Bücherwelt
Auf einmal auch für Kinder schreiben?

Juli Zeh Bücher © Carlsen, © dtv

Juli Zeh, Saša Stanišić und drei andere Autor*innen erzählen über ihre Beweggründe und ihre Erfahrungen rund um das Schreiben für Kinder

Immer wieder begegnet man Belletristikautor*innen, die aus den unterschiedlichsten Gründen Kinder als neues oder zusätzliches Publikum entdecken. Wie kommt es dazu? Führen die Spuren in deren Kindheit, verschieben eigene Kinder den Fokus oder was begründet die oftmals auch über längere Zeit praktizierte Zweigleisigkeit im literarischen Alltag?

Juli Zeh lebt in der Nähe von Berlin und ist bekannt als mehrfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, promovierte Juristin und ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg. Ihr Debüt legte sie vor 20 Jahren mit dem Roman „Adler und Engel“ vor und ihre Bücher wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Auch im Kinderbuchbereich ist sie bereits mit mehreren Werken aufgefallen. Aus ihrer persönlichen Leidenschaft für Pferde ist „Socke und Sophie – Pferdesprache leicht gemacht“ entstanden, eine erfolgreiche Kombination aus Sachbuch und Pferdegeschichte, die auch von der Kritik positiv aufgenommen wurde. Stärker um ihr gesellschaftliches Engagement geht es in „Jetzt bestimme ich!“ und um eine unkonventionelle Sichtweise zum Thema Weihnachten in „Alle Jahre wieder“. „Da ich schon als Kind mit dem Schreiben begonnen habe, liegen meine Ursprünge gewissermaßen in der Kinderliteratur. Ich komme immer wieder darauf zurück. Wenn ich eine Idee habe, die sich für ein Kinderbuch eignet, setze ich sie um",  so Zeh zu ihrer Motivation, für so ganz unterschiedliche Zielgruppen zu schreiben.

Der eigene Nachwuchs hat Markus Orths auf die Idee gebracht, nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder zu schreiben. „Diese Entscheidung kam ganz klar durch die eigenen Kinder. Sie sind jetzt 14, 12 und 8 Jahre alt. Ich habe abends begonnen, Stegreifgeschichten zu erzählen und daraus entstanden die ersten Ideen für die Kinderbücher", so Orths, der in Karlsruhe lebt und dessen Romane in fast 20 Sprachen übersetzt worden sind. „Das Zebra unterm Bett“ ist aus einer solchen improvisierten Abendgeschichte entstanden. Bei „Der reichste Junge der Welt“ und „Ein Elefant macht Handstand“ liegen reale Erlebnisse zu Grunde. Alle drei Kinderbücher sind grandios von Kerstin Meyer illustriert und bieten Grundschüler*innen allerfeinste Kinderliteratur. „Ich kann noch verrückter, anarchischer, fantastischer und abenteuerlicher schreiben. Aber ich muss auch hin und wieder Dinge erklären und wiederholen, was ich in einem Buch für Erwachsene nicht machen würde", so Orths zu den Unterschieden im literarischen Arbeiten für die verschiedenen Altersklassen. 2022 und 2023 dürfen sich die jungen Leser*innen dann auf zwei neue Bände von „Billy Backe“ freuen!
 
