Sparte: Belletristik

Ulla Lenze
Die endlose Stadt

Roman

Das Brodeln der entgrenzten Welt. Ulla Lenzes Roman über Schönheit und Schrecken des globalen Kulturaustauschs

Wenn deutschen Künstlern oder Schriftstellern durch ein Kulturinstitut ein längerer Auslandsaufenthalt ermöglicht wird, ist damit die Erwartung verknüpft, dass die Förderung ihr Schaffen befruchtet. Das heißt aber nicht, dass sie das befristete Leben in der Fremde unter den Bedingungen eines Künstlerstipendiums in einem Werk direkt thematisieren müssten. Ulla Lenze, 1973 im Rheinland geboren, hat dennoch genau das getan: Ihr Roman „Die endlose Stadt“ ist Dokument und zugleich schöpferische Umsetzung einer solchen Auslandserfahrung. Umso interessanter wird er dadurch, dass er aus zwei Arbeitsaufenthalten an geografisch und kulturell weit voneinander entfernten Orten entstanden ist, die unter dem Druck der Globalisierung mit vergleichbaren Problemen kämpfen.
 
Auf Einladung der Kunststiftung NRW und des Goethe-Instituts war Ulla Lenze in Mumbai, vom Kölner Kulturamt wurde sie nach Istanbul entsandt. Und sie hat eine bezwingende Lösung gefunden, um diese beiden Megacities, zwischen denen Welten liegen, literarisch miteinander zu verschmelzen. Auf zwei Frauenfiguren hat sie ihre Geschichte verteilt, in der zwei ebenso überwältigende wie verstörende Stadt-Erlebnisse einander auf vielfältige Weise spiegeln und durchdringen.
 
Holle Schulz ist bildende Künstlerin, sie fotografiert Städte, genauer: Architektur-Ensembles ohne Menschen, soweit das möglich ist. Als Stipendiatin kommt sie nach Istanbul und verliebt sich nicht nur in die Metropole auf der Grenze zwischen Orient und Okzident, sondern auch in den Dönerbuden-Besitzer Celal, oder jedenfalls in seinen bildschönen Körper und seine unbefangene Leidenschaft. Gleichzeitig fühlt sie sich zu dem reichen deutschen Bauunternehmer Christoph Wanka hingezogen, der sich von ihren Arbeiten faszinieren lässt: Mit ihm verbindet sie so etwas wie ein intellektueller Gleichklang wider Willen, denn äußerlich verkörpert er das, was sie hasst – die elegante Skrupellosigkeit der „neuen Kolonisatoren“ in einer kapitalistisch entgrenzten Welt. Über das Stiftungsbudget seiner Firma kauft er ihr Bilder ab und finanziert ihr einen Aufenthalt in Mumbai, den sie überstürzt abbricht, als sie sich von ihrem Gönner bedrängt fühlt.
 
Ihre Wohnung übernimmt die deutsche Journalistin Theresa, Reisereporterin mit sozialkritischem Engagement, robuster als die hypersensible Holle, aber mit ähnlichen Antennen für die krassen Widersprüche, die das Leben in explodierenden Stadtgebilden wie Istanbul und Mumbai prägen, und  für die prinzipielle Fragwürdigkeit aller westlichen Kultur- und Wirtschaftsaktivitäten in einem solchen Umfeld.
 
In raffiniertem Wechselspiel schneidet Ulla Lenze die Wahrnehmungen und Reflexionen der beiden Frauen gegeneinander, setzt jede von ihnen landestypischen Abenteuern aus und konfrontiert die andrängende Realität ihres urbanen Alltags mit der  zynischen Attitüde der Gentrifizierer und Profiteure, repräsentiert durch Christoph Wanka und sein allgegenwärtiges Unternehmen.
 
Neben den essayistischen Betrachtungen, in denen die Perspektive junger, kosmopolitisch sozialisierter Frauen auf Länder des nahen und fernen Ostens klare Konturen gewinnt, beeindrucken vor allem die sinnlich-plastischen, atmosphärisch dichten Schilderungen von Straßenszenen, Wohnmilieus, Vergangenheitsspuren und Gegenwartsblessuren in den beiden brodelnden Riesenstädten. Die Beziehungsgeschichten verleihen dem in raschem Tempo und schnörkelloser Sprache erzählten Roman ein zusätzliches Spannungselement, ohne seine kunstreich konstruierte Balance zu stören.

Auszug aus Die endlose Stadt in Al-Kaheera
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 02.09.2015

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.