Sparte: Belletristik

Norbert Gstrein
Eine Ahnung vom Anfang

Roman

Buchbesprechung

​Bei einem verhaltensbiologischen Experiment mit Tauben wurde festgestellt, dass sich die Tiere umso stärker mit ihrer Fütterung beschäftigen, je unregelmäßiger diese erfolgt. Dieses Phänomen der „unterbrochenen Zuwendung“ kennen auch die Leserinnen und Leser von Norbert Gstrein: Je sparsamer dieser Schriftsteller die Fakten dosiert, je mehr falsche Fährten er auslegt, desto stärker schlägt die Geschichte in ihren Bann. Dass er ein Meister der untergründigen Spannung ist, bewies der 1961 in Tirol geborene und heute in Hamburg lebende Mathematiker bereits mit Romanen wie „Das Handwerk des Tötens“ von 2003 oder „Die englischen Jahre“ von 1999. Dieser Titel bezieht sich auf den österreichischen Juden Gabriel Hirschfelder, der während des Zweiten Weltkriegs in ein Londoner Internierungslager kommt. „Eingezwängt zwischen Schlafen und Wachen" geht dort ein Neuronengewitter von Erinnerungssätzen auf ihn nieder. Eine ähnliche Erzählsituation herrscht auch in Gstreins jüngstem Roman „Eine Ahnung vom Anfang“, selbst wenn dieser im tiefsten Frieden spielt. Doch der namenlose Ich-Erzähler, ein Deutschlehrer in Tirol, kann sich ebenso wenig wie Hirschfelder von seinen Erinnerungen befreien - von denen an seinen Bruder Robert, der sich das Leben nahm, und jenen an seinen einstigen Lieblingsschüler Daniel.
Eines Tages wird auf dem Bahnhof der Provinzstadt eine Bombenattrappe gefunden, begleitet von einer biblischen Mahnung zur Umkehr. Der Lehrer glaubt, auf dem Fahndungsfoto Daniel wiederzuerkennen. Das setzt bei dem vereinsamten Mann einen inneren Monolog in Gang, einen Strudel an Rückblenden. In deren Zentrum steht wie eine Beschwörungsformel „jener Sommer vor zehn Jahren“. In einer flirrenden Atmosphäre des pädagogischen Eros traf sich der Ich-Erzähler damals mit seinen ehemaligen Schülern Christoph und Daniel am Flussufer. Gemeinsam richteten sie eine verfallene Mühle her – seit jeher ein für die Romantik bedeutsamer Ort, man denke nur an Franz Schuberts „Müllerlieder“. Der Lehrer resümiert ein Gespräch mit einem Kommissar, der ihn gelegentlich in der Mühle aufsuchte: „Als ich anfing, ihm davon zu erzählen, merkte ich selbst, was für ein Glück ich gehabt hatte, was für ein unglaubliches Geschenk diese Wochen für mich über die Jahre geworden waren, ganz und gar herausgefallen aus der Zeit.“
Worin aber bestand „das Ungefähre unserer Stunden am Fluss“? Wie einst seinen jüngeren Bruder ermuntert der Lehrer die jugendlichen Sommergäste zur Lektüre von Camus oder Hermann Hesse. Trifft ihn deshalb tatsächlich eine Mitschuld an Daniels Entwicklung hin zu einem religiösen Fanatiker? Immerhin waren Mathematik und Religion seine Lieblingsfächer, zwei Disziplinen, die sich im Grunde widersprechen. Als dann ein amerikanischer Prediger mit seiner Großfamilie in der Gemeinde auftauchte, begann sich der junge Mann ernsthaft mit dem Reverend und dessen Rettungsphantasien auseinanderzusetzen und reiste ebenfalls nach Jerusalem. Der Lehrer hingegen empfand den Amerikaner bloß als „grotesk“ und fragt sich jetzt, ob das ein Fehler war.
In allen Einzelheiten vergegenwärtigt der Ich-Erzähler sich die Ereignisse von damals, stellt Hypothesen auf, entwirft ein Leben in der Möglichkeitsform. Unmerklich bildet sich eine Atmosphäre der latenten Bedrohung, die in krassem Gegensatz zur sommerlichen Auenidylle steht. Das Ende dieses Entwicklungsromans, der kein eigentliches Zentrum hat, fällt ebenso offen wie unerwartet hoffnungsvoll aus, nicht zuletzt, weil eine Frau ins Spiel kommt. Dass man jede Seite von „Eine Ahnung vom Anfang“ mit wachsender Spannung liest, ist das Verdienst des strengen Stilisten und perfekten Konstrukteurs Norbert Gstrein, der jeder Ornamentik misstraut. Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Autor propagiert er Literatur als Herausforderung an unsere Zeitgenossenschaft.
Katrin Hillgruber

Von Katrin Hillgruber, 18.06.2014

​Die Autorin lebt als freie Literaturkritikerin und Kulturjournalistin in München und war von 2009 bis Ende 2012 Belletristik-Jurorin bei Litrix.de