Sparte: Belletristik

Jenny Erpenbeck
Gehen, ging, gegangen

Roman

"Der Januskopf der Empathie"

Im  vergangenen Herbst, als der Umgang mit den Flüchtlingsströmen aus Kriegs-  und Armutsregionen  zum  bestimmenden Debattenthema geworden war, zählte dieses Werk zu den meistdiskutierten deutschsprachigen Büchern.  Von manchen Kritikern wurde es sogar als „Buch der Stunde“ etikettiert. Dabei hatte die 1967 in Ost-Berlin geborene Regisseurin, Dramatikerin und Prosaautorin Jenny Erpenbeck, die seit Anfang  des Jahrtausends zur deutschen Schriftsteller-Prominenz gehört, ihren Roman „Gehen, ging, gegangen“ schon im Jahr zuvor vollendet, als die extreme Beschleunigung  der globalen Fluchtbewegungen noch kaum abzusehen war. Und sie hat, an der Schwelle zur dramatischen Ausweitung dieses brisanten gesellschaftlichen Problems, eine erzählerische Konstruktion gefunden, die ihre Gültigkeit behalten wird, weil sie das Thema dem lesenden Publikum emotional und intellektuell näher bringt – reflektiert, bewegend und bei aller Ernsthaftigkeit  durchaus unterhaltsam.
Der Titel spielt mit dem unregelmäßigen Verb „gehen“, dessen Formen die Flüchtlinge im Deutschunterricht lernen und in dem sich ihre eigene Lebenssituation spiegelt: Sie sind einen langen, mühseligen Weg gegangen, um dem Elend zu entkommen, und sie werden, wenn sie an ihrem Zufluchtsort nicht bleiben dürfen, wieder gehen müssen. Jenny Erpenbecks Roman gründet sich auf  Faktenrecherche: Die Autorin hatte eine Gruppe schwarzafrikanischer Asylsuchender, die um die Jahreswende 2013/14  in einem Camp in Berlin-Kreuzberg auf die bürokratische Abwicklung ihrer Fälle warteten, über einige Zeit begleitet und interviewt. Die so ermittelten Tatsachen, Biografien und Fluchtgeschichten flossen ein in die fiktive Rahmenhandlung um Richard, einen emeritierten Professor für Alte Sprachen  aus der Ex-DDR. Er lebt komfortabel, aber vereinsamt vor den Toren der Hauptstadt; sein Thema ist nicht das Gehen, sondern das Vergehen - der Zeit, der historischen Epochen, des menschlichen Lebens. Sein Denken ist nicht politisch, sondern philosophisch geprägt;  er vertritt den Typus des deutschen Bildungsbürgers der älteren Generation, den es in Ost-  wie in Westdeutschland gab und noch immer gibt.

Als Richard zufällig in eine Demonstration der Flüchtlinge auf dem Kreuzberger Oranienplatz gerät, erwacht sein Interesse an den Schicksalen der Afrikaner. Aus seiner Neugier macht er ein Projekt:  Er erkennt, wie wenig er über dieses Segment der Realität weiß, notiert sich Fragen und sucht die Männer in ihrer Notunterkunft auf.  Kontakte werden geknüpft, man freundet sich an, Richard übt sich im Verstehen einer fremden Wirklichkeit und in praktischer Hilfeleistung. Die Erzählungen der Geflüchteten zeichnet er mit dem Tonband auf und versucht sie in einen historischen und literarischen Horizont einzuordnen. Dabei zeigt sich nicht nur, dass er in kolonialen Denkmustern verhaftet bleibt, sondern auch, dass seine aufflammende Empathie lediglich die Leerstellen seiner eigenen Existenz  ausfüllt, während zugleich offenbar wird, dass politischer Bürokratismus in Europa fast jeden Ansatz, den Heimatlosen zu einem Neuanfang zu verhelfen, wieder zunichtemacht.
Es ist diese Ambivalenz, die Jenny Erpenbeck in einer so berührenden wie sachkundigen Mischung aus Milieustudie, Sozialreportage und Gesellschaftskritik ausleuchtet.  Der Roman wirft Fragen auf, ohne Antworten vorzulegen. Die Autorin bedient sich einer unkomplizierten, leicht verständlichen Sprache, als habe sie ihren literarischen Ehrgeiz zurückgestellt, um möglichst viele Leser mit ihrem Anliegen konfrontieren zu können. Dennoch – oder gerade deshalb -  kam sie mit „Gehen, ging, gegangen“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.
 
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 07.06.2016

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.