Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Lorenz Pauli
Kathrin Schärer (Illustrator)

nur wir alle

Bilderbuch

Buchbesprechung

​ Tiere gibt es wie Sand am Meer in Bilderbüchern, aber richtige Charakterköpfe schon viele, viele Sandkörner weniger. Jetzt liegt ein Bilderbuch vor mir, das bereits auf dem Cover so einen Charakterkopf ins Bild rückt: den Kopf eines Hirsches. Das Tier sieht eigentlich ganz naturalistisch gezeichnet aus, wenn nicht dieser besorgte und fürsorgliche Blick nach oben wäre, Richtung mächtiges Geweih. Und dort oben turnen drei andere, nicht minder ausdrucksstarke, aber wesentlich kleinere Charaktergestalten herum. Was treiben die denn da? Sieht so aus, als würde ein Erdmännchen einen Plastikeimer mit einem Fisch drin ans Geweih hängen wie an einen Garderobenständer. Ein Mäuschen hilft dem Erdmännchen dabei, den Eimer zu stützen, damit das Wasser nicht überschwappt.

Noch keine Seite von Lorenz Paulis Geschichte „Nur wir alle“ gelesen, noch keins von Kathrin Schärers Bildern im Inneren des Buches angeschaut – und trotzdem möchte man schon wissen, was da Seltsames geschieht. Eins ist sicher: Konkurrenten oder gar Feinde sind die vier Geschöpfe auf dem Titelbild nicht. Zwischen diesen höchst unterschiedlichen Wesen, zu denen sich in der Geschichte noch eine Elster und ein riesengroßer Bär gesellen, passiert etwas sehr Freundliches.
Wie viele Tiere wohl im Lauf der Geschichte des Bilderbuchs schon über die Seiten gehuscht sind, um ihre mehr oder minder tugendhaften Stellvertreter-Missionen zu erfüllen? Aber nur wenige davon blieben uns seit Kindertagen in Erinnerung. Und die heutige Generation ganz junger Bücherfreunde hat es noch schwerer.

Tatsächlich geht es auch in diesem Fall um moralische Botschaften. Es geht um die Freude am eigenen Tun, es geht um die Offenheit, die Neugierde, mit der man Fremden begegnen könnte, mit anderem Aussehen, mit anderen Gewohnheiten und mit anderen Ideen. Es geht um den manchmal gar nicht so einfachen Prozess der Annäherung, um das Ablegen von Vorurteilen und das Finden gemeinsamer Regeln des Zusammenseins und Miteinanderspielens.

Diese Anliegen sind zwar ebenso wenig neue Bilderbuchthemen wie der Auftritt von Legionen sämtlicher zoologischer Gattungen als moralische Botschafter. Wie die beiden Künstler die Geschichte sprachlich und bildlich arrangieren, das allerdings ist bemerkenswert. Wie Lorenz Pauli kurze, treffende, witzige Dialoge und Statements auf die Seiten setzt, wie er kleine Kommentare einfügt, die die Spannung erhöhen – das verstehen Kinder und das setzt sich in ihnen fest. Kathrin Schärer führt Paulis Sprachkunst mit ihrer Mischtechnik-Illustration kongenial fort: Nahaufnahmen der Tiere (fokussierte Charakterköpfe und Handlungsdetails). Treffende Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen. Konzentration auf das wesentliche Geschehen. Keiner oder nur ganz schwach angedeuteter, nahezu nebulöser Hintergrund, der nicht von der Kerngeschichte ablenkt. Und dazu dramatische Bildkompositionen bei der Darstellung von Angst und Schrecken und Freude. Was für eine lebendige, witzige und hoffnungsfrohe Schlussszene!

Egal, ob die Kinder die Geschichte selber lesen oder sie ihnen vorgelesen wird: „Nur wir alle“ könnte sich im Gemüt von Kindern heute so einnisten, wie uns Erwachsenen manche Tiergeschichte von vorvorgestern unvergessen bleibt. 
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 22.09.2013

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.