Sparte: Belletristik

Andreas Maier
Die Familie

Roman

Im Haus der Schweigekinder

Eines der interessantesten autofiktionalen Projekte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur trägt den Namen „Ortsumgehung“. Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet der Schriftsteller Andreas Maier, 1967 in Bad Nauheim geboren und in der  Region Wetterau nördlich von Frankfurt aufgewachsen, an einem auf elf Bände angelegten Romanzyklus, in dem er den engeren und weiteren Raum seiner Herkunft erkundet und die eigene Biografie in den Kontext der Zeitgeschichte stellt. Die lapidaren Titel bezeichnen jeweils die Stationen der Rückschau: Von innen nach außen fortschreitend, hatte der Erzähler sich vom „Zimmer“ über das „Haus“, die „Straße“, den „Ort“ und den „Kreis“ bis an die „Universität“ vorgearbeitet, wo er sich beim Studium der Philosophie unter anderem mit Wahrheitstheorien beschäftigte. Jetzt aber ist er noch einmal in sein Elternhaus zurückgekehrt, denn der siebente Band der Serie kreist um „Die Familie“.

Er setzt zugleich eine Zäsur: Bei Ermittlungen in der familiären Vergangenheit  ist der Autor auf Ungereimtheiten gestoßen, die ihn dazu zwingen, den Mythos seiner Identität zu dekonstruieren und aus veränderter Perspektive auf alles bisher Berichtete zurückzublicken. Dadurch gewinnt dieser Roman, noch mehr als die vorausgegangenen, eine Unabhängigkeit, auf die Andreas Maier großen Wert legt: Da er die traditionelle Romanform für überholt hält, möchte er seinen Büchern neue, eigenständige Strukturen geben, die es ermöglichen,  sie ohne weiteres auch einzeln, außerhalb des zyklischen Zusammenhangs zu lesen.

Trotz des trocken-ironischen Tons, der Maiers Erzählen charakterisiert, hatte seine Heimat-Saga bislang deutlich idyllische Züge getragen. Die Risse, die in den Jahren seines Heranwachsens durch die westdeutsche Gesellschaft gingen und sie in ihren Fundamenten erschütterten, ausgelöst durch die spät offengelegten Lügen und Verdrängungen der Wirtschaftswunder-Generation, schienen das ehrenwerte Zuhause des Erzählers in der hessischen Obstbaum-Provinz allenfalls aus der Ferne zu berühren. Jetzt enthüllt sich ihm durch  Zufall,  dass auch seine Familie tief in die Machenschaften der Nationalsozialisten verstrickt war und dass ihr Wohlstand sich auf  die Enteignung und Vertreibung jüdischer Mitbürger gründete. Und plötzlich sieht er vieles in neuem Licht, was er als Kind und Jugendlicher mit einer gewissen Irritation wahrgenommen hatte, jedoch nicht einordnen konnte:  Sprachlosigkeit und litaneiartig wiederholte Klischees, Zerwürfnisse mit Verwandten, Erbstreitigkeiten, das dubiose Verhalten des Vaters, der Anwalt und konservativer Lokalpolitiker war, die hysterischen Reaktionen der Mutter, die Rebellion des älteren Bruders. Und den Abriss einer denkmalgeschützten Mühle auf dem Grundstück, der im Buch als schlagkräftige Metapher für die Zerstörung der Illusionen dient.

 Als seine Herkunftswelt nachträglich aus den Fugen gerät, sieht der Erzähler, nicht ohne Wehmut, auch sich selbst und sein Verfahren entzaubert: „Meine schöne Wetterau! Die ganze Zeit konnte sie Literatur sein. Sie konnte blühen, duften, schweben, fliegen…“ Er muss erkennen: „Wir sind die Kinder der Schweigekinder.“ Sein Alter Ego, der Autor Andreas Maier, notiert:  „Ich schreibe die ganze Zeit Nachkriegsliteratur, ohne es zu merken.“ Es ist eine Nachkriegsliteratur, in der sich Erfahrungen seiner Generationsgenossen vielfältig spiegeln dürften. Und die gerade durch ihre lakonische Nüchternheit, in die sich immer wieder auch Komik mischt, noch einmal einen Sprengsatz in das so ausdauernd tradierte deutsche Schweigen wirft.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 04.03.2020

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.