Sparte: Belletristik

Martina Hefter
Es könnte auch schön werden

Roman

Halbtotentanz, sehr lebendig

Seit jeher gehören Alter und Tod zu den großen Themen der Literatur. Doch erst in jüngster Zeit wendet sie sich des Öfteren der allerletzten Lebensphase vor dem Sterben zu, die sich dank medizinisch-geriatrischer Wissenschaft und Technik heute immer weiter ausdehnen lässt, manchmal gegen den Willen der Betroffenen. Sieht man von Samuel Beckett ab, der Alter und Invalidität auf unübertroffene Weise zu Metaphern der Condition humaine umdeutete, scheint sich für die Darstellung einer Situation, in welcher der Mensch mit dem Niedergang seiner physischen und geistigen Kräfte, mit Hilflosigkeit und Betreuungsbedarf, Autonomie-  und Gedächtnisverlust konfrontiert ist, die realistische Prosa am besten zu eignen. Neuerdings aber wagen sich auch Lyrikerinnen und Lyriker, jedenfalls die couragierten unter ihnen, auf dieses schwierige Terrain.

Im deutschen Sprachraum hat die 1965 geborene Martina Hefter dabei so etwas wie eine Pionierrolle übernommen.  In ihrem neuen Gedichtband „Es könnte auch schön werden“ beschreibt sie, aus eigener Anschauung eines Falles im familiären Umfeld, den Alltag und die Atmosphäre eines Altenpflegeheims. Oder vielmehr: Sie sucht und findet poetische Ausdrucksmittel für das Unausweichliche und vermeintlich Unaussprechliche, das die meisten von uns fürchten und deshalb totschweigen. Eine besondere Konstellation ergibt sich daraus, dass ein Teil der Gedichte (oder auch des Langgedichts, je nach Betrachtungsweise) zugleich als Text für eine Bühnen-Performance gedacht ist:  Denn Martina Hefter, die aus dem Allgäu stammt, seit den Neunzigerjahren in Leipzig lebt und vor ihren vier Lyrikbänden schon drei Romane veröffentlichte, ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Tänzerin und arbeitet als Performerin ihrer Dichtung an der Schnittstelle von Bewegung und Sprache.

Auch innerhalb des Textes herrscht unablässige Bewegung, und zwar zwischen den verschiedenen Tonlagen, die Hefter erprobt, um eine extreme Erfahrung nicht nur zu schildern, sondern auch zu gestalten, das heißt: die existenzielle Erschütterung durch sprachliche Form zu bewältigen. Die Balance, auch sie ja ein wesentliches Element des Tanzes, muss hier immer wieder hergestellt werden zwischen starken Gefühlen und nüchterner Reflexion, zwischen Empathie und Selbstschutz, Faszination und Abwehr. Da ist einerseits die autobiografische Verortung in der Realität (die kräftezehrenden Besuche bei der bettlägerigen Schwiegermutter) und die kühle Beobachtung der Heim-Routine,  in der durchaus auch Komik lauert – andererseits die Hingabe an die eigene, in dem tristen Milieu auf Hochtouren laufende Fantasie: Diese beiden Wahrnehmungsarten sind wie zwei Ballettstangen, bei denen das lyrische Ich wechselweise Zuflucht sucht, mal im saloppen Slam-Ton, mal mit dem Pathos der Melancholie, oft sarkastisch und immer wieder liebevoll.

Aber die Perspektiven durchdringen einander: Traumwesen, Geister und Teufel bevölkern  den makabren Wirklichkeitsort, die Pflegeheimkatze rapportiert ihre  Eindrücke, eine Gletschermumie spricht zu den Bewohnern. Gesten zwischenmenschlicher Zuwendung und die stille Präsenz des Aushaltens  gewähren immer wieder tröstliche Momente, in „Halbtotengesprächen“ entfaltet sich eine befreiende Anarchie. Martina Hefters dichterisches Experiment ist eine Art Tanz im Vorhof des Totenreichs, aber von großer Lebendigkeit. Und ihr lyrisches Idiom, ganz auf der Höhe der Zeit, bleibt in allen wechselnden Beleuchtungen, die es durchschreitet, klar und plastisch genug, um eine Übertragung in andere Sprachen folgerichtig erscheinen zu lassen.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 20.12.2018

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.