Sparte: Belletristik

Terézia Mora
Das Ungeheuer

Roman

Buchbesprechung

​Darius Kopp ist ein Berliner IT-Berater, den Terézia Mora schon 2009 in ihrem Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ zum zwiespältigen Repräsentanten dieser Branche gemacht hat. Diese sieht sich, so Mora in einem Interview zum Buch, immer auf der sicheren Seite der Zukunft und lebt gerne an der Gegenwart vorbei. Wie Kopp. Doch irgendwann hat das US-amerikanische IT-Unternehmen „Fidelis“ seine „Ziele gewechselt“, den tölpelhaft-schlauen Kopp nicht mehr gebraucht, und seine ungarische Frau Flora war nun an der Reihe, als Kellnerin fürs Kleingeld zu sorgen.

Mit „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ reagierte Mora, 1971 im ungarischen Sopron geboren, aber schon mit neunzehn zum Studium nach Berlin gekommen, auf das erste Platzen der Internet-Blase 2001. In ihr, so der autobiographische Anlass, hatte auch Moras Mann seine Stelle verloren.

Jetzt, in der erzählten Gegenwart fünf Jahre später, taucht Darius Kopp in „Das Ungeheuer“ wieder auf. Aber man muss den ersten Roman nicht kennen, um den zweiten genießen zu können. Es geht um einen ganz anderen Teil von Kopp: sein Privatleben¬, das im Vorgängerroman noch der Kraft der ökonomischen Sphäre entzogen schien. Doch inzwischen hat Flora ebenfalls ihren Job verloren, hat sich im Berliner Umland in die Waldeinsamkeit begeben und nach mehreren Monaten an einem Baum aufgehängt. Das wird in „Das Ungeheuer“ nur rückblickend erzählt, aber es ist das einschneidende Ereignis in Darius Kopps Leben.
Sein Schock wird noch verstärkt, als Kopp auf Floras Laptop eine Art Tagebuch entdeckt, das er aus dem Ungarischen übersetzen lässt. In den Aufzeichnungen entdeckt er zu seinem Erschrecken eine Frau, die er nicht gekannt hat. Hart und depressiv, schon als Studentin desillusioniert, rücksichtlos, mit jedem Mann im Bett, hatte sie sich nur noch mit Tabletten über Wasser gehalten.

Kopp wird nicht fertig mit diesem Abschieds-Text, mit dem sich Flora verwandelt und ihn alleine gelassen hat. Kopp verwahrlost bei Pizza und Bier, bis ein Freund ihn aus seiner Trauer weckt. Daraufhin macht er sich auf die Reise nach Ungarn, in Floras Herkunftslandschaft. Er will verstehen, was mit seiner Frau los war.

Eine auf den ersten Blick klassische Erzählanlage, die aber auch klassische Sentimentalitäts-Gefahren birgt. Mora, seit dem Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises von 1999 eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der deutschsprachigen Literatur, entgeht ihnen auf überraschende und schnell überzeugende Weise. Als Kopp seine ungarische Reise, die ihn bis nach Armenien führen wird, beginnt, zieht Mora einen Querstrich durch die Mitte der Seiten. Floras Aufzeichnungen laufen ab jetzt unter dem Strich mit und werden zu einem gleichwertigen Teil des Romans, dessen schneidender Ernst Kopps gefühlsintensiv-verwirrte Suche begleitet und konterkariert.

Literarisch wichtig und beeindruckend aber ist, dass Mora es geschafft hat, auch Kopp eine überzeugende Stimme zu verleihen. Der Schock hat ihn in einen Menschen verwandelt, der sich und anderen nichts vormachen will. Als eine Therapeutin seine Erschütterung durch Floras Tod als Depression kategorisiert, wehrt er sich. Es handle sich um Trauer, die er sich nicht „krankschreiben“ lassen wolle.
Zu Recht hat Mora 2013 für „Das Ungeheuer“ den Deutschen Buchpreis erhalten. Ein solches Zusammenspiel von sprachlicher Brillanz und inhaltlicher Aktualität findet sich in der deutschsprachigen Literatur sehr selten. Terézia Mora hat einmal erzählt, dass sie ihre Arbeit jeweils mit dem Hören der Nachrichten beginnt, um daran erinnert zu werden, in welcher Zeit sie lebt. Erst wenn der Roman zu seiner „eigenen Zeit“ gefunden habe, lasse sie dies. Das merkt man. Eine literarische Aktualität, die Tagesaktualität alt aussehen lässt, ist so entstanden.
Hans-Peter Kunisch

Von Hans-Peter Kunisch, 18.06.2014

​Hans-Peter Kunisch lebt in Berlin und Irland. Er ist freier Autor und Journalist und schreibt vor allem für die Süddeutsche Zeitung.