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Buchcover Wenn nicht die Menschen

Vitali Konstantinov Wenn nicht die Menschen

Übersetzungsförderung
Polnische Rechte bereits vergeben.

Nicht der Mensch, sondern das Tier: Eine andere Geschichte der Evolution

Dieses Sachbuch (für Kinder und Erwachsene!) ist ein ebenso beeindruckendes wie verblüffendes Gedankenexperiment: Was wäre, wenn die Evolution im Verlauf der Erdgeschichte an einer Stelle in eine andere Richtung abgebogen wäre? „Wenn nicht die Menschen, sondern andere Tiere – wie Dinosaurier, Delfine, Krähen, Waschbären, Kraken, Fledermäuse oder Kapuzineraffen – sich in unsere Richtung weiterentwickelt hätten? Wie würden ihre Nachkommen und ihre Welt heute wohl aussehen?“

Illustrator und Autor Vitali Konstantinov lädt die Lesenden ein, sich genau das vorzustellen, und versorgt sie mit den nötigen Informationen zu Dinosauriern, Oktopussen, Delfinen, Waschbären sowie unterschiedlichen Affenarten, die vielleicht das Zeug zur Zivilisationsgründung (oder gar der Weltherrschaft?) haben könnten. Augenzwinkernd, mit anschaulichen Vergleichen und witzigen zweifarbigen Zeichnungen, die den Text ergänzen und kommentieren, spinnt er Gedankenfäden rund um die Frage, wohin sich diese Tierarten entwickeln könnten. Ausgangpunkt hierfür ist die anschauliche Schilderung, was es für eine Zivilisation braucht: Werkzeuge, Feuer, Behausung, Sprache und Theory of Mind (ToM).

Für alle fünf Aspekte – das Benutzen und Erfinden von Werkzeugen, die Kontrolle und Nutzung des Feuers, das Errichten von Behausungen, das Entwickeln und Erlernen von Sprache und die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle, Gedanken und Pläne zu erkennen und zu verstehen – braucht es ein entsprechendes Maß an Intelligenz. „Manche Wesen auf unserem Planeten befanden sich auf einem sehr guten Weg zu einer höheren Intelligenz. Es schien: Noch ein paar Millionen Jährchen der Entwicklung und sie hätten es geschafft! Aber es passierte immer etwas, was die Entstehung einer anderen Menschheit verhinderte. Hier ein Meteoriteneinschlag mehr, da eine Überschwemmung weniger, und das war’s …“

An dieser Stelle denkt Konstantinov konsequent weiter: Wie das Leben aussehen könnte, wenn die vorgestellten Tiere mehr Zeit und Raum für ihre Entwicklung bekommen hätten oder würden, zeigen Aufklappseiten am Ende der entsprechenden Abschnitte: Bunte, doppelseitenfüllende Panoramen inszenieren alternative Zivilisationsversionen, in denen Dinosaurier, Oktopusse, Delfine, Waschbären und Affen an die Stelle des Menschen treten. Die üppigen, mit Farbtuschen und Farbstiften gemalten Bilder der fünf Aufklappseiten sind ein großes Sehvergnügen; sie bereichern das Gedankenexperiment rund um die Evolution um eine Dimension, die ebenso unterhaltsam wie inspirierend ist. Vieles, das der Künstler dort zeigt, ist frei erfunden, anderes leitet sich aus den in den Texten vorgestellten wissenschaftlichen Erkenntnissen ab. Wenn nicht die Menschen zeigt so eindrucksvoll, wie lohnend und bereichernd die Verbindung aus Fakt und Fiktion sein kann.

Wie gewissenhaft die im charmanten Plauderton präsentierten wissenschaftlichen Erkenntnisse für dieses außergewöhnliche Projekt zusammengetragen wurden, lassen die Quellen, Anmerkungen und Buchtipps im Anhang erkennen; Glossar und Register komplettieren das Sachbuch zusätzlich. Neben der beschriebenen sprachlichen und visuellen Finesse sowie der sorgfältigen Ausarbeitung darf aber auch die hochwertige Gestaltung und Ausstattung des Buches nicht unerwähnt bleiben. Kurzum: Wenn nicht die Menschen ist ein stimmiges Gesamtkunstwerk für alle, die der Welt und ihren Möglichkeiten mit Neugier begegnen.

Von Marlene Zöhrer

Marlene Zöhrer ist Jurorin, Referentin und Rezensentin für Kinder- und Jugendliteratur. Sie arbeitet als Hochschulprofessorin für Kinder- und Jugendliteratur und Deutschdidaktik an der PH Steiermark in Graz.