Sparte: Sachbuch

Joseph Croitoru
Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats

Sachbuch

Schon der Titel „Der Märtyrer als Waffe“ weist darauf hin, dass es Croitoru mit seinem Buch darum geht, den Menschen, der ein Selbstmordattentat begeht, in zwei verschiedenen Eigenschaften zu zeigen: als Täter ebenso wie als Opfer, sozusagen als Waffe in der Hand anderer Akteure. Er schlägt einen weiten Bogen von der japanischen Samuraitradition über die Propagierung des Einsatzes „tausend lebender Bomben“ in Nordkorea bis hin zu Selbstmordattentaten im Libanon und in Israel und gelangt schließlich mit der Analyse des globalen Terrornetzwerkes von Al-Qaida zum vorläufig letzten Kapitel dieser Entwicklung. Croitoru benutzt feine, bei flüchtigem Lesen manchmal vielleicht etwas zu wenig explizite Mittel in der sprachlichen Unterscheidung zwischen dem Selbstmordangriff im militärischen Zusammenhang und dem Selbstmordattentat. Auch das Moment der „Freiwilligkeit“, die von den Verantwortlichen im Hintergrund für beide Formen ins Feld geführt wird, beleuchtet Croitoru, indem er die subjektive Perspektive der Täter berücksichtigt, die diesen oft keine Alternative lässt.

Schon in der Einleitung betont der Autor, dass bestimmte Voraussetzungen gegeben sein müssen, um in einer Gesellschaft eine Akzeptanz für und Bereitschaft zu Selbstmordattentaten zu schaffen. Hierzu gehören vor allem eine tief verankerte Jenseitsvorstellung, der zufolge der Märtyrer für seine Tat belohnt wird, eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft, die ein vormodernes Kriegerethos und einen Ehrenkodex mit dem Element der Blutrache bewahrt hat sowie eine andauernde nationale Unterdrückung, welche die Entrechtung und Erniedrigung durch einen militärisch überlegenen Gegner zur Routine werden lässt. Durch diese Vorbemerkung macht Croitoru deutlich, dass es in diesem Buch nicht darum geht, Schuldige zu benennen, sondern vielmehr darum, ein kaum begreifliches Phänomen vor allem für westliche Beobachter verständlicher zu machen.

Das eigene Leben zu opfern für eine Idee, eine Nation oder auch einen Kaiser ist dem abendländischen Denken eine eher fremde Vorstellung. In den ostasiatischen Kulturen hingegen findet sich eine lange Tradition, die Croitoru detailliert an Hand der japanischen Samurai-Ethik und deren Instrumentalisierung durch das japanische Militär darstellt. Diese Entwicklung fand ihren extremsten Ausdruck in dem massiven Einsatz von Kamikaze-Kämpfern Ende des zweiten Weltkriegs im Pazifik.

Dass diese Angriffstechnik ihren Weg in andere Teile der Welt fand, erklärt der Autor mit dem Fortbestehen des Konzepts der „lebenden Bomben“, wie es bis heute im kommunistischen Nordkorea propagiert wird. Croitoru vertritt die These, dass es in den frühen siebziger Jahren, als sich vielerorts linksextremistische Gruppierungen dem Kampf für die Weltrevolution verschrieben, auf nordkoreanischem Boden zu Kontakten zwischen solchen revolutionären Organisationen aus Japan und dem Nahen Osten kam. In deren Folge beging dann die „Japanische Rote Armee Fraktion“ im Mai 1972 auf dem Tel Aviver Flughafen das erste Selbstmordattentat im Nahen Osten.

Der Anschlag der Japaner löste unter den palästinensischen Gruppierungen einen erheblichen Profilierungsdruck aus, der in verstärkten gewaltsamen Aktivitäten zum Ausdruck kam. So kam es zu einer Welle terroristischer Anschläge vorwiegend auf zivile Ziele, die Israel in den siebziger Jahren erschütterte. Urheber der Attentate waren verschiedene, miteinander um den Führungsanspruch konkurrierende palästinensische Organisationen, die ihre Taten politisch begründeten und vor allem auf die nationale Befreiung Palästinas von der „zionistisch-imperialistischen“ Unterdrückung abzielten. Religiöse Motive spielten in dieser Zeit, wenn überhaupt, nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Schon damals war die mediale „Vermarktung der Märtyrer“ von zentraler Bedeutung und spielte sich nach einem bis heute gängigen Muster ab: Auf das öffentliche Bekenntnis einer verantwortlichen Organisation und eine Pressekonferenz folgte die Herausgabe des Vermächtnisses des „Märtyrers“ per Tonband- oder Videoaufzeichnung. Diese Kultivierung eines auch bei nicht-religiösen Palästinensern verankerten Märtyrerbildes sowie die „palästinensische Erziehung“ an UNRWA-Schulen und in paramilitärischen Jugendlagern führte zu einer hohen Bereitschaft junger Palästinenser, sich für Selbstmordkommandos zu melden.

Den ideologischen Umschwung hin zu islamistischen Zielsetzungen erklärt Croitoru mit den Entwicklungen während der Auseinandersetzungen im Libanon, wo die fundamentalistischen Führer des Iran mit den syrischen Machthabern um Einflusssphären konkurrieren. Hauptmittel war hierbei die finanzielle und logistische Unterstützung „eigener“ Aktionsgruppen. Ständige Menschenrechtsverletzungen durch die israelischen Besatzungssoldaten waren ein weiterer Grund für das schnelle Anwachsen von Gruppierungen wie Hizbullah („Partei Gottes“), der schiitisch-libanesischen AMAL oder der „Nationalsozialen Syrischen Partei“.

Mit dem Ausbruch der ersten Intifada 1987 verlagert sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf Israel und Palästina. Eine bereits 1978 in Gaza gegründete Muslimbrüderschaft, die sich zunächst um soziale Belange der Bevölkerung kümmert, wird zur Hamas, einer islamischen Widerstandsbewegung, deren Fernziel die Vernichtung Israels und die Re-Islamisierung „ganz Palästinas“ ist. Eine radikalere Absplitterung, der „Islamische Dschihad“, sowie der militärische Arm der PLO, die Fatah, melden ebenfalls ihren Führungsanspruch innerhalb der Intifada an. Israels Verhandlungen mit der PLO, die zu den Oslo-Abkommen führten, und innerisraelische Ereignisse bewirkten eine erneute Zuspitzung der terroristischen Aktivitäten, die schließlich in der „Al-Aqsa“-Intifada mündeten.

Dass die Praxis des Selbstmordattentats inzwischen internationale Anwendung findet, zeigt sich an so verschiedenen Orten wie Sri Lanka, Kaschmir, Tschetschenien oder Kurdistan. Von diesen globalen Vernetzungen und den internationalen Erfahrungen profitierte Usama Bin Laden beim Aufbau von Al-Qaida und der Vorbereitung der Anschläge des 11. September 2001. Der entscheidende Unterschied zu bisher bekannten islamistischen Terrororganisationen besteht allerdings in der Tatsache, dass Al-Qaidas Motivation nicht im Kampf für nationale oder regionale Interessen besteht, sondern von der Vision einer islamischen Weltherrschaft lebt.

So gibt Joseph Croitoru, intimer Kenner des Nahen Ostens, mit dieser detaillierten Darstellung Aufschluss über ein wichtiges Kapitel Zeitgeschichte. Seine präzisen Recherchen und fairen Abwägungen machen nachvollziehbar, was als massenhaftes Phänomen nach wie vor so unvorstellbar scheint.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 17.09.2018