Sparte: Sachbuch

Alois Prinz
Ein lebendiges Feuer. Die Lebensgeschichte der Milena Jesenská

Biografie

So viel Mut

„Sie ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe", schrieb Franz Kafka im Mai 1920 über Milena Jensenská, die zu dieser Zeit in Wien lebte. Ein Jahr zuvor waren sie sich in Prag begegnet: Die junge Lebenskünstlerin hatte Texte Kafkas ins Tschechische übersetzt, es folgte eine rege Korrespondenz mit anschließender Liebesgeschichte. In Wien hielt sich Milena Jesenská als Journalistin über Wasser, mühsam zwar, aber immerhin ermöglichte ihr der Beruf ein eigenes Einkommen, das sie ernährte; ein Lebensumstand, der mit Zähigkeit und Energie erkämpft worden war. Nicht ohne Grund pries Kafka auch ihren Mut, ihre Klugheit und ihre „Leben-gebende Kraft".

Die Liebesbeziehung hielt trotzdem nicht lange, denn anders als der hochverletzliche Schriftsteller, der seine Briefe wie auch seine Literatur immer als Rückzugsorte betrachtete, forderte Milena gerade die Realität ein. Zwei Stunden Leben seien mehr wert als zwei Seiten Schrift, hatte sie ihm geantwortet, wie Alois Prinz in seiner Biografie berichtet. Dass Milena Jesenská nach ihrem Tod berühmt wurde, verdankte sich anfangs wohl der Kafka-Forschung. Kafkas „Briefe an Milena" verwandelten die Nonkonformistin in eine literarische Ikone. Auch nach dem Ende ihrer Liebesgeschichte blieben Milena und „Frank", wie sie ihn wegen seiner schwer leserlichen Unterschrift nannte, noch in Kontakt; der Schriftsteller übergab ihr seine Tagebücher, und nach seinem Tod im Juni 1924 schrieb sie einen feinfühligen Nachruf. Einiges an Material also ist durch Milenas Literaten-Nähe erhalten geblieben – wobei dieser Kafka-bezogene Ruhm auch eine Bürde ist, wie ihr Biograf Alois Prinz immer wieder betont.

Denn auch jenseits der Liebesepisode mit dem dreizehn Jahre älteren Schriftsteller führte die 1896 geborene Milena Jesenská ein unglaublich intensives, erfahrungsgesättigtes Leben, in dem sich die großen Konfliktlinien des zwanzigsten Jahrhunderts geradezu beispielhaft abzeichnen. Sie war Teil der Künstler- und Intellektuellenkreise zweier Metropolen, erschrieb sich einen Namen als Journalistin, analysierte das veränderte Geschlechterverhältnis, politisierte sich und kämpfte gegen den Faschismus in Europa.

Der Literaturwissenschaftler und Philosoph Alois Prinz, dessen Biografien ein breites Spektrum von Hermann Hesse und Hannah Arendt bis zu Ulrike Meinhof und Paulus abdecken, scheint ein besonderes Interesse für widerständige Geister zu haben (2010 erschien die Anthologie „Rebellische Söhne"). Jetzt hat er mit seiner „Lebensgeschichte der Milena Jesenská" eine energiegeladene Rebellin porträtiert, wobei diese Biografie für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen aufschlussreich sein dürfte.

Im Ton präzise und einfühlsam, aber doch zurückhaltend genug, um nie gefühlig zu klingen, erzählt Prinz vom unangepassten Lebensweg einer höheren Tochter: Milena Jesenská rebellierte nicht nur gegen den Vater, einen Professor der Zahnmedizin. Sie legte sich mit den Konventionen einer untergehenden Welt an, trieb Sport, wanderte, war selbstbewusst und wach, heiratete einen jüdischen Intellektuellen (was den Vater, einen nationalistischen Tschechen, besonders entsetzte) und wurde als junge Frau zeitweilig Kommunistin. Zeitweilig, denn die rigiden Verhaltens- und Publikationsvorschriften ihrer sowjetisch orientierten Genossen wollte sie bald nicht mehr befolgen.

Zugänglich und lesbar verankert Prinz’ Biografie die Geschichte Milena Jesenskás in ihrer Zeit: Der Zerfall Österreich-Ungarns, der Erste Weltkrieg, der in Prag erstarkende Nationalismus der Tschechen, die Gründung der Republik, der zerstörerische Nationalsozialismus, zunächst noch jenseits der Grenze – alles, was nach trockenem Geschichtsunterricht klingen könnte, wird höchst anschaulich entlang einer mitreißenden Lebensgeschichte erzählt.

Das gilt besonders für die letzten Lebensjahre der engagierten Journalistin: 1938, kurz vor dem Münchner Abkommen, war sie ins (noch tschechische) Sudentenland gereist, hatte wochenlang die nationalsozialistischen Sudetendeutschen beobachtet und aufrüttelnde Reportagen für ihre Zeitung verfasst. Im November 1939, nach der Besetzung der Rest-Tschechoslowakei durch die Nazis, wird Milena wegen Untergrund-Aktivitäten verhaftet. In Dresden spricht man sie zwar frei, aber sie wird von den Nazis unter Schutzhaft gestellt. Und kurz darauf ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie 1944 stirbt.

Die Briefe aus dem KZ beschreiben, wie sehr sie sich nach ihrer Tochter, aber auch nach ihrem Vater und nach Prag sehnt. „In jedem Brief", erklärt Prinz, „beteuerte Milena, dass es ihr gut gehe und dass man sich keine Sorgen zu machen brauche. Das stimmte natürlich nicht." Dass sie sich auch im KZ ihren Lebensmut und ihre Hilfsbereitschaft bewahrt hatte, zeigt die Biografie anhand der Zeugnisse von Mitgefangenen, die ihr bis zuletzt „furchtloses Auftreten" bewunderten. „Sie lebte hingebungsvoll und verschwenderisch, war aber stets bereit, die Folgen ihres Lebenshungers zu tragen", schreibt Alois Prinz in seinem Epilog. Ein glänzend erzähltes Leben, dessen Intensität lange nachwirkt.
Jutta Person

Von Jutta Person, 21.03.2017

Jutta Person ist Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin, sie schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Literaturen" und "Die Zeit". Beim "Philosophie Magazin" betreut sie als Redakteurin das Ressort Sachbücher.