Clemens Setz Der Trost runder Dinge
- Suhrkamp Verlag
- Berlin 2019
- ISBN 978-3-518-42852-8
- 314 Seiten
- Verlagskontakt
Clemens Setz
Der Trost runder Dinge
Momentaufnahmen einer schwindelnden Welt
Darin berichtet er mit heilloser Phantasie von jenen, die ihr So-Sein aus dem Normalsein katapultiert, von den surrealen Tendenzen der so genannten Wirklichkeit und den Unmöglichkeiten des Daseins. Es sind Momentaufnahmen einer schwindelnden Welt. Darin erweist sich etwa „Frau Triegler“ als gespenstische Krankenschwester, die ihre kleinen Patienten mit kalter Zuneigung ans Herz drückt, während die Mutter in der Erzählung „Zauberer“ ihren toten Sohn ins Kinderzimmer bettet und ihre Liebhaber zum nekrophilen One-Night-Stand lädt. Ein paar Seiten später präsentiert der Autor einen psychotischen Vater, der nicht in der Lage ist, seinen Wahnsinn kundzutun, während ein anderer Vater sich in seinen Jugendwahn wickelt wie in einen Schlafsack. „Menschen sind so seltsam“, heißt es in einer der Erzählungen und genau davon erzählt Setz auf sehr unterschiedliche Weise.
Die Skurrilität seiner Figuren und ihre Erlebnisse sind das eine, das andere ist die Sprachmächtigkeit, mit der Setz von ihnen erzählt. Alltag wandelt er zu Literatur, etwa indem er Allerweltsverben wie „sitzen“, „stehen“ und „liegen“ umgeht. „Neben uns existiert zum Glück ein Getränkeautomat“, heißt es stattdessen bei ihm. Anstelle von „Ich schaute auf die Uhr“ schreibt Setz „Ich kontrollierte die Zeit“. Hinzu kommen verrückte Formulierungen, die auf ebenso verrückten Sinneswahrnehmungen fußen. Da ist dann von einem „intensiven Anorakgeruch, nach geschmolzenen und dann im Innenfutter warm gewordenen Kragenschnee“ die Rede. Von der Liebe zur Sprache und der Lust am Spiel mit ihr zeugen alle Erzählungen in diesem Band. Als Leser kommt man mit dem Unterstreichen einzelner Sätze gar nicht hinterher. Das galt auch schon für seinen Erstling, den Erzählungsband „Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes“, mit dem Setz 2001 bekannt geworden ist und für den er zudem den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Mittlerweile gehört er zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Außer Romane und Erzählungen schreibt er Gedichte und Theaterstücke; jüngst hielt er eine viel beachtete Rede bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
Geboren wurde Setz 1982 in Graz, wo er auch heute lebt. Bevor er als Schriftsteller reüssierte, hat er Mathematik und Germanistik studiert. Kennzeichnend für seine Literatur ist eine waghalsige Offenheit, die sich sowohl in den gewählten Sujets als auch in den angeschlagenen Tonarten niederschlägt. So radebricht er etwa in der Erzählung „Spam“ nach Art einer per Übersetzungshilfe generierten betrügerischen Mail. Keine der Erzählungen tönt wie die andere. Mal erzählt er in der Ich-Form, mal in der 3. Person Singular, mal ist der Ton hochfahrend diskret, mal dezent ironisch, mal frönt Setz der Hoch-, mal der Populärkultur, hier erzeugt er Rührung, da Komik. Offenheit zeichnet auch die Enden seiner Erzählungen aus, die auf keine schlichten Pointen hinauslaufen, sondern sich im Ungefähren einnisten, nachdem sie nicht selten souverän vom Realen ins Surreale gekippt sind.

Von Shirin Sojitrawalla
Shirin Sojitrawalla arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Theater und Literatur für den Deutschlandfunk, die taz, die Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit, nachtkritik.de und andere. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden.
Inhaltsangabe des Verlags
Ein elsässischer Soldat im Ersten Weltkrieg entdeckt am Nachthimmel das Sternbild des Großen Burschen, das so schauderhaft ist, dass er niemandem davon erzählen kann. Ein junger Mann, der sich in die blinde Anja verliebt hat, muss feststellen, dass ihr Apartment von oben bis unten mit Beschimpfungen bekritzelt ist. Marcel, sechzehn Jahre alt, hinterlässt auf der Toilettenwand eines Erotiklokals seine Handynummer und den Namen Suzy. Familie Scheuch bekommt eines Tages Besuch von einem Herrn Ulrichsdorfer, der vorgibt, in ihrem Haus aufgewachsen zu sein, und einen Elektroschocker unter seinem geliehenen Anzugjackett verbirgt.
Das ganz und gar Unerwartete bricht in das Leben von Clemens J. Setz’ Figuren ein. Ihr Schöpfer erzählt davon einfühlsam, fast zärtlich. Durch Falltüren gestattet er uns Blicke auf rätselhafte Erscheinungen und in geheimnisvolle Abgründe des Alltags, man stößt auf Wiedergänger und auf Sätze, die einen mit der Zunge schnalzen lassen. Der Trost runder Dinge ist ein Buch voller Irrlichter und doppelter Böden – radikal erzählt und aufregend bis ins Detail.
(Text: Suhrkamp Verlag)