Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Theodor Storm
Ulrike Möltgen (Illustrator)

Der kleine Häwelmann

Erzählung

Kinderbuchklassiker runderneuert

Kinderbuchklassiker sind wunderbare Objekte, um gestalterische Tendenzen in der Illustrationskunst zu entdecken. Alle paar Jahre wieder werden sie aufgelegt, und während der Text den Künstlern immer dieselben Anstöße und Signale gibt, verändern sich die Bilder jeweils mit dem Charakter und dem Stil des Illustrators.
 
Auch Theodor Storms „Der kleine Häwelmann“, entstanden 1849, wurde schon unzählige Male neu bebildert. Die Geschichte ist bekannt: ein kleiner Junge kann nachts nicht schlafen, lässt sich auch von seiner Mutter nicht beruhigen und baut sich erfinderisch eine Art Boot aus seinem Bett – mit seinem Bein als Mast und seinem Hemdchen als Segel. Damit macht er sich auf die Reise durchs Zimmer, bis der Mond ihm leuchtet und er hinausfahren kann in die Stadt, in den Wald und bis in den Himmel hinein.
 
Auch dort hat der kleine Segler noch nicht genug, fordert weiter Licht vom Mond, fährt ihm ungezogen über die Nase, bringt die Sterne durcheinander und wird in seinem Übermut erst von der resoluten Sonne gestoppt. Sie wirft ihn kurzerhand ins Wasser, woraus der Erzähler ihn rettet – mit Hilfe des kleinen Lesers.
 
Theodor Storm, der große bürgerliche Realist des 19. Jahrhunderts, bleibt auch in diesem phantastischen Märchen realistischer als seine europäischen Zeitgenossen. Keine zauberische Melancholie wie bei Andersen, keine Skurrilitäten wie bei Collodi. Man kann bzw. muss eine kleine Botschaft mitlesen: Überfordere Deine Umwelt nicht, sonst gibt’s eine kalte Dusche! Eine Moral ähnlich der des Grimmschen Märchens „Vom Fischer und seiner Frau“.
 
Die Bilderbuchkünstlerin Ulrike Möltgen, 1973 geboren, brauchte einige Jahre, um aus dem Schatten ihres großen Lehrers Wolf Erlbruch herauszutreten. Seinen hohen Anspruch an sich selbst hat sie übernommen und produktiv umgesetzt. Inzwischen zählt sie mit über 50 Veröffentlichungen zu den renommierten deutschen Illustratorinnen fürs Kinderbuch. Wobei sie der Collage-Technik treu geblieben ist, Papiere, Tuch, Fäden, Tapeten oder Pappen sind Bestandteil ihrer Bilder.
 
So auch im „Kleinen Häwelmann“, der in gedeckten Farben daherkommt. Viel Schwarz, Dunkel-Türkis, Dunkelgrün und Lila erschaffen die nächtliche Stimmung. Gegenakzente sind der kleine Junge mit dem hellblonden Haarschopf, der „gute Mond“ mit seinem warmen Licht, die goldenen Sterne und zwei leuchtend rot grundierte Doppelseiten mit der Katze, die mit ihren funkelnden Augen den Wald illuminiert.
 
Kantig, kreativ und künstlerisch ausdrucksstark sind diese Collagen. Nicht niedlich-märchenhaft, sondern kraft- und schwungvoll. Der doppelgesichtige Mond, die müde-grimmige Mutter und der nervig-fordernde Bengel, die verschobenen Proportionen und Perspektiven - sie bürsten das Image des Kunstmärchens gegen den poetischen Strich. Sachlichkeit und die Tendenz zur Abstraktion verbinden sich in großartigen kleinen Inszenierungen – schade wirklich, dass diese Bilder nicht viel größer sind!
 
Schreiende Kinder und genervte Eltern gibt es überall auf der Welt. Für sie ist dieses Märchen geschrieben und neu gestaltet. Wobei sich dem erwachsenen Betrachter ganz leise noch eine zweite Ebene öffnet, die Storm wohl nicht mitbedacht hat, die man heute aber fast automatisch einbezieht: Dass Kinder nicht nur schreien, wenn sie keine Lust haben zu schlafen. Sondern auch, weil sie Hunger haben oder Schmerzen oder Angst. Auf sie mag der Traum vom fahrenden Bettchen, von Sonne, Mond und Sternen vielleicht doch ein wenig beruhigend wirken. Hoffentlich!
 
Sylvia Schwab

Von Sylvia Schwab, 26.10.2018

​Sylvia Schwab ist Hörfunkjournalistin und hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert. Sie ist Jurorin bei den "Besten 7" von Deutschlandfunk und Focus und arbeitet für den Hessischen Rundfunk, den Deutschlandfunk und Deutschlandradio-Kultur.