Sparte: Belletristik

Norbert Scheuer
Die Sprache der Vögel

Roman

Ein Akt der Menschlichkeit. Norbert Scheuers außergewöhnlicher Kriegsroman „Die Sprache der Vögel“

Mehrere deutsche Autoren haben versucht, den Afghanistan-Krieg und das vieldiskutierte Dilemma des dortigen Bundeswehr-Einsatzes literarisch zu verarbeiten. Nach einhelligem Urteil hat keiner von ihnen diese schwierige Aufgabe so feinfühlig und mit einem so originellen, poetischen Ansatz gelöst wie Norbert Scheuer, dessen Roman „Die Sprache der Vögel“ für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse 2015 nominiert war. Scheuer, Jahrgang 1951, lebt in der Eifel und ist für seine leisen, eindringlichen Prosawerke, die ausnahmslos in jener Region spielen und oft von Träumern und Außenseitern handeln, schon mehrfach ausgezeichnet worden.

Auch seine Afghanistan-Erzählung wurde inspiriert durch eine Begegnung in seinem Heimatort, ferner durch intensive Recherchen, Befragungen und Lektüren. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Paul Arimond, der aus dem Eifelstädtchen Kall stammt und dessen Familienname aus früheren Büchern des Autors schon geläufig ist. Der 24-Jährige ist als Sanitätsgefreiter der Bundeswehr in den Jahren 2003 und 2004 in Afghanistan stationiert. Weder Abenteuerlust noch politische Motive haben ihn dazu bewogen, sich für den Einsatz zu melden: Der seelisch labile Paul ist auf der Flucht vor sich selbst, vor familiären Konflikten, vor Beziehungsproblemen und einem Schuldtrauma. Kaserniert im afghanischen Feldlager, von dessen Wachturm aus er einen türkisfarbenen See in der Ferne schimmern sieht, führt er ein Tagebuch, in dem er seine eigene Geschichte bruchstückweise enthüllt und zugleich seine Eindrücke aus dem Inneren des Kriegsgeschehens notiert.

Während seine Kameraden versuchen, sich mit Alkohol, Drogen oder manischen Trainingsprogrammen vom täglichen Horror und der Fragwürdigkeit ihrer Mission abzulenken, nimmt Paul Arimond eine andere Perspektive ein, die in dieser Umgebung so skurril wie entrückt anmutet: Durch ein Fernglas beobachtet er die afghanische Vogelwelt in ihrer paradiesischen Vielfalt. Sein Vater hat ihm die Begeisterung für die Ornithologie vermittelt, und ein Vorfahr namens Ambrosius Arimond war um 1780 ins damals noch arkadisch-geheimnisvolle Afghanistan aufgebrochen, um dort zoologische Studien zu treiben. Er träumte davon, die Sprache der Vögel zu verstehen. Jetzt notiert sein Ururenkel, hinter Stacheldraht, die klangvollen Namen erspähter Vogelarten und skizziert ihre Silhouetten mit Kaffee, dem einzig verfügbaren Malmaterial.  

Der Gang zum See, einem wundersamen Vogelbiotop, ist für Paul verboten. Die Menschen bleiben in einer Schreckenszone eingesperrt, die Vögel sind frei. Durch die Entgegensetzung dieser beiden Welten in einer spannungsvollen und dabei schwebend leichten Erzählkonstruktion eröffnet Norbert Scheuer einen außergewöhnlichen Blick auf den Wahnsinn des Krieges und die Wunden, die er der Schöpfung zufügt. Der Autor hat für seine Poetik eine Art optisches Gleichnis gefunden: „Das Zeissglas, 7 x 50, mit dem Vater Vögel beobachtete: Beim Einstellen des Okulars gibt es eine winzige Spanne zwischen absoluter Schärfeneinstellung und dem Verwischen der Konturen – ein Moment, vergleichbar dem zwischen Wirklichkeit und Traum, Erinnern und Vergessen.“

Mit seiner ruhigen, lakonischen Sprache gelingt es Scheuer, immer wieder solche Momente zu vergegenwärtigen. So weckt er im Leser das Bewusstsein dafür, dass dem Flug der Vögel letztlich eine höhere Bedeutung zukommt als dem menschengemachten Kampfgeschwader über der Wüste. Und ähnlich wie bei Jonathan Trouern-Trend, dem US-Soldaten, der während des Irak-Krieges Vögel beobachtete und darüber schrieb, kann die Lenkung des Blicks auf die Natur inmitten des Kriegsalltags als zivilisatorische Geste verstanden werden – als ein Akt der Menschlichkeit und Friedfertigkeit, wie ihn vorläufig nur die Literatur auszuüben vermag. 
 
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 29.09.2015

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.