommunen, die politische Integration der „nicht sesshaften“ Bevölkerung und deren aktive Teilhabe an der politischen und sozialen Gestaltung ihrer Lebensbedingungen. Dafür ist allerdings ein grundsätzliches Umdenken erforderlich, und es ist das Verdienst von Holert und Terkessidis, dies zum Thema gemacht zu haben.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.03.2007