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Bücherwelt
Vom Nebeneinander zum Miteinander

Franziska Ludwig: Kennen wir uns?
© Klett Kinderbuch

Wie wollen wir miteinander leben? Als Familie, in der Schule und an öffentlichen Orten? Das ist eine Frage, die man sich im Laufe des Lebens immer wieder aus wechselnden Perspektiven stellt. Aktuelle Kinderliteratur greift diese Aspekte des Zusammenlebens vielseitig und kreativ auf. Mal in einem erzählenden Bilderbuch, mal als illustriertes Sachbuch für Grundschulkinder, oder direkt von obdachlosen Jugendlichen erzählt.

von Antje Ehmann



Bilderbuch

Jörg Mühle hat mit Bär und Wiesel zwei unverwechselbare Hauptfiguren geschaffen, die etliche Aspekte des Zusammenlebens durchbuchstabieren. In „Zwei für mich, einer für dich“ das gerechte Teilen von drei Pilzen, in „Morgen bestimme ich“ nach welchen Spielregeln gemeinsam verbrachte Zeit funktioniert und nun mit „Das war doch keine Absicht“ die hehre Kunst der Entschuldigung. Der Frankfurter Illustrator dazu: „Nur selten kommt es zum Streit zwischen den beiden, aber wenn, dann kann es durchaus eskalieren, wird aber nur selten unsachlich, persönlich oder gar verletzend. Zum Glück sind der Bär und das Wiesel auch nicht nachtragend und wenn die Argumente ausgetauscht sind, vertragen sie sich wieder.“ Dabei kann es für Kinder, die sich von der hinreißenden Dynamik, den intensiven Gefühlen und unerwarteten Wendungen anstecken lassen, eine Art hilfreiches Probehandeln hinsichtlich der Frage sein: Wie könnte ich mich denn entschuldigen?

Regina Schwarz und Yayo Kawamura haben sich in „Hör mir mal zu! Über Sprache und Miteinander“ auch mit zwischenmenschlichem Umgang und Dialog beschäftigt. Aber auch zwischen Kulturen will Verständigung gelernt sein. „Ich habe früh gemerkt, wie unterschiedlich Kommunikation in Japan und Deutschland sein kann. In Japan sagt jemand zum Beispiel, er könne ein bisschen Klavier spielen, und spielt dann wie ein Profi. Bescheidenheit ist dort sehr wichtig. In Deutschland wirkt das manchmal eher irritierend. Ich habe daraus gelernt, dass es kein Richtig oder Falsch gibt und dass man immer ein wenig spüren muss, wie Menschen in einer bestimmten Umgebung miteinander sprechen.“, so die Illustratorin dieses Sachbilderbuches, dem es gelingt, ganz unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Da geht es um ganz alltägliche Missverständnisse, die Entscheidung zwischen Postkarte und Mail oder um Tiersprache, Geheimsprachen und Körpersprache. Das alles wird in kurzen Texten und mit reichlich Humor und hilfreichen Tipps kombiniert.
 

Jörg Mühle, Franziska Ludwig, Regina Schwarz, Yayo Kawamura © Moritz, © Klett Kinderbuch, © Beltz & Gelberg

Franziska Ludwig kombiniert ganz anders und legt mit „Kennen wir uns? Unsere geheimen Gemeinsamkeiten“ ein Werk vor, dem eine geniale Idee zugrunde liegt. Auf je einer Seite bzw. Doppelseite versammelt sie insgesamt 56 ganz unterschiedliche Figuren – alle nach Alter und nach Größe sortiert auf dem Vor- und Nachsatzpapier zu sehen –, die vieles miteinander verbindet, was man auf den ersten Blick gar nicht vermutet. „Ich habe mir überlegt, was wohl passiert, wenn ich einige von ihnen immer seitenweise nach verschiedenen Gemeinsamkeiten zusammen sortiere. Und die Menschen, die es ansehen, sind eingeladen, sich selbst ihre Gedanken zu machen.“, erklärt Ludwig. Und so sieht man alle, die auf etwas warten, alle, die etwas auf dem Kopf haben, oder alle, die ein kleines Geheimnis hüten. Für Kinder im Grundschulalter und Erwachsene ein ebenso kurzweiliges wie erhellendes Experiment.

Sachbuch

Gleich eine ganze Grundschulklasse hat sich Gerda Raidt in ihrem „Klassenbuch. Wer gewinnt das Spiel des Lebens?“ genauer angesehen und detailliert nachgeforscht, wie die Unterschiede zwischen den Kindern entstehen. „Das Thema beschäftigt mich schon, seit die ersten Bücher dazu von Didier Eribon und Annie Ernaux aus Frankreich rübergeschwappt sind. Wenn man über Klassenspaltung nachdenkt und die Welt durch diese Brille betrachtet, ist das sehr erhellend. Mir sind als Kind schon Unterschiede aufgefallen, aber wenn ich Erwachsene dazu befragt habe, wurde das vornehm umschifft. Da dachte ich: Aber was, wenn man das früher wüsste? Wenn man schon als Kind verstehen würde, dass das strukturelle Probleme sind und nicht nur individuelle?“, so Raidt. Es gelingt ihr, dieses Verständnis detailliert in Text und Bild herzustellen und Kinder so zu stärken.
 

Gerda Raidt, Kobai Halstenberg © Klett Kinderbuch, © Fischer / Saueländer

Jugendbuch

Und genau das haben viele Jugendliche oft nicht vermittelt bekommen: innerlichen Halt und Stärke. Kobai Halstenberg geht in „Wie Treibholz auf Asphalt. Junge Menschen erzählen von ihrem Leben auf der Straße“ deren schwierigen Lebensumständen auf den Grund. „Mich interessiert, was junge Menschen beschäftigt. Sie sind in unserer Gesellschaft eine Minderheit: werden politisch übersehen und gesellschaftlich vernachlässigt. Ich habe mich gefragt, warum in einem der reichsten Länder der Welt jungen Menschen auf der Straße leben müssen. Deswegen bin ich losgegangen und habe sie selbst gefragt.“, so Halstenberg. Der 15-jährige Lukas ist der jüngste Interviewpartner, Terri, Socki und Alex mit 26 Jahren sind die drei ältesten. Ihre intensiven und ehrlichen Schilderungen sind hier protokolliert und oft nicht leicht zu verarbeiten. Ein Buch, das sich dafür anbietet, im Oberstufenunterricht gemeinsam gelesen und besprochen zu werden. Denn es macht deutlich, wie man eigentlich miteinander umgehen sollte: menschlich, würdevoll und mit Respekt.


Antje Ehmann arbeitet als freie Journalistin, Referentin und Jurorin im Bereich Kinder- und Jugendliteratur.

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