Markus Orths Bücher
© Moritz Verlag
Katharina Hackers Motivation, für Kinder bzw. Jugendliche zu schreiben, entstand eher aus der Unzufriedenheit mit bereits vorhandenen Texten für diese Zielgruppe. Die Pferdekinderbücher, in die sie bei ihren Töchtern reinschaute, waren ihr oftmals zu dürftig. Außerdem hat sich Katharina Hacker vor sechs Jahren einen Kindheitstraum erfüllt und sich ein eigenes Pferd gekauft. „Da war es dann naheliegend, selber ein Jugendbuch mit Tieren zu schreiben", so die für ihren Roman „Die Habenichtse“ 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Frankfurter Autorin. Interessant ist, dass sie in ihrem Jugendroman „Alles, was passieren wird“ auch eine Angst verarbeitet, die sie selbst gut kennt. Denn es geht darin feinfühlig und facettenreich um ein Mädchen, dessen Mutter gestorben ist. Hacker, die selbst zwei Töchter hat, kann sich in eine solche Situation natürlich gut hineinversetzen. Neu war beim Schreiben für sie: „Eine Geschichte mit einer klaren, spannenden Handlung zu erzählen. Diese spielt in anderen Büchern manchmal keine so große Rolle, deswegen war es eine Herausforderung und ein riesiges Vergnügen zugleich“, so die Autorin. Gerade hat sie ein Buch für Erwachsene abgeschlossen und plant nun, ein weiteres Jugendbuch zu schreiben. „Es gibt einige Figuren in dem Buch, zu denen ich noch Geschichten weiß.“

Vor allem zu Tierfiguren fallen Annette Pehnt immer wieder die tollsten Kindergeschichten ein. Die Hauptfigur ihres neuesten Kinderbuchs ist ein Waschbär. „Hieronymus oder Wie man wild wird“ erzählt kurzweilig und sehr liebenswert von diesem Tier und vor allem von Luki – dem Jungen, der ihm eines Nachmittags um viertel nach vier begegnet. „Bei mir geht es immer auch darum, wie sich Kinder unterstützen und Bündnisse eingehen können. Einzelkämpfer gibt es viel zu viele! Das gilt ja genauso für die Großen", so die in Köln geborene und nun schon lange in Freiburg lebende Autorin und Mutter von drei Töchtern. Für sie macht das Schreiben für Kinder keinen großen Unterschied. „Meine Kinder sind inzwischen groß, aber noch immer bekommen sie als allererste die Texte zu sehen“, erzählt sie. „Es ist mir immer wichtig, eine klare und schöne Sprache zu finden, die Figuren genau anzuschauen, sorgfältig und liebevoll zu erzählen. Einen Unterschied gibt es aber: Erwachsenen kann ich zerrissene Texte zumuten. Kinder haben ein Bedürfnis nach Geschlossenheit und Zuversicht, das ich nähren will“, so Pehnt. Das gelingt ihr zweifellos – auch in den Geschichten, zu denen Jutta Bauer die Illustrationen beisteuert.
 
Hacker Pehnt Stanisic
© S. Fischer, © Sauerländer, © Carl Hanser, © Carlsen
Auch Saša Stanišić arbeitet mit unterschiedlichen Illustrator*innen zusammen. Nach Katja Spitzer illustriert Günther Jakobs nun das zweite Kinderbuch des mehrfach ausgezeichneten Autors („Vor dem Fest“, Preis der Leipziger Buchmesse 2014; „Herkunft“, Deutscher Buchpreis 2019). „Vor allem hat mich fasziniert, dass man seinen Stil tatsächlich auch bei diesem Text für Kinder gut wiedererkennt. Er verbiegt sich nicht, das finde ich großartig!“, urteilt der Illustrator. Geboten bekommt man in „Panda-Pand – Wie die Pandas mal Musik zum Frühstück hatten“ eine reizvolle Mischung aus überraschender Vorlesegeschichte, musikalischer Inspiration und der Begegnung mit den Pandabären. Angefangen hat alles mit den Kindergeschichten, die Saša Stanišić seinem Sohn erzählte und „wenn der dann rief 'Das kommt ins Buch!', dann war das etwas so Fantastisches. Das gab es in dieser erfüllenden und harmonischen Weise bei meinen anderen Arbeiten so gut wie nie. Selbstzweifel, Recherchekämpfe, Sackgassen – das war alles nicht da“. Und da Stanišić – wie er selbst sagt – noch hunderte weitere Geschichten für Kinder im Sinn hat, darf man gespannt sein!


Antje Ehmann arbeitet als freie Journalistin, Jurorin und Referentin im Bereich Kinder- und Jugendliteratur.