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Sparte: Sachbuch

Eva von Redecker

Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen

Sachbuch

Raus aus den Sackgassen des Kapitalismus

Die Katastrophe, die die Philosophin Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ beschwört, ist eine globale und vielgesichtige. Sie hat aber überall dieselbe Wurzel, nämlich den Kapitalismus, gegen den sich diese Revolution erheben müsse; in diesem Sinne legt die Autorin ihre „Philosophie der neuen Protestformen“ vor, wie der Untertitel des Buches lautet. Das heißt aber nicht, dass hier eine Analyse aktivistischer Demonstrations- oder gar Sabotagestrategien zu erwarten wäre. Der Protest, von dem von Redecker spricht, zeigt sich vielmehr in alternativen Lebensformen und einer konstruktiven Praxis, die den Ausweg aus den Sackgassen des Kapitalismus weisen soll.

Welche Sackgassen das wären? Die ersten Kapitel gliedern diesen 300-seitigen Rundumschlag in vier bündig umrissene Teilaspekte: Beherrschen (Eigentum), Verwerten (Güter), Erschöpfen (Arbeit), Zerstören (Leben). Dabei leitet von Redecker ihre Kritik der bestehenden Verhältnisse von den ideengeschichtlichen Klassikern der Kapitalismuskritik her – von Rousseau über Marx zu Horkheimer und Adorno. Ihre Kritik an den bestehenden Eigentumsverhältnissen und der Unterdrückung, der sich Lohnarbeiter noch immer ausgesetzt sehen, scheint auch im sogenannten postindustriellen Zeitalter kaum unplausibel zu sein. „In Lohnarbeit“, so von Redeckers exemplarische wie plastische Schilderung aus einem Schlachtbetrieb, „wird mit nahezu mechanischen Bewegungen und von Kälte geschwollenen Handgelenken, Fleisch von Schweinehälften geschnitten. Die schweren steifen Stücke werden mit motorisierten Messern zerteilt und auf Fließbänder geworfen. (…) Gelegentlich gleiten die Klingen bei der Lohnarbeit aus den klammen, glitschigen Fingern, oder sie schnellen von Knorpeln zurück; die Arbeiter_innen schneiden sich. Aber wer zu häufig zum Arzt geht, erhält eine Kündigung. Ein Großteil der Arbeitsverträge läuft über Subunternehmen, die Scheinselbstständigkeiten und Probezeiten fingieren. Auch die ersten Covid-19-Infizierten werden angewiesen, die Krankheit zu verschleiern.“

Um ihre Argumentation zu unterfüttern, greift von Redecker allerjüngste Zeitumstände auf, wie hier die ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnisse unter dem Vorzeichen der Pandemie. Auch setzt sie das, was Menschen unter solchen Bedingungen erleiden, ins Verhältnis zum Schaden, der zugleich Tieren und der Natur zugefügt wird. Auf einem Biobauernhof aufgewachsen, weiß die Autorin um die Erschöpfung natürlicher Ressourcen durch die marktorientierte Akkumulation des Kapitals. Indem den Dingen ein willkürlicher Wert zugemessen werde, begebe sich der Mensch in ein toxisches Verhältnis zu seiner Umwelt: „Was die Verwertung eigentlich tut, ist, Güter in Waren und Ausschuss zu spalten. Anders als der Mehrwert kehren die von den Waren abgespaltenen Dinge aber gerade nicht zum Ausgangspunkt zurück. Delfinmägen sind von Plastikmüll verstopft, nicht die Trichter des Kapitals. Freie Marktwirtschaft eben, frei von Windschutzhecken, die das Wüten des Markts einschränken würden.“ Dieser Aneignungsmechanismus aber sei der Erzfeind alles Lebendigen, denn: „voll besitzen kann man nur Totes.“

Die also dringend nötige „Revolution“ betrachtet von Redecker als einen nicht gewalttätigen Akt, da ja, historisch betrachtet, gerade in den Revolutionen das Leben immer wieder aufs Spiel gesetzt worden sei. „Für die Revolution zu leben“, hier zitiert die Autorin die schwarze Feministin Francis Beal, bedeute, „die schwierigere Aufgabe zu übernehmen, unsere alltäglichen Lebensmuster zu ändern.“ Auf dieses Projekt zielt der zweite Teil dieses Buches: Wie könnte ein „übersprudelndes, unvergittertes Leben“ wieder möglich werden? Wie ließen sich Rassismus und Sexismus überwinden, wie ein Verhältnis zu den Dingen gewinnen, das auf Regeneration und nicht auf Verbrauch ausgerichtet ist – wie wieder atmen? Die Antwort auf diese Fragen mündet bei Eva von Redecker in ein mit Pathos vorgetragenes Plädoyer für ein grundlegend anderes Leben im grundlegend anderen Gemeinwesen der Kommune. „Ob wir den Kapitalismus vermissen würden? Die funkelnden Schaufenster, die röhrenden Motoren, das Getümmel und die Schlacht?“ Das ist am Ende dieses Buches natürlich nur eine rhetorische Frage.
Buchcover Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen

Von Ronald Düker

​Ronald Düker ist Kulturwissenschaftler und Journalist und schreibt für DIE ZEIT sowie verschiedene Magazine. Er lebt in Berlin.