Sparte: Sachbuch

Thomas Macho
Vorbilder

Sachbuch

Buchbesprechung

​Zu den beliebtesten Gemeinplätzen der Kulturkritik gehört die Klage über den flächendeckenden Formverlust seit Anbruch der Moderne, den zunehmenden Mangel an Maßstäben und Idealen. Nachdem religiöse und institutionalisierte Werte an Verbindlichkeit eingebüßt hätten, so der Gedanke, sei mit dem Zugewinn an individueller Freiheit vor allem das Ausmaß an Chaos, Orientierungslosigkeit, existenzieller Verwirrung gewachsen. Das Tempo der Veränderungen und wechselnden Ansprüche überfordere selbst das flexible Bewusstsein.

Auch der an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Kulturwissenschaftler Thomas Macho konstatiert im zweiten Satz seines Bandes "Vorbilder", dass in der modernen Lebenswelt "die Formen – ihre ohnehin wenig prominenten – Bedeutungen eingebüßt haben". Noch vor wenigen Jahrzehnten etwa gaben Grundschulzeugnisse Auskunft über das "Betragen", die "Schrift und Form" der ABC-Schützen. Inzwischen ersetzt das Textverarbeitungsprogramm selbst bei den Jüngsten die Handschrift, wer als Erwachsener auf Wahrung der Form – ob nun die kalligraphische oder die des gesellschaftlichen Umgangs – besteht, gerät schnell in den Verdacht, an einer Zwangsneurose zu leiden. Und dennoch, so die paradox zugespitzte These, ist die Moderne, so chaotisch und amorph sie auch scheint, "ein Zeitalter des Triumphs der Formen und der Vorbilder: In Kunst und Wirklichkeit".

Der platonische Ideenhimmel, in dem seit der Antike das ideale Dreieck neben dem idealen Pferd seinen idealen Ort hat, ist inzwischen kapitalismus- und globalisierungstauglich geworden. In den Metropolen der westlichen Gesellschaft haben die Menschen in Gestalt von Marken und Logos die Schatten der neuen Gottheiten vor Augen. Geometrische Figuren umzingeln die Massensportler des Konsums, die sich an Supermodels und Bodybuildern orientieren. "Männer träumen heute ebenso wie Frauen in Zentimetern und bei Bedarf wird verlängert, vergrößert" und weggeschnitten, was dem Ideal nicht zu entsprechen scheint.

Dass Schönheitswahn und Körperkult erst mit dem Siegeszug der Massenmedien aufkamen, scheint als Erkenntnis zunächst wenig spektakulär. Originell ist allerdings durchaus, wie Macho diesem Gedanken Profil verleiht: Im Assoziationsrausch vagabundiert er durch Film-, Kirchen-, Philosophie-, und Alltagsgeschichte, um das "bildhafte normative Ideal" des technisierten Zeitalters mit dem "erzählenden Ideal" zu kontrastieren, das lange vor der Erfindung des Internets, des Fernsehens und des Buchdrucks Halt und Orientierung bot.

So wird in einem der insgesamt siebzehn überwältigend ausufernden Kapitel die Genealogie von der Jungfrau Maria zu Carla Bruni, der Ex-First-Lady Frankreichs, nachgezeichnet. Ein bedeutendes Mittelglied dieser Ahnenreihe ist Johanna von Orleans. Das Mädchen aus Lothringen, das das französische Heer im Hundertjährigen Krieg gegen England führte, ist bis heute umkämpfte politische Figur geblieben. Der rechte Front National Jean Marie Le Pens beansprucht den nationalen Mythos Jeanne d´Arc ebenso wie die Linke, die den visuellen Topos der bewaffneten Jungfrau mit dem Bild der revolutionären, barbusigen Marianne in Verbindung bringt.

1920 fand die erste Misswahl in Frankreich statt. Dass in demselben Jahr auch Jeanne d´Arc heilig gesprochen wurde, ist eine effektvoll eingestreute, aber nicht über Gebühr interpretierte Beobachtung Machos. Sein kulturhistorischer Spürsinn richtet sich hier vielmehr auf die Umstände, die dazu führten, dass Misswahlen in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg boomten: "Die modernen Waffen hatten eine so unglaubliche Vielzahl und Variationsbreite an Verletzungen, Verstümmelungen hinterlassen, dass niemand mehr eine Freak-Show brauchte", wie sie sich vor allem Ende des 19. Jahrhunderts auf den Jahrmärkten großer Beliebtheit erfreuten. Die Generation, die den ersten Weltkrieg durchlebt hatte, gierte regelrecht nach visueller Regelkonformität und normierter Schönheit.
Allerdings geht es Macho um mehr als um die Engführung von Misswahl und Missbildung. Für ihn zeichnet sich der moderne Umgang mit Vorbildern nicht zuletzt dadurch aus, dass die ursprünglich zeitliche Dimension, das Zukunftsweisende des Vor-Bildes nahezu vollkommen in Vergessenheit geraten ist. Denn selbst dann, wenn jede Zeit für uns an ihr Ende gelangt, brauchen wir noch Idole, Vorläufer oder Role Models.
In dem irritierendsten Kapitel des reich und eindrucksvoll bebilderten Bandes geht Macho den makabren Vorbildfunktionen prominenter und fiktionaler Selbstmörder nach. So sollen zu Goethes Lebzeiten mindestens ein Dutzend Werther-Leser den Freitod gewählt haben. Man fand sie bekleidet mit blauem Frack und gelber Weste – wie der Held des Briefromans, der aufgeschlagen auf dem Tisch vor ihnen lag. Als 2009 der Selbstmord des Fußballspielers Robert Enke durch die Medien ging, kam es zu einem dramatischen Anstieg an "Schienensuiziden".

Und irgendwo zwischen Künstler-Mythos und Alltagstragik ist die Geschichte der jungen Unbekannten anzusiedeln, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in der Seine das Leben nahm. Das friedliche, geheimnisvolle Lächeln der Ertrunkenen hatte den Mitarbeiter des Leichenschauhauses so gerührt, dass er der Toten eine Gipsmaske abnahm. Rilke spielte später in einem Gedicht auf die leblose Schönheit an, Louis Aragon huldigt dem "Lächeln jenseits des Schmerzes" in seinem Roman "Aurélien".

Folgt man dem englischen Literaturwissenschaftler Alfred Alvarez soll die Inconnue de la Seine mit ihrem vom Wasser gestrafften Mittelscheitel für die "Generation deutscher Mädchen" vor dem ersten Weltkrieg ähnlich stilprägend gewesen sein wie Brigitte Bardot in den fünfziger Jahren. Für Macho letztlich verkörpert diese Maske das mimetische Begehren schlechthin: Mehr noch als vom Todestrieb, wird der Mensch vom "Verlangen nach dem Bild" beherrscht. 
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 18.04.2013

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.