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Sparte: Belletristik

Anja Kampmann

der hund ist immer hungrig

Gedichte

Schlafende Hunde im Anthropozän

„es war das jahr“ heißt das Gedicht, das hier wie ein Prolog den folgenden fünf Zyklen vorgeschaltet ist:  Die Rede ist vom Jahr 1348, in dem sich ein heftiges Erdbeben im Friaul ereignete. Wenige Wochen später brach in Norditalien die Pest aus, die bald auch Avignon erreichte, den Sitz der päpstlichen Exilresidenz. Das Eröffnungsgedicht malt aus, wie Papst Clemens VI., zwischen zwei Feuern sitzend („um ihn leuchtete die angst“), die Seuche überlebte. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass die historische Szene nur als Metapher dient für das pandemische Unheil, das im Entstehungsjahr dieses zweiten Lyrikbandes von Anja Kampmann die moderne Welt erfasste. Auf dem Einband ist ein Fresko aus dem Jagdzimmer des Papstpalastes abgebildet, das einen Jäger mit Hund zeigt. der hund ist immer hungrig  lautet der Titel der Sammlung, und das Gedicht, aus dem die Zeile stammt, führt in ein höchst aktuelles Horrorszenario,  eine von der Fracking-Industrie zerstörte Landschaft in Kanada.
Anja Kampmann, 1983 in Hamburg geboren und in Leipzig lebend, gilt als Shootingstar der neueren  deutschen Literatur. Mit dem Gedichtband  Proben von Stein und Licht hatte sie 2016 ihr vielbeachtetes Debüt; zwei Jahre später folgte der Roman Wie hoch die Wasser steigen, der in der amerikanischen Übersetzung auf die Shortlist des National Book Award 2020 gelangte. Sie wurde auch hierzulande mit zahlreichen Förderpreisen, Nominierungen und Auszeichnungen bedacht und ist in allen wichtigen Anthologien zur Gegenwartslyrik vertreten.
Nachrufe auf die Natur – so könnte man einen Großteil der neuen Dichtungen Kampmanns nennen. Die Autorin richtet ihren Blick auf die Spuren, die der Mensch überall auf dem Planeten hinterlassen hat, auf die spektakulären und die schleichenden Verheerungen des Anthropozäns. Sie schreibt  über geklonte Tiere und chinesische Gen-Experimente, über Müll und Asphalt, Industrieparks und Erosionsflächen, über Chemieschlote an der Donau und den Fledermaustod an Windkraftrotoren, über den Schwund des Permafrosts, die Vertreibung von Maulwürfen und ahnungslos schlafende Hunde an Tankstellen. Sie schreibt auch über Orte ihrer Kindheit und Jugend in einem nebelverhangenen Norddeutschland, und sie findet dort, neben persönlichen Erinnerungen, die nichts Idyllisches haben, Reminiszenzen an deutsche Kriegsverbrechen.
Immer aber bleibt die Dichterin in der Anschauung und in der Schilderung, nie wird sie analytisch, moralisch oder polemisch. Distanziert, doch nicht unbeteiligt ist dieser Blick, geprägt von kühler Melancholie,  und er gewinnt der apokalyptischen Bestandsaufnahme eine eigentümliche Schönheit ab, eine herbe, ruhige Ästhetik, die den Schrecken nicht mildert, aber einen Zugang dazu eröffnet. Dies könnte eine Art politischer Lyrik sein, die unserer Zeit gemäß ist: Sie agitiert nicht, sondern zeigt, und ihr verhaltener, wie beiläufiger Klagegestus lässt das Ausmaß der Verwüstung stärker unter die Haut gehen, als lautes  Anprangern es jetzt noch könnte.
Für die Übersetzung prädestiniert erscheinen diese Gedichte, weil sie ohne Reim, Metrum und andere formale Effekte auskommen, vielmehr ganz auf die Kraft der Bilder und den Assoziationsraum der Wörter setzen. Damit nähern sie sich einer rhythmisierten Prosa mit teilweise gebrochener Syntax und organisch wirkendem Zeilenfall, bei konsequenter Kleinschreibung und weitgehendem Verzicht auf Interpunktion.  Ihr Gehalt und ihre Atmosphäre dürften sich ohne Verlust in jeglichen Sprachklang übertragen lassen.
 
Buchcover der hund ist immer hungrig

Von Kristina Maidt-Zinke

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.