Sparte: Sachbuch

Ernst Peter Fischer
Die Verzauberung der Welt - Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften

Sachbuch

Die Rückkehr der Geheimnisse

In den Ausführungen des deutschen Wissenschaftspublizisten und Bestsellerautors Ernst Peter Fischer über die Wunder des Kosmos, die großen Fragen der Naturforscher und die noch immer ungelösten Rätsel der Schöpfung wird eine solche Begeisterung und zugleich Demut spürbar, dass manch einer darauf gefasst ist, am Ende ein Glaubensbekenntnis zu hören. Stattdessen aber bekennt Fischer sich zu etwas anderem, zu einer Einsicht, die für einen in Kalifornien promovierten Mathematiker, Physiker und Biologen des Jahrgangs 1947 durchaus bemerkenswert ist: Er betrachte religiöse Bindung und wissenschaftliche Rationalität als zwei komplementäre Möglichkeiten des menschlichen Geistes, die Wirklichkeit zu erfassen – als zwei gegensätzliche, aber gleichberechtigte, einander keineswegs ausschließende Formen der Weltdeutung.
 
Diese etwas andere Sicht auf Rolle und Status der Naturwissenschaft ist im Buchtitel zum Programm geworden. Er formuliert die Antithese zu dem bekannten, von Max Weber einst wirkmächtig eingesetzten, von Horkheimer und Adorno in die "Dialektik der Aufklärung"  aufgenommenen Begriff "Entzauberung der Welt", der nach populärem Verständnis besagt, dass Wissenschaft und wissenschaftlich orientierte Technik in der Neuzeit durch konsequente Anwendung eines Schemas der "Berechenbarkeit" die Natur und die Lebenswelt des Menschen sämtlicher Geheimnisse beraubt, sie rationalisiert und restlos erklärbar gemacht hätten.
 
Das aber ist, wie Ernst Peter Fischer auf sehr lebendige und anschauliche Weise darlegt, nicht nur ein Irrtum, sondern geradezu eine "groteske Idee". Diese wiederum engt das Denken ein, verleitet sie doch entweder zu unangemessener Wissenschaftsskepsis oder zu überzogener  Wissenschaftsgläubigkeit. Dem will der Autor eine "andere Geschichte der Naturwissenschaften" entgegensetzen, die nicht Glauben und Wissen gegeneinander ausspielt, sondern zeigt, dass jede wissenschaftliche Erkenntnis neue, komplexere Fragen nach sich zieht und dass die nach heutigen Maßstäben avanciertesten Welterklärungsmodelle die Mysterien des Kosmos nicht aufdecken und zerstören, sondern vertiefen. Als eines von vielen Beispielen dient ihm das Gesetz der Gravitation, durch dessen Entdeckung das Rätsel des Fallens nur scheinbar gelöst, in Wahrheit jedoch "auf das tiefer liegende Geheimnis der Schwerkraft zurückgeführt" wurde. Das Geheimnisvolle aber ist laut Albert Einstein, auf den der Autor sich gleich zu Beginn beruft, "das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Wissenschaft und Kunst steht".
 
In durchaus polemischer Absicht kritisiert Fischer jene Lehrmethoden in Schule und Universität, die darauf abzielen, uns dieses Grundgefühls zu berauben und uns das Wundern auszutreiben. Wissenschaft und Kunst, respektive Natur- und Geisteswissenschaften, die sich seit Einsteins Zeiten immer weiter voneinander entfernt haben, möchte er wieder versöhnen, indem er an ihre gemeinsamen Wurzeln in der Epoche der Romantik erinnert. Theorien betrachtet er als kreative Erfindungen, und Forscher sind für ihn Erzähler, deren Weltdeutung im besten Fall an Poesie grenzt. Sein Plädoyer für Staunen und Neugier, das ganz nebenbei das dualistische Weltbild des Abendlandes relativiert, ist denn auch keine trockene Abhandlung, sondern ein eher unsystematischer, von Leidenschaft getragener Essay voller Überraschungen und Anekdoten, leicht lesbar und in jedem kulturellen Kontext vollkommen zeitgemäß
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 03.06.2015

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.