Sparte: Sachbuch

Jürgen Goldstein
Die Entdeckung der Natur. Etappen einer Erfahrungsgeschichte

Sachbuch

Buchbesprechung

​Als der große Ethnologe und Forschungsreisende Claude Lévi-Strauss in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts die fremdartige Natur der brasilianischen Urwälder erlebte, führte das zu einer Bestürzung, einer Fassungslosigkeit, deren Nachwirkungen auch Jahrzehnte später noch spürbar waren. Seine dreitausend Kilometer ins Landesinnere führende Expedition versetzte ihn in eine Art geistigen Erregungszustand: „Ich fühlte mich, als ob ich die Abenteuer der ersten Reisenden des 16. Jahrhunderts nacherlebte. Ich entdeckte die Neue Welt auf eigene Rechnung. Alles erschien mir märchenhaft: die Landschaften, die Tiere, die Pflanzen…“.

Die Reisen in zumeist unbekannte, entlegene Weltgegenden, die Jürgen Goldstein, Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau, in seinem 2013 erschienen Buch „Die Entdeckung der Natur“ versammelt, sind immer auch Begegnungen mit den Randbereichen des Menschlichen, dem ganz Anderen, Fremden. Denn der Mensch, schreibt Goldstein in seiner Einleitung, sei das weit um sich schauende, seinen Sehkreis ständig erweiternde Geschöpf, ein Tier mit Borderline-Symptomen, das durch den unermeßlichen Reichtum der Erde zum Anschauungsnomaden geworden sei. Das Überschreiten von Grenzen, das Überwinden von Hindernissen gehöre zu seiner Wesensart: „Die angestammte Küste hinter sich zu lassen und die See zu befahren ist Ausdruck des Willens, der Verheißung des leeren Horizonts zu folgen.“

Die Zeugnisse dieser Entdeckungsreisen zu Lande und zu Wasser werden in diesem Buch, so sein Untertitel, als „Etappen einer Erfahrungsgeschichte“ erzählt, als Ausdruck einer sich wandelnden Vorstellung von Natur. Die Gründungsurkunde dieses Weltzugangs, die Wahrnehmung der Natürlichkeit der Natur datiert Goldstein auf den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, genauer auf Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux im Jahre 1336. Doch auch Petrarca steht schon in einer literarischen Tradition, sein Blick ist gelenkt von Büchern, die er gelesen hat, und auch seine Aufzeichnungen werden spätere Reisende anleiten. Wer aufbricht in eine fremde Welt, wer eine neue Seeroute, einen Kurs durchs ewige Eis, einen Weg zum Gipfel sucht, kennt oft schon Berichte anderer Abenteurer und Entdecker, hat sich locken lassen von den Beschreibungen exotischer Pflanzen oder sagenhafter Schätze. Und sieht dann häufig, was er sich in seiner Phantasie bereits ausgemalt hatte.

Wie weit die Perspektive dieses Buches ist, das in der von Judith Schalansky ins Leben gerufenen Reihe „Naturkunden“ im Verlag Matthes & Seitz Berlin erscheint, zeigt die Bandbreite der sechzehn auf knapp dreihundert Seiten verteilten Kapitel. Christoph Kolumbus‘ große Leistung war nicht die Entdeckung der Neuen Welt, sondern der Mut zum Aufbruch. Als er sich 1492 Meer und Wind auslieferte und Amerika erreichte, wurde die Landschaft des unbekannten Kontinents zu seinem eigentlichen Erlebnis, das er aber am Beispiel ihm vertrauter Bäume, Sträucher und Blumen zu beschreiben vermochte. Für Maria Sibylla Merian, die 1699 von Amsterdam nach Surinam aufbrach, war die Erforschung der Natur ein Akt der Frömmigkeit, auch die zu ihrer Zeit verachteten Insekten gehörten zu Gottes Plan, ließen sie doch die Natur als Reich eigener Regelhaftigkeit, der Pracht und Fülle erkennen.

Goethe wiederum, der 1777 den Brocken bestieg, fand in der rauhen Natur des Harzes ein willkommenes Gegenbild zu seiner höfischen Welt und damit einen Weg, die eigene, durch den Tod der Schwester entstandene innere Unruhe zu überwinden. Der im Winter gelingende Aufstieg zum Gipfel wurde zum Zeichen der Götter und zur Bestätigung des Auserwähltseins. Der Insektenforscher Jean-Henri Fabre, der 1865 den Mont Ventoux bestieg, interessierte sich (anders als Petrarca) nicht für Panoramen, sondern für Details. Ihm ging es um die Pflanzen- und Tierwelt des Berges – für ihn nur ein Haufen Schotter, der die Beobachtung seltener Exemplare ermöglichte: „Ein Fest der Augen“.

Fridtjof Nansen hingegen, der 1895 zu Fuß den 86. Breitengrad erreichte, nachdem sein Schiff seit Monaten festgefroren war, sah sich einer gänzlich verlassenen, in Kälte und Eis erstarrten Welt ausgesetzt, in der das Bellen der Hunde eine jahrhundertealte Stille durchbrach. In diesem Reich der Natur hat der Mensch keinen Platz mehr. In einer ebenso lebensfeindlichen Umgebung muß sich Reinhold Messner behaupten, als er 1980 ohne Begleitung den Mount Everest besteigt. Das ultimative Abenteuer macht die Landschaft zur Kulisse, das Klettern geschieht um seiner selbst willen: „Wenn das anscheinend Unmögliche Realität wird, findet ein aufregender Bewußtseinsprozeß statt. Und ihren intensivsten Ausdruck findet diese Spannung im extremen Klettern. Beim Höhersteigen ist diese Selbsterfahrung von höchster Intensität. Alles ist Fließen. Nicht der Gipfel, nicht der Weg, das Überleben wird dabei zum Sinn.“

Aus solchen Extremerfahrungen entsteht eine Arbeit an der Wirklichkeit, bei der sich die innere Natur des Menschen an der äußeren mißt, sich in dieser behaupten muß. Damit ist ein Endpunkt des Naturerlebens erreicht. Zumal, wie Jürgen Goldstein abschließend feststellt, das Zeitalter der Entdeckungsreisen, der Erforschung des Unbekannten, mit der fast lückenlosen Vermessung und Erfassung der Welt ohnehin längst vorüber ist. Zum Glück kann man mit seinem vom Lockruf der Ferne erzählenden Buch noch einmal auf große Fahrt gehen. 
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 18.01.2014

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".