Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Christa Ludwig
Sünne van der Meulen (Illustrator)

Bellcanto

Roman

Wie man sich auf der Flucht findet

Hunde können zaubern. Alleine durch ihre Anwesenheit verändern sich die Menschen. Hunde können uns beruhigen und für einen Moment daran erinnern, dass das Leben ja eigentlich lebenswert ist. Eine Tatsache, die für Robin schon seit geraumer Zeit in Vergessenheit geraten ist. Wieder einmal ist der übergewichtige Junge im Supermarkt beim Klauen einer Chipstüte erwischt worden. Zwar kann ein 12-Jähriger nicht strafrechtlich belangt werden, aber für Robin gibt es trotzdem kein Happy End. Der gewalttätige Vater darf nicht mehr bei der Familie wohnen. Die Mutter liebt Robin zwar, wird aber immer wieder von ihrer Alkoholsucht eingeholt.

Das Jugendamt engagiert einen „Besuchshund" für Robin, um ihn zu sozialisieren. Tatsächlich wartet der Junge schon bald sehnsüchtig auf jene Tage, an denen er mit „Bello" in den Park darf.

So ergeht es auch dem alten Herrn Heyse, der sich im Seniorenhaus permanent mit seinen Betreuerinnen anlegt. „Bellcanto" nennt er das Tier wegen seiner schönen Stimme und teilen mag er es mit niemandem. Alleine kommt Heyse aber draußen in der Welt nicht klar, und so türmt er mit Bellcanto und dem von ihm eigentlich missbilligten Jungen. Wie sich Robin und der alte Mann auf ihrem Road-Trip durch Süddeutschland zusammenraufen, davon erzählt Christa Ludwigs Roman „Bellcanto" ohne jede Sentimentalität. Gnadenlos verhöhnt der alte Mann den Jungen wegen seiner Leibesfülle. Bemerkungen, die einem beim Lesen unter die Haut gehen, zumal das Kind scheue Orientierung bei dem unfreundlichen Mitreisenden sucht, der Robin zunächst nur barsch herumkommandiert.

Die Hindernisse der Reise bringen die beiden jedoch einander näher, wobei die fragile Nähe durch ein unbedachtes Wort auch schnell wieder verwehen kann. Christa Ludwig erzählt aus der Perspektive des Jungen, der sensibel auf die Zwischentöne achtet. Als der Alte einen Befehl zum ersten Mal mit einem „Bitte" abrundet, ist das ein Zeichen für die Achtung, die Robin ihm abringen konnte.

Beiden bedeutet der Hund alles, und als Bellcanto durch ein Missverständnis in die gefährlichen Strudel eines Gebirgsbachs gerät, wird es richtig spannend. Ein Mädchen – Olga – erweist sich als Retterin. Robin verliebt sich in sie. Danach kooperieren die beiden ungleichen Ausreißer friedlicher miteinander. Was sie verbindet, sind Sehnsüchte, die sich jedoch nur schwer einlösen lassen. Während Robin seinem Körper entfliehen möchte, will Heyse alte Fehler, die er im Umgang mit seiner Familie gemacht hat, wiedergutmachen. Unerfüllbare Wünsche hier wie dort. Und dennoch gewinnt Robin im dramatischen Finale des Romans eine neue Perspektive auf sein Leben. Der Entschluss, festgefahrene Strukturen zu verlassen, und sei es durch Flucht, hat beide verändert.

Die Überzeugungskraft des Romans liegt in der Konsequenz, mit der Christa Ludwig ihren Charakteren treu bleibt. Die alte Gleichung des Road-Trips, die davon ausgeht, dass mit der äußeren auch die innere Bewegung einsetzt, geht auf, ohne dass die Konflikte beschönigt werden müssten. Kein Kitsch, auch nicht in der Rolle des Hundes, der eher als Katalysator denn als Retter fungiert. Hier kennt sich jemand mit den Reaktionen – und der Seele – des Hundes aus, ohne das Tier zu vermenschlichen. Bellcanto geht durch diese Geschichte als eigenständiges Wesen. Sich an seiner Gegenwart zu erfreuen, verleiht dem Buch jenes Glücksmoment, das dem Roman sein Gelingen garantiert, gerade weil es unerklärlich bleibt.
Thomas Linden

Von Thomas Linden, 21.03.2017

​Thomas Linden arbeitet als Journalist (Kölnische Rundschau, WWW.CHOICES.DE) in den Bereichen Literatur, Theater und Film und konzipiert als Kurator Ausstellungen zur Fotografie und zur Bilderbuchillustration.