Sparte: Belletristik

Leif Randt
Schimmernder Dunst über Coby County

Roman

Buchbesprechung

​Mann, ist das alles unaufgeregt hier. Und so wahnsinnig tiefenentspannt. Alles soft. Leif Randt, 1983 geboren und Absolvent des Hildesheimer Studiengangs für Kreatives Schreiben, hat es geschafft: Einen Roman zu schreiben, der nicht bloß die reine Oberfläche ausstellt, sondern bloße Oberfläche ist. Und das ganz gezielt, kalkuliert und höchst gekonnt. Das macht „Schimmernder Dunst über Coby County“ zu einer der bemerkenswertesten Neuerscheinungen des Jahres 2011. Für einen Auszug daraus wurde Randt bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet. Es hätte auch der Hauptpreis sein dürfen.

Coby County, das ist eine Kultur-Wohlfühlenklave in einem nicht näher bestimmten Land in einer nicht allzu fernen Zukunft. So fühlt sich eine Stadt an, die von einem Kosmetikhersteller gegründet wurde und ihre erste Blüte dank einiger Beauty-Farmen erlebt hat. Wer einmal hier gelandet ist, will im Normalfall nicht mehr weg aus diesem sozialen Paradies, in dem weder Geschlecht noch Hautfarbe eine Rolle spielen; in dem alle sozial abgesichert und in Wohlstand leben. Jahr für Jahr rücken die jungen, erlebnishungrigen und feierwilligen Touristen an, um den berühmten Frühling in Coby County zu erleben. Eine Zeitlang bekamen die Eltern, wenn sie mit ihren Neugeborenen aus dem Krankenhaus nach Hause zurück kehrten, einen Obstkorb mit auf den Weg. Ein Bionaden-Paradies. Wer dabei an den Prenzlauer Berg denkt, hat wahrscheinlich nicht völlig Unrecht, greift aber deutlich zu kurz.

Zur Generation Obstkorb gehört auch Wim Endersson, 26 Jahre alt, von Beruf – eine weitere ironische Pointe Randts – Literaturagent und der Ich-Erzähler in Randts Roman. Einer, der genau jene Form von Literatur protegiert, der seit einigen Jahren in der realen Welt der Vorwurf der allzu frühen Abgeklärtheit bei gleichzeitiger Sinnentleertheit gemacht wird. Eine Literatur, die von Randt selbst im Roman auf das Beste karikiert wird: „Die Texte meiner Teenageautoren“, sagt Wim, „sind voll sprachlicher Wucht und sie zeigen uns älteren Jugendlichen, wie sich das Leben der jüngeren Jugendlichen heute anfühlt: Denen scheint ihr Schul- und Familienalltag mittlerweile wie ein irrer existentieller Rausch vorzukommen, nicht mehr wie die leicht ironische Romantic Comedy.“

Wim ist ein gemäßigter Melancholiker, der seinem Leben eine Wohltemperiertheit verpasst hat, die er „total angemessen“ findet. Wim verschwindet komplett hinter einer durch und durch auf Außenwirkung getrimmten Lebenshaltung. Nur hin und wieder blitzt kurz einmal der Ansatz einer echten Regung durch. Die Untrennbarkeit des Politischen und des Privaten wird bei Randt auf zynische Weise Realität. Die Romansprache selbst ist vom sinnentleerten Wellnessgeschwätz nicht nur angefressen – sie ist dessen Endprodukt. Das ist radikaler, als es auf den ersten Blick erscheint. Die kursiv gedruckte wörtliche Rede besteht nur noch aus Versatzstücken, die gut gelaunten Fernsehfilmchen entsprungen sein könnten. Ständig sagen Menschen Sätze auf wie: „Es gibt einen Laden um die Ecke, der macht fantastische French Toasts.“ Als Wims Freundin Carla ihn per SMS verlässt, schreibt sie: „Mit einem Jungen namens Dustin fängt für mich eine neue Zeitspanne an.“ Und er antwortet: „Ich nehme deine Entscheidung zur Kenntnis und bereite mich jetzt ebenfalls auf einen neuen Abschnitt vor.“ Bloß nicht uncool werden oder gar unsoft. So muss sich die Hölle anfühlen.

Der Roman ist der Versuch der Identitätsbeschreibung einer Generation ohne echte Identität. Und das ist nicht eben wenig. Wo die Generation von Wims Eltern aufgebrochen ist, um aus der Laune heraus ihre Selbstentfaltung zum Programm zu machen, sind die Kinder zu Wohlfühlzombies geworden. Diesen Prozess auf so elegante Weise zu literarisieren, wie es Leif Randt gelingt, ist mehr als Bret Easton Ellis ohne Gewalt oder Michel Houellebecq ohne Sex. Von Beginn an liegt etwas Bedrohliches über dem Roman, doch möglicherweise ist das eher eine Projektion des auf Kontrapunkte getrimmten Lesers. Und tatsächlich – es geschieht dann doch etwas in Coby County: Der Bürgermeister wird abgewählt, eine Magnetschwebebahn entgleist, einige Häuser brennen. Das ist Apokalypse light, nicht mehr. Leif Randt gestattet uns keinen Ausweg aus seinem sinistren Duschgel-Paradies, keine Ausflucht à la „Truman Show“ und erst recht nicht den großen Knall. Das ist nur allzu konsequent. Und neben allem anderen ist es vor allem auch immer wieder ungemein komisch.       
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 18.07.2012

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.