Sparte: Belletristik

Michael Kumpfmüller
Die Herrlichkeit des Lebens

Roman

Buchbesprechung

​Umschlossen von Wald, Moor und Ostsee liegt das Seeheilbad Müritz an der mecklenburgischen Küste. Von der Ferienwohnung „Glückauf“ sind es nur zehn Fußminuten bis zum Strand. Hier soll der Doktor zusammen mit seinen Schwestern erholsame Wochen verbringen. Es ist ein Freitagabend im Juli 1923. Seit fast sechs Jahren leidet er an Tuberkulose, das Heilklima soll ihm Linderung verschaffen. Elf Monate später wird er tot sein.

Das Ende von Michael Kumpfmüllers Roman ist kein Geheimnis. Auch wenn der Name 'Kafka' kein einziges Mal fällt, wird dem Leser schnell klar, um wen es in dieser Liebesgeschichte geht. Zärtlich behandelt der Autor das letzte Lebensjahr des Prager Schriftstellers, fängt den Zauber der Liebe zwischen ihm und Dora Diamant ein, ohne je in Richtung Kitsch abzudriften.
Es ist eine vollauf gelungene Gratwanderung: Mit akribischer Genauigkeit zeichnet Kumpfmüller die Stationen der letzten Monate Kafkas nach. Gleichzeitig entfaltet er eine universale Geschichte über die Kraft der Liebe und darüber, wie schwer jeder Abschied fällt, auch wenn er noch so vorhersehbar ist. Es geht um die reale Beziehung von Franz und Dora, doch das spielt für die emotionale Wucht des Romans keine Rolle. Vermutlich ist das auch einer der Gründe dafür, dass Kumpfmüller den berühmten Nachnamen unerwähnt lässt.

Vierzig Jahre ist Kafka alt, als er der Kindergärtnerin Dora in Müritz begegnet. Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein. Die osteuropäische Jüdin ist fünfundzwanzig, wurde im Russischen Kaiserreich geboren und lebt seit wenigen Jahren in einem Berliner Hinterhof, unweit vom Alexanderplatz. Verliebt blüht der Schriftsteller auf, sie machen Strandspaziergänge, gehen in der ungewöhnlich warmen Ostsee schwimmen. Schnell merken Franz und Dora, wie sehr sie die Nähe des anderen genießen. „Du bist meine Rettung“, sagt Kafka zu ihr.

Für den verzagten Mann beginnt ein neues Leben. Er bricht mit den Eltern in Prag, geht in Berlin auf Wohnungssuche. Die Hyperinflation macht den Bewohnern der Stadt zu schaffen, auch sein Gesundheitszustand lässt Kafka zweifeln. Aber Kumpfmüller zeigt hier auf bewegende Weise, wie sehr alle Sorgen und Bedenken zu schrumpfen beginnen, wenn man verliebt ist. Denn Kafka ist sich gewiss bewusst, dass diese Beziehung nicht von Dauer sein kann. Dass er nicht alt wird, weiß er schließlich, seit er denken kann. Aber das hindert ihn nicht, sich Hals über Kopf in diese Liebe zu stürzen.

Da der Briefwechsel zwischen Dora Diamant und Franz Kafka nicht erhalten ist, muss sich Kumpfmüller in ihre Beziehung hineindenken und -fühlen. Das gelingt ihm vorzüglich. Im September beziehen sie eine Wohnung in Berlin-Steglitz. Dora kümmert sich um ihren Geliebten, der in stillen Momenten über sein Vermächtnis sinniert: Drei „verpfuschte“ Romane, ein paar Dutzend Geschichten und sonst nur Briefe, hauptsächlich an entfernt lebende Frauen, lautet sein ernüchterndes Resümee.

Nebenbei lässt Kumpfmüller das Berlin der Weimarer Republik auferstehen. Die Goldenen Zwanziger haben noch nicht begonnen, in der drittgrößten Stadt der Welt herrschen Hungersnot und Arbeitslosigkeit. Das Paar bekommt antisemitische Äußerungen mit, in München kommt es zum Hitlerputsch. Sie leben hingegen wie unter einer Glocke, Kafka verlässt kaum das Bett, und Dora übernimmt seine Pflege und den ganzen Rest. Er versucht zu schreiben, beginnt die Erzählung Der Bau, die er nicht mehr vollenden wird. Wie Kumpfmüller diese Liebesgeschichte in Fiktion zu gießen vermag, ist wirklich beeindruckend.

Das Paar muss zweimal die Wohnung wechseln, sie spielen Alternativen im Kopf durch: Vielleicht sollten sie ein Restaurant in Palästina eröffnen? Der Berliner Winter tut Kafka nicht gut, und stundenlange Hustenanfälle sind keine Seltenheit. Zu verfolgen, wie schwer sich die beiden damit tun, ihr erst kürzlich bezogenes Nest aufzugeben, geht dem Leser nahe. Beide wissen, dass es wohl für immer sein wird, auch wenn es keiner auszusprechen wagt. Kafka bittet Dora, seine Hefte, Briefe und Blätter im Ofen zu verbrennen – für ihn nur „wertloses Zeug“. Im März 1924 schließt er seine letzte Erzählung ab: „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“.

Kumpfmüller schildert auf ergreifende Weise, wie es mit Kafka bergab geht: Die Krankheit hat auf den Kehlkopf übergegriffen. Er muss in eine Lungenheilstätte nördlich von Wien. Kann nicht mehr essen, leidet Schmerzen und an starkem Durst, wiegt nicht mal mehr fünfzig Kilo. Sprechen ist ihm verboten. Die Ärzte haben ihn schon aufgegeben, nur Dora nicht. Zusammen mit Kafkas Freund Robert Klopstock pflegt sie ihn aufopferungsvoll.
Mit großem Respekt und ohne Melodramatik beschreibt Kumpfmüller die letzten Tage im Leben des Schriftstellers. Obwohl oder gerade weil man von Anfang an weiß, wie diese Geschichte endet, rührt sie einen in Kumpfmüllers fiktionalisierter Form umso mehr. Völlig ausgezehrt macht Kafka Dora einen Heiratsantrag, sorgt sich, was aus ihr werden soll. Sagt ihr, dass er gerne Kinder mit ihr gehabt hätte. Am 3. Juni 1924 stirbt er in ihren Armen. Zuvor hat sich das Paar versichert, dass sie das ganze Glück hatten, wenn auch nur kurz. Sie erinnern sich an Berlin, den Sommer an der Ostsee. Sie würden nichts anders machen.
Vorname Name

Von Daniel Grinsted, 18.08.2012

​Daniel Grinsted ist Kulturwissenschaftler und Anglist/Amerikanist. Er arbeitet als freier Kulturjournalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Zeit Online, Literaturen, das Börsenblatt und andere Medien.